USA Der Anti-Macchiavell

»To Muslims With Love«: Obamas Kairoer Wette geht nicht auf

Die Frage ist 500 Jahre alt, das Experiment läuft seit dem 21. Januar, dem Amtsantritt von Barack Obama. Im Principe wollte Macchiavelli wissen, ob es besser sei, geliebt oder gefürchtet zu werden. Am besten beides, schrieb er, aber vor die Wahl gestellt, wird der Fürst »größere Sicherheit darin finden, gefürchtet zu sein«. Das Obama-Experiment läuft darauf hinaus, den Machtmenschen aus Florenz zu widerlegen – rund um die Welt.

Dass Obama geliebt wird, ist keine Frage; bis zu vier Fünftel der Europäer hätten ihn gewählt. Nun buhlt er um die Gunst von 1,3 Milliarden Muslimen – nicht erst mit der Kairo-Rede, die schon der fünfte Appell in fünf Monaten ist. Diese ist ein rhetorisches Meisterwerk, eine Projektionsfläche, auf der sich alle in Nahost wiederfinden können: Israelis und Araber, Potentaten und Populisten, Fundamentalisten und Liberale.

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Grundsätzlich aber summieren sich die ausgewogenen Kadenzen zu einem Liebeswerben, wie es zuletzt von Lawrence of Arabia gehört worden war. Demokratisierung? Die dürfe »keine Nation einer anderen aufzwingen«. Das Wörtchen »Terrorismus« wurde demonstrativ ersetzt durch »Extremismus« und Hamas im Nebensatz rehabilitiert. Bush wollte nur mit Palästinensern reden, die »nicht durch Terror kompromittiert sind«. Jetzt aber könnte Hamas »eine Rolle bei der Verwirklichung palästinensischer Bestrebungen spielen«.

Iranische Atomwaffen? Ahmadineschad muss wohlig geseufzt haben, als er hörte: »Kein Land sollte allein entscheiden, welche anderen Länder Nuklearwaffen haben können.« Weg war die klassische Formel »Alle Optionen bleiben auf dem Tisch«. In Teheran werden sie darüber debattieren, ob das ein Hieb gegen Israel, ein Okay für die eigene Bombe oder beides war. Dann ein geradezu ungeheuerliches Mea Culpa: »Eine Weltordnung, die ein Land oder mehrere Staaten über alle anderen erhöht, wird unweigerlich scheitern.« War das die Abdankung der »letzten Supermacht«?

Dahinter steht eine kosmische Wette, die Umkehrung von Machiavelli, der seinem Fürsten rät, im Zweifel nicht auf Zuneigung zu setzen. In der Kairoer Rede hat Obama reihenweise Positionen geräumt, die Arabern, Muslimen, ja der Dritten Welt insgesamt das Fürchten gelehrt haben. Diese märchenhaften Morgengaben an gutem Willen sollen nun reiche politische Rendite abwerfen.

Der erste Test ist am 12. Juni in Iran: Wird die Rede die Iraner ermutigen, Ahmadineschad zu feuern? Wird der Neue Obama gerührt um den Hals fallen und geloben, Uran nur noch zu Brennstäben zu formen? Wird Hamas dem Staatenmord abschwören, Castro dem Stalinismus, Chávez der Diktatur? Wenn Kairo und Riad keine Demokratisierung à la Bush mehr fürchten müssen, werden sie dann auf Israel- und Judenhass als Herrschaftsstütze verzichten und die schwärende Wunde des Palästinakonflikts schließen helfen?

Hier in Deutschland lieben sie Obama mehr als irgendwo. In den Kernfragen aber verhält sich Berlin ungerührt: Nein zur deutschen »Konjunkturlokomotive«, zu regierungshörigen Zentralbanken, zu Kampftruppen in Afghanistan und zur Aufnahme von Guantanamesen. Völker mögen Lichtgestalten lieben, Staaten lieben Interessen.

Josef Joffe

Josef Joffe ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier (Archiv)

 
Leser-Kommentare
    • lef
    • 13.06.2009 um 13:02 Uhr

    Der Name Macchiavelli ist falsch, dieser Mensch hieß Machiavelli.
    Wenn der Name nicht auch im Titel stände, würde ich es nicht erwähnen.

  1. Wenn ich den Namen "Machiavelli" lese denke ich auch sofort an Sonne, an einen leckeren Espresso, an Kultur und kultivierte Umgangsformen. Es klingt einfach gut! Nur ein "Demokrat", Herr Joffe ist hoffentlich einer, sollte schon bei der Bemerkung "besser ist es für einen Fürsten gefürchtet zu werden", einen Brechreiz bekommen.
    Die Ansichten von Machiavelli gehören in jede Grundausbildung eines Hassardeurs und Despoten aber sicher nicht in die Demokratie. Es gab schon mal Regierende die von der halben Welt gefürchtet wurden wie die Pest, gerade hier in Deutschland sollte man sich noch daran erinnern können, und trotzdem gescheitert sind.
    Seltsam, oder, Herr Joffe??!!

    • lef
    • 13.06.2009 um 13:16 Uhr

    Anders als Machiavelli trifft Obama nicht auf eine homogene Bürgerschaft, sondern spricht ein bestimmten Teil der Weltbevölkerung an - nicht den "Westen (Industriestaaten), sondern den islamisch geprägten Teil der Welt.

    Seine Rede war richtig, wenn der Zweck darin bestand, den Moslems der Welt
    "Zucker in ... einzublasen".
    Das scheint gelungen,
    fundierte Kritik an den Unmengen von Halb- und Unwahrheiten bis hin zu dreisten Lügen in seiner Rede kam von westlicher Seite (sehr gut von deutscher Seite: G.Eussner ff) .
    Nicht jedoch (soweit ich weiß) von den Moslems,
    und genau DIE müssten sich eigentlich "veräppelt" vorkommen.

    Das geschah nicht - genau wie beim erwähnten "L.v.Arabien" glauben die offenbar das Gesülze des Obama, zumindest in dem moslemischen Teil der Welt, in dem Kairo (und Ägypten) kein negatives Image hat.

    Die Wahl im Iran ist jedoch absolut kein Maßstab - was da geschieht oder geredet wird, ist im Iran eher umgekehrt von Bedeutung. Die ägyptische Rolle wird da offiziell eher als falscher Ansatz gesehen.

  2. Warum wird eigentlich noch über irgendwelche Themen (Politik, Wirtschaft, Ethik etc.) diskutiert? Ein einfacher Grundsatz "Was für Israel gut ist, ist gut für die Welt" würde reichen.

    Israel hasst Obama, also muss Obama weg.

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    • SF
    • 15.06.2009 um 15:57 Uhr

    Als ob die Frage, was für Israel gut ist, so einfach wäre. Und als ob darüber Einigkeit herrschte (auch unter denen, die keine bösen Absichten haben).

    Wer entscheidet das, die Israelis? Wenn das zu dem Schluss führt, den Sie präsentieren, finde ich Ihren Grundsatz sehr fragwürdig.

    • SF
    • 15.06.2009 um 15:57 Uhr

    Als ob die Frage, was für Israel gut ist, so einfach wäre. Und als ob darüber Einigkeit herrschte (auch unter denen, die keine bösen Absichten haben).

    Wer entscheidet das, die Israelis? Wenn das zu dem Schluss führt, den Sie präsentieren, finde ich Ihren Grundsatz sehr fragwürdig.

  3. Auch nach dem zweiten Lesen, konnte ich leider kein einziges Argument für die Behauptungen finden, Obama wolle gemocht werden, aber das könne nicht funktionieren, oder "Obamas Kairoer Wette" gehe nicht auf. Warum Herr Joffe? Und woher wissen sie das? Haben sie einen Blick in die Seelen von 1,3 Milliarden Muslimen geworfen? Oder wie kommen Sie zu dieser Einschätzung? Die Berufung auf einen frühneuzeitlichen Staatstheoretiker, der eine Anleitung zur Beseitigung des Chaos in der italienischen Staatenwelt der damaligen Zeit verfasste ist wirklich zu wenig um Behauptungen dieser Reichweite zu untermauern. Oder ist das einfach nur so ein Gefühl, dass ihnen dieser neue US-Präsident zu soft ist, dass sie die "Supermacht" USA und ihre Brechstangenpolitik jetzt schon vermissen?

    Wie auch immer: Ich möchte sie freundlich bitten, den versuch eines neuen amerikanichen Politikstils nicht durch ihre persönlichen Empfindungen zu diskreditieren, solange sie keine Argumente vorzubringen haben.

  4. "Völker haben Lichtgestalten, Staaten Interessen"
    Eindeutig der beste und wichtigste Satz der Argumentation. Wer glaubt denn ernsthaft, dass Staatschefs (nicht nur in der islamischen Welt!!) sich bei ihren Entscheidungen von moralischen Parametern leiten lassen? Schon bei Morgenthau findet sich die Frage, ob der Staat überhaupt immer moralisch handeln darf, wenn er dadurch das Wohl seiner Bürger gefährden könnte. Regierungschefs sind in der Regel Realisten, auch Obama ist bei aller Rhetorik einer. Beispiel? Sein Wunsch, dass Deutschland die Uiguren aufnehmen soll. Warum nicht die USA? Ganz einfach: Derjenige, der die Guantanamohäftlinge aus China aufnimmt, wird mit selbigem Land große diplomatische Probleme bekommen. Ob die Häftlinge schuldig oder nicht sind - ich tendiere ja für unschuldig - spielt bei diesem diplomatischen Spielchen keine Rolle.
    Das alles soll nicht heißen, dass ich Obamas Politik für falsch halte, im Gegenteil, eine Aussöhnung mit der arabischen Welt ist dringend erforderlich. Aber für mich stellt sich ernsthaft die Frage, ob jeder arabische Regierungschef sowie jede gesellschaftliche Lobby in diesen Staaten auch wirklich ein Interesse an Frieden hat. Die "Tod-Amerika" Ideologie ist für viele Menschen sehr lukrativ, nicht nur finanziell. Mit dem Aufbau des Feindbildes der dekadenten und gottlosen USA kann man prima von Missständen im eigenen Land ablenken. Ich habe die Befürchtung, dass es Obama wie Willy Brandt gehen wird, dessen Politik der Annäherung dadurch blockiert wurde, dass die sozialistischen Machteliten nie vorhatten sich wirklich zu wandeln und ihren repressiven Charakter sogar noch verstärkten.

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    Dass Staaten(lenker) Interessen verfolgen stand wohl nie in Abrede. Morgenthau und die sogenannte "Realistische Schule" der internationalen Bezeihungen sind allerdings weitgehend überholt. Das reine Macht(erhaltungs)-Kalkül trägt nicht allein zur Erklärung staatlichen Handelns. Das haben sogar die "Neo-Realisten" eingesehen, die Morgenthau heute noch vergleichsweise nahe stehen.

    Aber der Punkt ist ja auch nicht, dass man annehmen darf, die Staaten(lenker) der "islamischen Welt" würden von Obamas Appellen so gerührt, dass sie plötzlich eine Politik der Annäherung, Menschenrechte, Abrüstung etc. betreiben würden. Das wäre natürlich naiv. Es ist aber in keinem Staat, nichteinmal in der finstersten Diktatur (welche in der arabischen Welt so häufig auch nicht ist) gleichgültig was die Bevölkerung denkt. Natürlich wird der Wille der BEvölkerung manipuliert, verdrängt etc. Aber Dennoch lässt sich ein Feindbild deutlich schwierigier aufrecht erhalten, wenn der achsoböse Feind nach einem Machtwechsel deutlich moderatere Töne anschlägt. Und genau dieser Abbau von Feindbildkapazität wird der Verdienst des neuen Politikstils der USA sein. Natürlich wird man seitens der Profiteure einer Konfilktsituation versuchen, Obama und die USA herauszufordern und heftige Gegenwehr zu provozieren (siehe Nordkorea). Wenn es den USA aber gelingt, dem nicht zu erliegen, dann besteht eine Chance auf einen (sicher langsamen) Annäherungsprozess an seine einstigen "Erzfeinde" in der arabischen Welt und auch darauf, dass die Feindbildpropaganda in diesen Gesellschaften Schritt für Schritt ihre Zugkraft verliert.

    Keine schlechten Aussichten also, wenn man die nötige Geduld mitbringt und nicht schon nach den ersten zaghaften Annhäherungsversuchen den Abgesang auf jegliche Annäherungspolitik anstimmt. Willy Brandt ist übrigens ein gutes Beispiel: Herr Joffe, wie ist das, hätten (haben) sie nach ihrer Logik dann also auch Gesten wie den Kniefall Brandts oder die ganze Wandel-durch-Annäherung-Politik von vornherein als zwecklose Gutmenschenpolitik verdammt?

    Dass Staaten(lenker) Interessen verfolgen stand wohl nie in Abrede. Morgenthau und die sogenannte "Realistische Schule" der internationalen Bezeihungen sind allerdings weitgehend überholt. Das reine Macht(erhaltungs)-Kalkül trägt nicht allein zur Erklärung staatlichen Handelns. Das haben sogar die "Neo-Realisten" eingesehen, die Morgenthau heute noch vergleichsweise nahe stehen.

    Aber der Punkt ist ja auch nicht, dass man annehmen darf, die Staaten(lenker) der "islamischen Welt" würden von Obamas Appellen so gerührt, dass sie plötzlich eine Politik der Annäherung, Menschenrechte, Abrüstung etc. betreiben würden. Das wäre natürlich naiv. Es ist aber in keinem Staat, nichteinmal in der finstersten Diktatur (welche in der arabischen Welt so häufig auch nicht ist) gleichgültig was die Bevölkerung denkt. Natürlich wird der Wille der BEvölkerung manipuliert, verdrängt etc. Aber Dennoch lässt sich ein Feindbild deutlich schwierigier aufrecht erhalten, wenn der achsoböse Feind nach einem Machtwechsel deutlich moderatere Töne anschlägt. Und genau dieser Abbau von Feindbildkapazität wird der Verdienst des neuen Politikstils der USA sein. Natürlich wird man seitens der Profiteure einer Konfilktsituation versuchen, Obama und die USA herauszufordern und heftige Gegenwehr zu provozieren (siehe Nordkorea). Wenn es den USA aber gelingt, dem nicht zu erliegen, dann besteht eine Chance auf einen (sicher langsamen) Annäherungsprozess an seine einstigen "Erzfeinde" in der arabischen Welt und auch darauf, dass die Feindbildpropaganda in diesen Gesellschaften Schritt für Schritt ihre Zugkraft verliert.

    Keine schlechten Aussichten also, wenn man die nötige Geduld mitbringt und nicht schon nach den ersten zaghaften Annhäherungsversuchen den Abgesang auf jegliche Annäherungspolitik anstimmt. Willy Brandt ist übrigens ein gutes Beispiel: Herr Joffe, wie ist das, hätten (haben) sie nach ihrer Logik dann also auch Gesten wie den Kniefall Brandts oder die ganze Wandel-durch-Annäherung-Politik von vornherein als zwecklose Gutmenschenpolitik verdammt?

  5. daß wenigstens Herr Joffe nicht gemocht werden will.

  6. Schließe mich den Kommentaren 2 und 5 an.

    Lieber Herr J.J.,

    in den vergangenen Jahren haben sie immer wieder spitz gegen Globalisierungskritiker, Irakkriegsgegner, Bush-Hasser, Obama-Fans und ähnliches Volk polemisiert. Dass ihnen die Ereignisse in ihrem Verlauf dann öfters nicht so wirklich ganz Recht gegeben haben, ist bedauerlich, aber vielleicht ziehen sie doch mal die Möglichkeit in Betracht, weniger den Reflexkämpfer gegen einen (von ihnen offenbar schmerzhaft gefühlten) "linken Mainstream" zu geben.

    Sie machen sich der selben Unausgewogenheit und Borniertheit schuldig, die sie anderen so gerne unter die Nase reiben. Ein Journalist sollte nach allen Seiten austeilen können (sich selbst eingeschlossen).

    Aber was solls, auch sie wollen schließlich gemocht werden. Und das kann ja nicht funktionieren.

    mit fröhlichen Grüßen

    Ihr treuer Leser

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