Fußball-Weltmeisterschaft Neuer Stolz am Kap
In Südafrika beginnt der Confederations Cup, die Generalprobe für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010
Wie stehen eure Chancen? Nach dieser Frage entfährt den Südafrikanern in der Regel ein langgezogenes »Eiiish«. Es ist ein Ausdruck der Verwunderung oder des Bedauerns, und bei Nelson Rashavha klingt er besonders lang gezogen. »Eiiiiiiiiish!«, stöhnt er, »unsere Jungs haben null Chancen.« Rashavha muss es wissen, er ist der Büroleiter von Kickoff, dem Fußballzentralorgan, das am Kap so mächtig ist wie hierzulande der Kicker .
Diese Woche beginnt in Südafrika der Confederations Cup, die Generalprobe für die Fußballweltmeisterschaft 2010. Acht Teams sind dabei, die sechs kontinentalen Meister, der Weltmeister und der Gastgeber. Die einheimischen Fans befürchten, dass sich ihre Nationalelf gegen Teams wie Italien, Brasilien und Spanien böse blamieren könnte. Denn sie dümpelt in der Weltrangliste auf Platz 72. »Bei diesem Turnier herrschen andere Gesetze«, warnt Rashavha und schaut auf das bunte Wandgemälde an der Stirnseite seines Büros. Ein afrikanisches Idyll: sanfte Hügelketten, davor die Savanne, Schirmakazien, ein Schulhof, in dem fröhliche Buben kicken. »So nett wird’s beim Confed Cup nicht sein.«
Aber Rashavha freut sich, dass es endlich losgeht. Und dass die ewigen Afropessimisten demnächst widerlegt werden. Ein Weltcup auf diesem Katastrophenkontinent? Die Südafrikaner schaffen das doch nie, das ist ihnen zwei Nummern zu groß, prophezeiten sie. Und überhaupt: die Gewaltkriminalität. Die ungelöste Transportfrage. Das Chaos auf den Großbaustellen. Die Stromausfälle. »Ich kann es nicht mehr hören«, sagt Christian Stiegler, ein Projektmanager, den der DFB entsandt hat, um das südafrikanische Organisationskomitee zu beraten. »Als Oliver Bierhoff bei der WM-Gruppenauslosung in Durban beklaut wurde, kam das in den heute -Nachrichten. Unglaublich, wie jedes kleine Problem aufgeblasen wird.« Selbst der Weltfußballverband Fifa nährte die Zweifel, als er Port Elizabeth von der Liste der Spielorte strich, weil das Stadion bis zum Confed Cup angeblich nicht fertig sein würde. Eine peinliche Fehlentscheidung. Denn ausgerechnet diese Arena wurde vor ein paar Tagen mit Trommeln und Trompeten eingeweiht.
Die Klischees und Vorbehalte sind langlebig. Obwohl die Südafrikaner das »Wunder am Kap« vollbracht und das Unrechtsregime der Apartheid friedlich überwunden haben, traut man ihnen einfach nichts zu. Im Norden hat sich offenbar noch nicht herumgesprochen, wie reibungslos sie Großturniere wie die Rugby-WM und den Cricket-Worldcup abgewickelt haben. Nun legen sie all ihren Ehrgeiz in das größte Sportspektakel der Welt, und es geht dabei nicht nur um eine PR-Kampagne für ihre Regenbogen-Nation, sondern um den Stolz und das Selbstwertgefühl eines ganzen Kontinents. »Ke Nako, Celebrate Africa’s Humanity« heißt das Motto. Es ist Zeit, lasst uns die Menschlichkeit Afrikas feiern, wir gehören zur Weltfamilie!
Natürlich müssen noch jede Menge Schwierigkeiten überwunden werden. Großes Kopfzerbrechen bereitet nach wie vor die Transportfrage. Auch die Vermarktung der Megashow ist bislang ziemlich dilettantisch. Man spürt im Land kaum, dass im nächsten Jahr die Welt zu Gast sein wird. Es gibt kaum Werbung, man muss lange nach dem Maskottchen Zakumi suchen, einem kleinen grünen Leoparden. Entsprechend verhalten ist die Begeisterung der Südafrikaner für den Event. Das Ticketing übers Internet und am Bankschalter ist für die Menschen aus den Townships viel zu kompliziert, es passt nicht zu ihrer Kultur; man kauft die Karten normalerweise in allerletzter Minute direkt am Stadion. Aber wo immer es eng wird, gilt die landesübliche Losung » ’n Boer maak ’n plan« – ein Bauer hat immer einen Plan. Das heißt so viel wie: Sorgt euch nicht, alles wird gut.
Bessere Spieler kann man mit solchen Parolen allerdings nicht herbeizaubern. Die Südafrikaner bieten mittelmäßigen Schlafwagenfußball und leiden, weil ihnen der internationale Vergleich fehlt, an maßloser Selbstüberschätzung. Der schnörkellose, vertikale Tempofußball, das moderne One-Touch - Spiel, sei am Kap noch nicht angekommen, befindet Mushin Ertugral, Extrainer der Kaizer Chiefs, des berühmtesten Vereins im Lande mit 15 Millionen Fans. Das Team würde in Deutschland irgendwo im Mittelfeld der zweiten Bundesliga mitkicken.
Ein neuer Name für die Nationalelf muss her, fordern Spitzenfunktionäre, denn Bafana Bafana , wörtlich »die Jungs«, flöße dem Gegner wenig Furcht ein. Zuallererst aber brauchte man einen neuen Trainer, einen schwarzen Klinsi, der sein Team wie beim deutschen Sommermärchen trotz beschränkter Möglichkeiten mitreißt. Aber der Chefcoach Joel Santana, ein Brasilianer, wirkt ziemlich ideenlos und kann die Spieler auch nicht persönlich motivieren, weil er kein Englisch spricht. Wenn seine Auswahl weiterhin so miserabel spielt, wird sie die Vorrunde im nächsten Jahr nicht überstehen. Was das für ein Gastland bedeutet, hat man bei der WM 1990 in Italien erlebt. Damals war die Stimmung am Boden, als der Gastgeber im Halbfinale ausschied.
- Datum 13.06.2009 - 16:32 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 10.06.2009 Nr. 25
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