Die Stirnseite ist die am häufigsten missachtete, stets übersehene Fläche des Mobiltelefons. Dort thront höchstens ein schnöder Ausschalter, sonst herrscht Ödnis, das gilt universell. Nun aber wird ausgerechnet die Stirnseite zum Ausweis von Einzigartigkeit. Ein wenig wie bei einer alten Fernbedienung lugt aus einem runden Loch eine Linse hervor. Ein buntes Flirren dringt heraus. Auf der gegenüberliegenden Schranktür fügt es sich zu einem Bild.

Digitalprojektoren standen noch vor zehn Jahren allenfalls in Hörsälen oder Konferenzräumen. Mittlerweile machen sie in vielen Wohnzimmern den Fernseh- zum Heimkino-abend – und haben als »Beamer« Einzug in die deutsche Sprache gefunden. Jetzt debütiert die schummerige Schrumpfversion im Bauch eines Handys, gleichsam als Babybeamer.

Mit dem daumendicken schwarz-silbrig-weißen Mobiltelefon I7410 verkaufe Samsung von Mitte Juni an »das weltweit erste in Serie produzierte Handy mit eingebautem Projektor«, wie der zuständige Produktmanager Lars Rabach stolz feststellt.

Hinter dem berührungsempfindlichen Bildschirm verstecken sich unzählige Funktionen, wie sie fast jedes aktuelle Handy birgt. Doch die Stirnseite mit der kleinen Linse und einem Rädchen zum Scharfstellen macht das I7410 zum Hingucker. Es leuchtet voraus, wohin die Entwicklung gehen könnte. Fotos und Videos tanzen über die Wand. Auf Armeslänge ist die Projektion etwa so groß wie ein Briefumschlag. Auch bei Tageslicht (aber nicht direkt im Sonnenschein) kann man die Motive erkennen, sobald es dämmeriger wird, gewinnen die Farben an Kraft. Bei Dunkelheit ließe sich eine Bildfläche von über einem Meter in der Diagonale beleuchten. An das Heimkino im Wohnzimmer reicht die neue Technik nicht heran. Erstaunlich aber ist, dass sie überhaupt funktioniert.

Deshalb spricht einiges dafür, dass Samsungs Beamerhandy nicht allein bleiben wird. Seit Monaten führen Elektronikzulieferer bei Branchenmessen jene Bauteile vor, die das bunte Glimmen erzeugen. Kaum das Volumen von zwei Zuckerwürfeln nehmen sie ein. Im Herbst erschienen erste Geräte auf dem deutschen Markt, die, bloß mit Batterien betrieben, die Bildschirm-Inhalte von iPods oder Laptops an die Wand zauberten. Diese »Pico-Projektoren« sind alleine noch so groß wie klobige Mobiltelefone. Jetzt folgt das erste Handy mit integriertem Pico. Schon seit ein paar Monaten wird es in Südkorea verkauft. Auf den Elektronikbasaren Shanghais und Hongkongs sollen auch schon Projektionshandys anderer Fabrikate gesichtet worden sein. In den USA will der Branchenwinzling Logic Wireless von August an ein Projektionshandy vermarkten. Das dürfte die Vorhut sein.

Denn ausgerechnet das bunte Flirren an der Stirnseite könnte das Mobiltelefon von einem peinlichen Paradoxon befreien. »Es soll im ausgeschalteten Zustand klein und im eingeschalteten Zustand groß sein«, sagt Hans Stöhr, Verkaufsdirektor des Komponentenherstellers Sypro Optics aus Jena. Bisher begrenzte das Gehäuse eines Handys die maximale Bildschirmgröße – und damit die Anzeigefläche. Gleichzeitig stecken Handys inzwischen voller E-Mails, Fotos und gar Videos. Ihr Informationsgehalt wächst also, die Abmessungen aber bleiben gleich. »Man hatte ja immer die Idee, dass das Display aus den Geräten raussollte«, sagt Friedrich Saemann vom Projektorhersteller 3M, der wie Sypro Optics auch Projektionsmodule für den Einbau im Handy anbietet. »Jetzt ist das endlich möglich.«

Samsungs Debütant zeigt, dass die ersten Inhalte, die so dem Telefon entweichen, eher unterhaltsamer Natur sind. Fotos und kleine Filme strahlt das Gerät ganz passabel an die Wand. Doch schon eine Textseite zeigt seine Grenzen auf. Bis die Buchstaben lesbar sind, muss man die Schrift so weit vergrößern, dass flüssiges Lesen unmöglich wird. Denn noch geizt das Geflirre mit Pixeln.