Schön ist sie, die Südosttürkei. Manche packen hier den Fotoapparat aus, andere die Staffelei. Das kleine Dorf in der Nähe der Stadt Cizre an der irakischen Grenze hat kein Ortsschild mehr, keine Bewohner, es ist auf keiner Karte verzeichnet. Violette Blumen wachsen wild über die Wege, Efeu hat die Steinhäuser überwuchert, alte Holztore stehen schief und sind grün vom Moos. In der Ebene fließt träge der Tigris, auf der anderen Seite ragen die schroffen Spitzen der Cudi-Berge auf. Herrlich. Bedauerlich nur, dass die türkische Armee hier keine Besucher wünscht. Neuerdings aber kommen Strafermittler in solche verfallenen Dörfer, unerkannt auch Journalisten. Nur die alten Bewohner wagen sich nicht mehr her.

Als Leyla im Sommer 1993 ihr Heimatdorf verlassen musste, dachte sie, sie hätte alles verloren. Doch war das erst der Anfang. Hinter Leyla und ihrer Familie brannte das kleine Haus nieder. Die Granatapfelbäume, die Weinreben, die Ziegen im Stall, der Melkschuppen – davon blieb nur die Asche. Die Gendarmerie trieb die kurdische Familie aus dem Dorf. Leylas Ehemann war gerade 22 Jahre alt geworden. Sie schlugen ihn und schleiften ihn fort, unten an den Fluss. Von dort war Schreien zu hören, Schüsse, wieder Schreien. Nach einer Stunde wagte sich Leyla mit einer Tante an den Fluss. Fünf Männer lagen da, zwei verbrannt, zwei von Kugeln durchlöchert und einer, dem das Hirn aus dem Schädel floss und der Magen aus dem aufgerissenen Bauch hing. Leyla drückte ihrem Mann die Eingeweide zurück in den Leib, so gut sie konnte. Sie schleppte ihren Mann ins Dorf. Und hatte irgendwie noch Glück, sagt sie heute. Sie durfte ihren Mann begraben.

So sah es aus in der Türkei 1993. Ein Land, in dem die Armee Krieg gegen die eigene Bevölkerung führte. Ein Land, wo im »Kampf gegen den Terror« der kurdischen PKK-Guerilla Tausende Dörfer ausgelöscht, Zehntausende Menschen umgebracht wurden, fast unbemerkt von der Welt, die damals auf die serbischen Verbrechen in Bosnien schaute. Ein Land, in dem Schafhirten und Anwälte, Bauern und Menschenrechtler einfach verschwanden. Ein Land, in dem Felsspalten, Holzöfen und Brunnen voller Säure ordentliche Beerdigungen ersetzten. Hier in Südostanatolien, zwischen den Cudi-Bergen und den Ufern des Tigris, liegt diese Landschaft der Hinrichtungen, der Todesschächte, der unbeschränkten Gendarmenherrschaft.

Fünfzehn lange Jahre lag Schweigen über der Gegend. Nur Gerüchte gab es immer. Jetzt sind es Knochenfunde, die Beweise liefern für das, worüber Armee und Gendarmerie Gras und Blumen wachsen ließen. Menschenknochen aus alten Brunnen, Kleidungsfetzen aus Äckern, Schädelstücke aus Kiesfabriken. Ermittler graben Stück für Stück den Boden auf – mit dem Rückhalt der konservativen Regierung von Premierminister Tayyip Erdoğan. Der »tiefe Staat«, der Inbegriff der undurchdringlichen Machtstrukturen von Militär, Sicherheitskräften und Bürokratie, die sich Recht und Gesetz nicht unterworfen fühlten, wird unter Tayyip Erdoğan allmählich ausgeleuchtet. Die Konfrontation zwischen der frei gewählten Regierung und der traditionell letzten türkischen Instanz, der Armee, setzt sich hier fort. Die Hinterbliebenen der Opfer aus den neunziger Jahren fassen Mut und beginnen zu sprechen.

Ein Bauernhaus hoch über dem Städtchen Silopi an der irakischen Grenze. Leyla und ihre Freundin Zeynep könnten verschiedener nicht sein. Leyla, die 35-Jährige, sieht aus wie fünfzig. Hager ist sie, ihr Kopftuch hat sie eng um Stirn und Kinn gezurrt. Zeynep ist Mitte vierzig und wirkt gelöster, sie hat ihre weiten Kleider und ihr Kopftuch locker um den kräftigen Körper geschlungen. Zwei ihrer Söhne sitzen ihr gegenüber an der Wand. Hoch oben knapp unter der Decke hängen nachkolorierte Schwarz-Weiß-Fotografien des toten Ehemannes und der Brüder.

An einem Vormittag im Jahre 1993 nahm die Gendarmerie Zeyneps Mann fest, einen Bauern. Rüben, Kartoffeln, Haselnüsse waren seine kleine Welt. Mit den PKK-Kampftrupps oben in den Bergen hatte er nichts zu tun. Die Soldaten hängten ihn sieben Tage lang an den Armen auf, sieben Nächte verbrachte er bei Neonlicht auf der Streckbank. Schläge auf Füße, Arme, Rücken, Genitalien. Dann wurde er freigelassen. »Zeynep«, sagte er zu ihr, »ich will weggehen aus dem Dorf. Noch so eine Woche stehe ich nicht durch.« Wenige Tage später standen plötzlich Soldaten in der Küche. Zeynep machte gerade Frühstück. »Oh, Ihr kämpft im Pyjama«, lachten sie. Die Familie musste in zehn Minuten das Haus verlassen. Als Zeynep mit ihren vier Kindern das Haus durch den Vordereingang verließen, brannte es schon in den Hinterzimmern. Ihr Mann aber, der musste mit den Soldaten gehen.