Berlin Die mobile Wurst
Viel zu strenge Regeln machen den Berliner Straßenhändlern das Leben schwer. Ein Gespräch mit der Stadtforscherin Noa Ha
DIE ZEIT: Frau Ha, Sie erforschen die Arbeit von Berliner Straßenhändlern. Was verkaufen die denn?
Noa Ha: Am bekanntesten sind die Souvenirhändler. Sie bieten Mützen an oder DDR-Flaggen oder Autoschilder, wo »DDR« draufsteht. Einige haben zwei Sortimente. Im Winter gibt es russische Fellmützen, im Sommer NVA-Uniformkappen und ein paar Sonnenbrillen.
ZEIT: Werden auch Mauersteine angeboten?
Ha: Nein. In den Neunzigern gehörten die fest ins Sortiment. Heute gibt es sie nur noch im Laden. Die Händler versuchen, Nischen aufzutun. Also Souvenirs anzubieten, die es nicht in den Shops am Checkpoint Charlie gibt.
ZEIT: Woher stammen die DDR-Devotionalien?
Ha: Nach der Wende sind Lager versteigert worden. Einige Leute haben Vorräte erworben, die bis heute nicht aufgebraucht sind. Ich will aber nicht ausschließen, dass manche auch Nachgemachtes anbieten.
ZEIT: Womit wird auf Berlins Straßen sonst noch gehandelt?
Ha: Typisch sind auch die Grillwalker. Das sind Männer, die mit einem Gasgrill vor dem Bauch durch die Straßen laufen und Würste verkaufen.
ZEIT: Das klingt sehr umständlich.
Ha: Ist es auch. So ein Grill wiegt mehr als 15 Kilo. Aber das Geschäft läuft ganz gut. Den Grillwalker hat ein Mann erfunden, der vorher als Caterer gearbeitet hat. Die Leute können von ihm Grill und Würstchen bekommen und sich einen Standort zuteilen lassen. Sie arbeiten zu zweit. Einer trägt den Grill, der andere den Senf, die Brötchen und die Kühlbox mit der Fleischreserve. So kann man 200 Würste pro Stunde zubereiten.
ZEIT: Warum so mühsam? Warum stellen sich die Verkäufer nicht einfach mit dem Grill an eine belebte Ecke?
Ha: Weil Straßenhandel in Berlin unerwünscht ist. Er ist nur dann erlaubt, wenn er mobil erfolgt, als »Bauchladenhandel«. Deshalb legen die Souvenirhändler ihre Ware oft auf einem faltbaren Tisch aus, den sie auf einem Klappstuhl abstellen. Es ist genau geregelt, wie groß der sein darf. Selbst auf einem Stuhl Platz nehmen darf ein Souvenirhändler nicht. Und die Grillwalker dürfen ihren Grill nicht abstellen. Nicht mal kurz zum Verschnaufen. Das gilt nicht mehr als mobiler Handel. Wenn ein Polizist sie dabei erwischt, kriegen sie ein Bußgeld von mindestens 50 Euro aufgebrummt. Das kann schnell in die Hunderte gehen.
ZEIT: Wer verdient sein Geld auf so anstrengende Art?
- Datum 16.06.2009 - 09:35 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.06.2009 Nr. 25
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Ordnung als Vorbote des Stillstands? Ist Nicht-Ordnung die Voraussetzung für Kreativität? Sprengt Kreativität Ordnung?
'Disruptive Innovation' im Sinne Clayton Christensens kommt von Unten, Ordnung sperrt da Unten aus. Ein schwieriger Balanceakt!
beim Strassenhandel aufpassen, sonst laeuft das aus dem Ruder. Beispiel Mexiko-Stadt: da gibt ganze Stadtbezirke, die von Strassenhaendlern nach Mafia-Art kontrolliert werden. Hunderttausende sitzen auf Buergersteigen, an Ecken, in Parks, mit mobilen und festen Imbiss-Buden und Kleiderstaendern. Es wird alles verkauft, speziell Raubkopien, Elektronik und Schmuggelware. Angefangen hat alles durch Arbeitslose, die sich irgendwie durchschlagen mussten. Heute ist Strassenhaendler ein eintraeglicher Beruf, besser als Arbeiter oder Angestellter, weil keine Steuern bezahlt werden und keine Kosten anfallen. Fuer die Beleuchtung wird der Strom illegal abgezweigt. Der Strassenhandler muss nur einen kleinen Betrag "Benutzungsgebuehr" fuer die Strassenflaeche an leicht kriminelle Organisationen abfuehren. Deren Chefs verdienen Millionen im Monat und koennen Wahlen beeinflussen. Keine Stadtverwaltung wagt es daher, gegen sie vorzugehen.
... wenn diese Ostalgie aufhört.
Trotzdem Danke für den Artikel.
koennte gerade durch so einen Strassenhandel besiegt werden. In Deutschland wo der Staat alles vorschreiben will und gerade solche Kleingeschaefte nicht billigt kann es auf Dauer keinen Aufschwung mehr geben. Gaebe es Strassenhandel wie vergleichbar in Asien koennten viele einfache Speisen anbieten und fuer viele Menschen gaebe es Perspektiven.
Genau diese Unfreiheit und Regelungen haelt die Wirtschaftskrise in Deutschland meistens immer etwas laenger als in anderen Laendern.
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