Zeitgeschichte Enteignen? Stoppen!

Hat der ZEIT-Verleger Gerd Bucerius die Medien-Kampagne gegen Springer unterstützt? Theo Sommer erinnert sich

Haben Gerd Bucerius, der Verleger von ZEIT und stern, und der Spiegel- Verleger Rudolf Augstein 1967/68 die »Enteignet Springer«-Kampagne der aufmüpfigen Studenten um Rudi Dutschke finanziert? Peter Schneider hat es zunächst behauptet; inzwischen tut er es nicht mehr (siehe unten). Die Bild- Zeitung, ihre damaligen Hetzparolen gegen die Studenten dreist überspielend, greift es begierig auf. Das Hamburger Abendblatt vermeldet vage, aber gezielt, Bucerius und Augstein »zahlten an die Macher der Anti-Springer-Kampagne«.

Was ist wirklich dran an all den Berichten und Gerüchten? Um es kurz zu machen: Mit Enteignung hatte Bucerius nichts im Sinn. Allerdings war er gegen Springers Marktbeherrschung und scheute sich deswegen auch nicht, die Studenten zu unterstützen – bis sie ihm zu radikal wurden.

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Das Jahr 1967 war mein zehntes Jahr als politischer Redakteur bei der ZEIT. Die Redaktion war klein damals, der Kontakt mit dem Verleger eng und offen. Wir debattierten ständig über vielerlei Themen – unter anderem auch über die wachsende Marktmacht der Springer-Presse, die Bucerius beunruhigte. Und der Verleger wie seine Redakteure waren gleichermaßen bemüht, die rebellierenden Studenten und die Ziele der Apo, der außerparlamentarischen Opposition, zu verstehen.

Was gibt meine Erinnerung her? Was lässt sich den Akten entnehmen?

Ich entsinne mich, dass Axel Springers Ausdehnungsstrategie Gerd Bucerius 1966/67 umtrieb. Den Erwerb von Kindler & Schiermeyer in München durch den Konkurrenten sah er als Kampfansage an, zumal dem bald die Übernahme von Bravo und Eltern folgte und Jasmin vor der Taufe stand. »Überall bohren Sie sich hinein«, schrieb der ZEIT- Eigentümer an Springer. »Eine Macht, wie Sie sie aufbauen«, zitiert ihn Hans-Peter Schwarz in seiner monumentalen Springer-Biografie, »verletzt die Verfassung.« Augstein sah es genauso: »Kein westliches Land ist bekannt, in dem ein einzelner Mann 40 Prozent der gedruckten Nachrichten und Meinungen kontrolliert.«

Damals hatte ich den Eindruck, dass sich bei Bucerius zwei Motivstränge mischten. Zum einen war er zutiefst überzeugt, dass publizistische Übermacht der Demokratie schade; deshalb hatte er in der vom Bundestag eingesetzten Günther-Kommission zur Untersuchung der Wettbewerbsverhältnisse der deutschen Presse dafür gekämpft, dass die Marktanteile großer Verlage begrenzt würden. Große Häuser wollte er, doch keine allmächtigen. Das Gremium erklärte bis zu 20 Prozent als zulässig, der Gesetzgeber folgte seiner Empfehlung jedoch nicht. Zum anderen jedoch diktierten auch massive Verlagsinteressen das Verhalten des ZEIT- Eigentümers. Dabei ging es vor allem um den Zeitschriftenmarkt.

Die ZEIT hat Springer damals unter Dauerfeuer genommen. Sie warf den Schreibtischtätern von Bild und der Berliner Springer-Presse »eine permanente Verhetzung der Studenten« und »marktbeherrschenden Aufwiegeljournalismus« vor und bekam vor Gericht recht. Im August 1967 veröffentlichte Chefredakteur Josef Müller-Marein, vom Verleger mit Fakten und Argumenten gespickt, zwei Leitartikel. Am 26. August schrieb er unter der Überschrift Axel Springers Fall: »Es kann keinem politisch denkenden Menschen im Sinn liegen, daß ein einziger Verleger übermächtig wird… Wenn Axel Springer ein Demokrat ist, sollte er sich über die Existenz eines jeden Blattes freuen, das er nicht besitzt. Wenn nicht, stoppt Springer!«

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