Es ist nicht leicht, Wang Hui zu treffen. Denn der Philosoph ist ständig auf Reisen. Im vergangenen Wintersemester gab er ein Gastseminar an der Stanford University. Zuvor trieben ihn seine Forschungen nach Japan, Nepal und Venezuela. Doch dann kommt plötzlich ein Anruf: Er freue sich über einen Besuch in Peking. Sein Domizil auf dem Gelände der Tsinghua-Universität ist allerdings nicht leicht zu finden. Es geht durch kleine Gassen mit Garküchen, wie es sie in Peking kaum noch gibt. Wang dirigiert per Handy den Taxifahrer zu einem Wohnblock, der an die alten kommunistischen Betriebseinheiten erinnert: Das abgezäunte Gelände ist voller Menschen, vor den Haustüren sitzen Alte und Kinder und genießen gemeinsam die Sonne.

Wang Hui schätzt das altmodische Quartierleben. Nicht nur vor der eigenen Haustür genießt der Jetset-Intellektuelle die vertraute Atmosphäre. Küche und Esszimmer seiner Dreizimmerwohnung hat er traditionell eingerichtet, mit Wok-Herd und schweren chinesischen Holzmöbeln. Und wie sich das gehört, wird der Besucher von ihm höchstpersönlich bekocht. Am Morgen hat der Philosoph ein Huhn aufgesetzt, nun serviert er das Fleisch separat von der nahrhaften Hühnerbrühe. So will es eine alte chinesische Sitte. Wang erläutert sie ausführlich, während er die heiße Brühe aus einem Porzellanschälchen schlürft.

Dabei entspinnt sich eines jener kulinarischen Tischgespräche, die in China zum Umgang unter Intellektuellen dazugehören. Wer das Essen nicht würdigt und gleich mit Politik oder Wissenschaft ins Haus fällt, missachtet die grundlegenden Regeln der Etikette. Und wer Wang näher kennt, ahnt, dass er von seinen allermeisten westlichen Besuchern enttäuscht ist. Er hat sie alle empfangen: Jürgen Habermas, Jacques Derrida, Peter Sloterdijk. Kein großer westlicher Denker kam in den vergangenen zehn Jahren nach Peking, ohne Wang Hui einen Besuch abzustatten. Doch die Westler wollten vor allem ihre eigenen Lehren verbreiten und waren kaum bereit, in China selbst etwas zu lernen.

Dabei kann man von wenigen Menschen so viel über den Geisteszustand Chinas erfahren wie von dem Mann, dessen Denken die chinesische Politik seit der Jahrtausendwende massiv geprägt hat. Chinas Verzicht auf neoliberale Finanzreformen, die Wiederentdeckung der Sozialpolitik für die Massen und seine heutige relative Stärke in der weltweiten Wirtschaftskrise resultieren nicht zuletzt aus Wangs vehementem Widerspruch gegen die Marktreformer in der KP.

Im Herbst 1997, als sich die Kommunistische Partei während der Asienkrise anschickte, die meisten Staatsbetriebe aufzulösen, schrieb Wang Hui sein bis heute wichtigstes Pamphlet über die ideelle Verfassung im heutigen China und die Frage der Modernität. Er warnt darin vor der kritiklosen Übernahme westlichen Denkens und fordert die Schaffung »neuer Theorien und Systeme«. Chinas Intellektuelle, sagt Wang, hätten unter Modernisierung vor allem die Kritik der eigenen Tradition verstanden, »wobei sie die Kultur und die Werte der modernen westlichen Gesellschaft zum Maßstab nahmen«. Doch die Gegensätze »Westen/China« oder »Kapitalismus/Sozialismus« seien den neuen Problemen des »kapitalistischen Globalisierungsprozesses« gegenüber blind.

Diesem veralteten Denken will Wang seinen Begriff von »Neuaufklärung« entgegensetzen. Er begründet diesen Ansatz etwa mit der Lage der Reformverlierer in China, der Bauern, und schlägt vor, »Elemente wie die ländlichen Betriebe und Dorforganisationsformen auf neue Weise zu nutzen«. In der typischen Manier des KP-Intellektuellen wirft Wang damit die von Mao Tse-tung gestellte »Bauernfrage« wieder auf. Das ist nicht nur ein taktischer Schachzug. Chinas Bauern stellen die große Mehrheit der Bevölkerung und verdanken ihren Lebensunterhalt der egalitären Landreform der siebziger und achtziger Jahre. Deren Geist aber unterscheidet sich diametral vom marktliberalen Ansatz der KP Ende der Neunziger. Diese wollte damals das Land der Bauern privatisieren, um landwirtschaftliche Großbetriebe nach westlichem Muster zu schaffen. Doch was passiert dann mit 800 Millionen freigesetzten Bauern ohne Land? Diese grundlegende soziale Frage wagte Wang als erster Intellektueller in der Reformära wieder zu stellen. Sein Aufsatz von 1997 machte ihn auf Anhieb zum Wortführer einer neuen Strömung am Rand der Partei: der sogenannten Neuen Linken, als deren Kopf und Begründer er heute gilt.