Wer denkt für morgen? Mit Konfuzius in die ZukunftSeite 3/3

Damit will Wang nicht zuletzt die Kontinuität des öffentlichen politischen Diskurses in China unter Beweis stellen. Für ihn sind die Neokonfuzianer der Song-Dynastie nicht weniger kritisch und verzweifelt angesichts der Verkrustungen ihres Reiches als die Republikaner von 1911 oder die Kommunisten im Zuge der Bauernrevolution von 1949. Ihre Ideen schufen die Grundlage für einen Wandel des jeweiligen Systems – Umbrüche, die Wang aber nicht als Bruch mit der Geschichte versteht, sondern als ihre Fortschreibung unter veränderten Bedingungen. Und genauso sieht er die aktuelle Entwicklung Chinas.

»Ich versuche den Begriff ›China‹ von dem europäischen Modell nationaler Identifizierung zu befreien. China ist viel reichhaltiger, flexibler und multikulturell verträglicher, als bisher aufgezeigt wurde«, sagt Wang. So habe man etwa seit dem 10. Jahrhundert die Integration von Minderheiten diskutiert und multiethnische Gesellschaftskonzepte entworfen. Das habe China geholfen, viele der negativen Folgen zu vermeiden, die mit der Gründung der europäischen Nationalstaaten verbunden gewesen seien.

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Natürlich muss er in diesem Zusammenhang auf die Tibet-Frage zu sprechen kommen, doch zunächst wird das Essen abgetragen. Wang bereitet grünen Tee zu, stellt eine Flasche Whisky auf den Tisch und macht es sich auf einem westlichen Sofa bequem. Jetzt ist er in Debattierlaune.

Über die Tibet-Diskussion im Westen zeigt er sich entsetzt. Er staunt über die Faszination, die der Lama-Buddhismus ausübt, und die Widerspruchslosigkeit, mit der sich westliche Intellektuelle im Fall Tibets von ihren säkularen Überzeugungen verabschieden. »Tibet ist eine tiefreligiöse Gesellschaft, die statt einer Säkularisierung heute ein Wiedererstarken der Religion erlebt«, sagt Wang. Dass der Westen das befürworte und die Chinesen als Unterdrücker beschimpfe, ist für den Philosophen wieder ein Fall falscher nationaler Identifizierung: Die chinesische und die tibetische Kultur hätten sich seit dem 9. Jahrhundert viel stärker gegenseitig beeinflusst, als man das im Ausland wahrnehme. »Es wird im Westen immer noch unterschätzt, wie stark China ethnisch gemischt ist und wie sehr sich das im Bewusstsein der Chinesen eingeprägt hat.«

Doch Wang Hui weiß auch, wie unterschiedlich das im Westen gesehen wird und wie mühsam der philosophisch-politische Dialog zwischen den Kulturen ist. Dabei sei dieser Dialog nötiger denn je, meint Wang Hui. »Die Bewältigung der umwelt- und sozialpolitischen Herausforderungen in China betrifft letztlich die ganze Welt«, umreißt er den globalen Aspekt seiner Arbeit. Schon allein deshalb könne der Westen die chinesische Regierung mit ihren Hausaufgaben nicht allein lassen. Die Zusammenarbeit aber werde nur funktionieren, wenn der Westen die über Jahrhunderte gewachsenen politischen Strukturen und Denkweisen Chinas, die heute auch in der KP ihren Ausdruck fänden, besser verstehe.

Vermutlich kann es dafür kaum einen geeigneteren Vermittler geben als diesen weltläufigen Philosophen, der sich den traditionellen chinesischen Sitten verbunden fühlt und zugleich der globalen Intellektuellen-Elite angehört. Und vielleicht kann sein Werk über Die Entstehung des modernen chinesischen Denkens auch im Westen zu einer neuen Sichtweise auf China führen. Leider muss man auf das Buch noch eine Weile warten: Die englische Übersetzung soll frühestens 2010 fertig sein.

 
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