Iran Grün ist die Hoffnung

Mussawi oder Ahmadineschad? Um die Präsidentschaft in Iran wird ein richtiger Wahlkampf geführt

"Grüne Welle" nennt sich die Bewegung des Reformkandidaten Mussavi

"Grüne Welle" nennt sich die Bewegung des Reformkandidaten Mussavi

Frühsommer in Teheran, Zeit der Maulbeer-Reife. Iraner aller Schichten recken sich hinauf ins Blattwerk der Straßenbäume, tasten auf Zehenspitzen nach den ersten weichen Früchten. Die richtig süßen Beeren hängen stets zu hoch, der Sonne näher als den Menschen. Also bescheiden sich die Teheraner mit dem Greifbaren, und wem das ein wenig sauer schmeckt, der redet es sich süß.

Wahlzeit.

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Einen Nachmittag lang vibriert das Azadi-Stadion in einem Rausch der Hoffnung. Auf den Rängen 20000 junge Iraner, meist Studenten, hier Frauen, dort Männer. Die Frauen sind mehr, wir stehen so dicht, dass die Luft knapp wird. Sprechchöre fluten in Wellen durch die Arena; gereimt auf einen Koran-Vers, skandieren Tausende: »Nieder mit der Regierung, die die Menschen betrügt! Tod der Diktatur!« Wie Fäuste fliegen dazu rhythmisch grüne Fähnchen in die Luft, darauf die Zeile eines Dichters: »Ich wünsch mir einen Menschen«. Das ist von Rumi, dem persischen Mystiker und Poeten; mit einer Laterne ging er durch die Stadt, suchte unter den vielen Tumben den raren, den menschlichen Menschen. Die junge gebildete Menge im Stadion verlangt einen menschlichen Staatspräsidenten; einen Präsidenten, der zuhören kann, der ansprechbar ist.

Welch ein verwirrendes Spektakel! Halb Freiheitsrausch, halb Wahlkampf-Inszenierung, spontan die radikalsten Parolen, vorgedruckt die poetischen Fähnchen – so projiziert die Menge ihre fiebernde Hoffnung auf einen Kandidaten, der dafür auf den ersten Blick wenig geeignet erscheint. Mir Hussein Mussawi, 67 Jahre alt, ein Mann aus den Tiefen der Vergangenheit. Bis vor Kurzem kannten junge Iraner kaum seinen Namen. Mussawi war Premierminister von 1981 bis 1989, in jenem ersten, so verheerend prägenden Jahrzehnt der Islamischen Republik: nach außen im Verteidigungskrieg gegen den Irak, im Inneren die Opposition ausmerzend. Nun kommt Mussawi wie ein Phönix aus blutiger Asche, und heftig parfümierte junge Mädchen halten ekstatisch jubelnd das Porträt des Bärtigen hoch. Selbst sein Brillengestell sieht fast aus wie damals.

Mahmud Ahmadineschad, der amtierende Präsident, wird später sagen, seine Gegner kopierten westliche Methoden des Wahlkampfs – und damit hat er recht. Die Strategen in Mussawis Kampagnenteam bedienen sich moderner Methoden der Image-Bildung. Auf deutsche Verhältnisse übertragen, lautet ihr Ziel etwa so: einen rechten Sozialdemokraten für junge Grüne ebenso wählbar zu machen wie für alte Christdemokraten. Mussawi definiert seinen Standort zwischen den Lagern; ein pragmatischer Konservativer, im System verankert, doch mit Blick für Irans gravierende Probleme.

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Für die Jugend im Azadi-Stadion ist der Ingenieur mit den altersmüden Schultern an diesem Nachmittag bereits ein Gesalbter: Weil hinter Mussawi der einstige Reformer-Präsident Mohammed Chatami steht, ihn adelt, politisch dekontaminiert. Chatami selbst hatte in seinen acht Amtsjahren wenig nachhaltig verändern können, doch wen kümmert das noch? Die Jungen feiern einen Mythos, eine Idee von einem freieren Leben. Nun werfen sie diese Idee auf Mussawi, schenken ihm heißen Herzens ihr Vertrauen. Es schmerzt, ihnen dabei zuzusehen.

Das Grün nimmt jetzt zu auf den Straßen, Grün ist die Farbe des Propheten und die Farbe des Mussawi-Camps. Die jungen Aktivisten brauchen ein Symbol kollektiver Identität, sie tragen grüne Bändchen am Handgelenk, selbst wenn sie kaum religiös sind – ein Erkennungszeichen wie das Lied Oh du Iran als Klingelton ihrer Mobiltelefone. Wer religiös ist, sieht das Grün mit Zuneigung – und Mussawi darf es monopolisieren: Als einziger der vier Präsidentschaftskandidaten hat er »grünes« Blut, ist ein Seyed, ein Nachfahre des Propheten.

Solche Dinge sind wichtig – gerade weil das iranische System keine echte Alternative hervorbringt, keine charismatische Option »Change!« Doch so eng das Spielfeld ist: Die Iraner spüren, wie diese Wahl zu etwas Besonderem reift. Der neue Stil, den Mussawi verspricht, kündigt sich schon im Alten an: im Staatsfernsehen Duelle aller Kandidaten, 80 Minuten Perestrojka des offenen Worts. Teherans Straßen sind wie leer gefegt.

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    • Quelle DIE ZEIT, 10.06.2009 Nr. 25
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    • Schlagworte Iran | Mohammed Chatami | Phoenix | Hoffnung | Irak | Teheran
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