Nationalsozialismus Als wir jung warenSeite 4/4
Wellershoffs Generation stand auf Trümmern, wohin das Auge sah. Sieben Jahre war der totale Krieg her, doch seine Spuren waren noch da, als der 26-Jährige 1952 den Kölner Dom bestieg. Zu seinen Füßen sah er eine Ruinenlandschaft mit notdürftig geräumten Straßen. Es war ein zwiespältiges Bild, das sich ihm bot. Im Untergang steckte die Hoffnung auf einen Neuanfang, doch im Boden schlummerten Bomben, "die aus irgendeinem Grund nicht explodiert waren und die man erst entdecken würde, wenn der weitere Aufbau der Stadt tiefere Fundamente brauchte". So beschreibt es Wellershoff in seinem Erinnerungsessay Die Nachkriegszeit – Anpassung oder Lernprozess. Und im Geistigen sei es nicht anders gewesen. "Auch da war noch mancherlei verborgen und sollte erst viel später zum Vorschein kommen."
Als die NSDAP-Karteikarten bundesrepublikanischer Idole auftauchten, haben einige Publizisten versucht, deren demokratisches Lebenswerk gegen die vermaledeiten Karten in Schutz zu nehmen – aus einem simplen Grund: Eine jüngere Generation möchte selbst leise Zweifel an der biografischen Geradlinigkeit ihrer Helden tilgen. Eine Schwarz-Weiß-Welt, in der es die bösen Nazis gab und die guten Bundesrepublikaner, die mit ihnen aufräumten. Dass auch gebrochene Biografien lehrreich, ja vorbildlich sein können, passt nicht ins Dogma nachgeborener Hohepriester deutscher Vergangenheitsbewältigung.
Auch Wellershoff hat, nach den Enthüllungen über Walser, Grass und andere, die Aufregung um die NSDAP-Mitgliedschaften in einem Spiegel- Essay als "journalistisches Sommertheater" bagatellisiert. Die SS-Mitgliedschaft des jungen Grass allein sei "kein kritikwürdiger Tatbestand". Er nannte es aber einen Skandal, dass Grass "es 60 Jahre lang nicht gewagt hat, darüber zu sprechen, und stattdessen harmlose Geschichten über seine Existenz als Flakhelfer in Umlauf gebracht hat".
Und nun er selbst. Als Erzähler wie als Essayist sind Dieter Wellershoff Erkenntnis und Wahrheit stets Anliegen gewesen. Er hat über seine jugendliche Begeisterung für Hitlers Wehrmacht geschrieben und über seinen Wunsch, an der Front zu kämpfen. Als er in den neunziger Jahren zur Kur nach Bad Reichenhall ging, wo er ein halbes Jahrhundert zuvor verwundet gelegen hatte, schrieb er über die Begegnung mit der eigenen Vergangenheit das Buch Der Ernstfall. Darin berichtet er von einem Missgeschick.
Im Sommer 1945, aus der Kriegsgefangenschaft zurück, grüßt er gedankenlos einen alten Lehrer auf der Straße mit dem Hitlergruß: "Es war mir herausgerutscht, ein blöder Versprecher, kompromittierend wie bekleckerte Kleidung. Der Makel klebte an mir und ließ mich lächerlich aussehen. Ich konnte ihn nicht abwischen, nicht durch irgendeine rasche beflissene Korrektur."
"Vielleicht darf man hoffen", schrieb Dieter Wellershoff über die Vergangenheitsbewältigung des Schriftstellerkollegen Grass, "dass mit dieser exemplarischen Geschichte die Nachkriegszeit zu Ende geht." Doch es ist noch nichts zu Ende, auch nicht für Wellershoff. In den Trümmern der deutschen Geschichte schlummern immer noch Bomben.
- Datum 22.06.2009 - 19:35 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.06.2009 Nr. 25
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Ob der heute 83 Jahre alte Schriftsteller Dieter Wellershoff einen Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP gestellt hat, ist nicht bewiesen. Wellershoff wusste laut eigener Bekundung nichts von einer entsprechenden Karteikarte, auf der u.a. auch sein Name steht.
Wie glaubwürdig Wellershoff erscheint, muss wohl zunächst jeder für sich selbst entscheiden. Vorzuverurteilen ist Wellershoff jedoch nicht! Solange es keine Beweise für eine von ihm initiierte Mitgliedschaft in der NSDAP gibt, sollte man diesem kritischen Geist glauben.
Die Aufarbeitung der Vergangenheit dauert deshalb so lange, weil wir alle neben Gegenwart und Zukunft eben auch jeweils eine ganz individuelle Vergangenheit mit uns herumschleppen. Die sich uns gegenüber tagtäglich entfernt.
Aber von der wir uns unter Umständen - manchmal unbewusst - selbst distanzieren.
aus einem Saulus ein Paulus geworden sein? Vor allem wenn er bei Kriegsende erst 20 war?
Wir haben im Bundestag und anderswo doch auch den einen oder anderen ehemaligen Anhänger von ziemlich totalitären Ausprägungen des Marxismus-Leninismus (K-Gruppen usw.), und ehemalige Sympathisanten der RAF. Die haben doch nur das Glück gehabt, dass ihre Träume sich nicht verwirklichen liessen.
Die Vorstellung, dass Deutschland voll von Nazi-Gegnern gewesen sei, die 1945 aus dem Untergrund hervorgekommen wären, ist genauso absurd wie die Vorstellung, die deutsche Mehrheit sei kriegslüstern, blutrünstig, grausam und rassistisch gewesen.
Tatsächlich bestand wohl die Mehrheit aus Anpassern, Mitläufern und Opportunisten, vielleicht auch Feiglingen, die ihr Schäfchen ins Trockene bringen wollten, Karriere machen und gegen Ende einfach nur mit ihrer Familie heil überleben wollten.
Gar nicht so anders als heute - nur die Umstände haben sich geändert.
Das ist ja gerade das Erschreckende!
Und der Aktenlage kann auch nur ein Historiker 100-prozentig vertrauen: auch und gerade im 3. Reich wurde geschummelt, gelogen und betrogen. Manchmal war das sogar besser als knallharte Ehrlichkeit auf Kosten anderer.
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