SpielenLebensgeschichte

Eher unerfreulich ist das wenige, was wir aus Gerichtsakten über ihn wissen. Mehr erfahren wir aus seinen Werken, doch die Unsicherheiten bleiben groß. Wie er eigentlich hieß, ist nicht zu ermitteln. Zwei Namen sind überliefert; er selbst nannte sich aus Dankbarkeit nach einem Geistlichen, der ihn aufgenommen und für eine ordentliche Erziehung gesorgt hatte. Auch später kümmerte sich dieser freundliche und wohlwollende Mann um den verkrachten Pflegesohn, und der liebte ihn voller Dankbarkeit »mehr als einen Vater«.

Als Student an einer einst glanzvollen, aber durch endlose Kriege und innere Streitigkeiten heruntergekommenen Universität schaffte er zwei Abschlüsse und den Sprung in den geistlichen Stand. Seine Kenntnisse blieben dürftig, denn, so bekannte er reuevoll, er habe viel geschwänzt. In gutmütigem Spott machte er sich über seine Wissenstrümmer lustig, aber mehr Bildung hätte ihm wohl auch nicht aus dem akademischen Proletariat herausgeholfen, das ohne Perspektive in der Stadt herumlungerte. In der Misere des gesellschaftlichen Lebens seiner Zeit litt auch die Moral, dafür blühten Kneipen und Bordelle. Sie waren weit besser besucht als Schulen und Kirchen, und dort verkehrten mehr Geistliche, als an den Altären die Messe feierten. Der Pfad der Tugend war schmaler als sonst, und ein nichtiger Anlass genügte, um zu straucheln. Ihn brachte der Streit mit einem verkommenen Priester zu Fall. Selbst schon verletzt, zog er seinen Dolch, stach zu und warf seinem Gegner auch noch einen Stein an den Kopf. Der schwer verwundete Priester vergab ihm zwar auf dem Totenbett, er hielt es trotzdem für klüger, aus der Stadt zu verschwinden, denn schon wegen Lappalien verhängten gnadenlose Richter drakonische Strafen. Freunde erwirkten einen Straferlass. Er konnte zurückkehren, stand aber unter polizeilicher Beobachtung. Dem Henkersstrick entgangen, triumphierte er, sei er zwar »gezäumt zwischen den Zähnen, aber frei am Hals«.

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Endgültig stürzte er ab, als vier Kumpane ihn überredeten, mit ihnen die Kasse eines theologischen Seminars zu leeren. Es folgte ein Crescendo von Sündenfällen und bitterer Reue, von Irrfahrten am unteren Rand der Gesellschaft und Versuchen, mit seinem Talent in besseren Kreisen Fuß zu fassen. Er glänzte in Wettbewerben, verärgerte einen potenziellen Gönner jedoch durch Hohn und Spott. Zweimal rettete ihn eine Amnestie vor Gefängnis und Galgen. Nach dem zweiten Straferlass schuf er die Parodie eines religiösen Genres, bekannte seine Angst vor dem Tod und schwankte zwischen Lästerungen und Glaubensausbrüchen hin und her. Schon früher hatte er von sich gesagt, er kenne alles, nur nicht sich selbst. Für ein kleines Vergehen wurde er schließlich auf zehn Jahre aus seiner Heimatstadt verbannt. Schwülstig bedankte er sich dafür beim Gericht und verschwand spurlos. Wer war's?

Wolfgang Müller

Lösung aus Nr. 24:
Joachim Ringelnatz (1883 bis 1934), eigentlich Hans Gustav Bötticher, war Dichter, Maler und Kabarettist. Nach Wander- und Kriegsjahren auf See lebte er in München und später in Berlin. Seit 1920 war er mit Leonharda Pieper, genannt »Muschelkalk«, verheiratet; für sie schrieb er seine berühmten Liebesgedichte. Unter dem NS-Regime erhielt der bereits Schwerkranke Auftrittsverbot. Die verwendeten Zitate stammen aus der rororo Monographie seines Freundes Herbert Günther

 
  • Quelle DIE ZEIT, 10.06.2009 Nr. 25
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  • Schlagworte Amnestie | Bordell | Erziehung | Genre | Joachim Ringelnatz | Messe
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