Bildung Der noble Campus am Wolfgangsee
An der teuersten privaten Bildungsstätte Österreichs geht das erste Schuljahr zu Ende. Vorläufig ist es noch ein gewagtes Experiment, auf das sich eine Handvoll begüterter Eltern mit ihren Kindern eingelassen hat
Es ist Chemiestunde, und der Lehrer verbrennt Geld. Dazu hat Phil, der Tutor im weißen Arbeitsmantel, eine übergroße Laborbrille aufgesetzt, die Ohren stehen ab. Er übergießt eine 10-Euro-Banknote mit hoch brennbarer Flüssigkeit und zückt die Zündholzschachtel. Wenn jetzt alles gut geht, verbrennt die Flüssigkeit in Hundertstelsekunden, und der Geldschein bleibt unbeschädigt. Der junge Brite sieht selbst wie ein aufgeregter Schüler aus und das Experiment wie ein Lausbubenstreich. Die sieben Schüler der Klasse starren gebannt nach vorn und die Eltern, heute Zaungäste, ebenso.
Geld zu verbrennen birgt hier eine eigentümliche Symbolkraft. Doch darüber scheint sich an der teuersten und kleinsten Privatschule Österreichs niemand Gedanken zu machen. Beim Schulgeld geht es an der St. Gilgen International School um ganz andere Beträge. Und vielleicht spielt das für jene, die sich dazu entschieden haben, für die Ausbildung ihrer Sprösslinge tief in die Tasche zu greifen, auch eine nur untergeordnete Rolle. Am Besuchstag kommen die Eltern der Internats- und Tagesschüler zum Unterricht. Einige tragen teures Tuch, blassgelbe Stecktücher, exquisite Accessoires. Andere pflegen lieber den legeren Look. Auffallend ist Alexander Eduard Serda, Gründer und Erbauer der Schule: ein etwas zu selbstbewusster Wiener Architekt im maßgeschneiderten Trachtenanzug. »Dandy-Architekt« nannte ihn ein Hochglanzmagazin, wo er im Promi-Interview über seine Schwäche für Frauen schwadronierte. Am seriöseren Image eines Schulgründers arbeitet Serda noch.
Im Herbst des vergangenen Jahres wurde die gestylte Bildungsstätte im Salzkammergut eröffnet. Serda hat sie direkt am Wolfgangsee mitten in ein verträumtes Ferienidyll hineingebaut. Am gegenüberliegenden Ufer liefert die Postkartenansicht des Schafbergs die malerische Kulisse für die fünf schmalen Schulgebäude. Die Frontwände sind verglast, die übrigen Fassaden mit kleinen Holzschindeln bedeckt. In der Nähe der Pfarrkirche okkupiert nun Serdas Eigenentwurf eines der schönsten Seegrundstücke von St. Gilgen.
»Wir investieren lieber in unsere Kinder als in Aktien«, sagt eine Mutter
Im Vorfeld der Schulgründung gab es viel böses Blut. Mit einer Bürgerinitiative versuchte lokale Prominenz das Projekt zu verhindern. Gerichte wurden bemüht, Aktenberge angehäuft. »Das ganze Dorf ist unsere Schule«, heißt es heute ungerührt im Hochglanzprospekt des teuren Instituts. Nobelinternate wie Le Rosey in der Schweiz oder das deutsche Schloss Salem liegen oft abgeschieden außerhalb der Ortschaften. In St. Gilgen soll die Lage im Ortskern hingegen Geborgenheit, auch erhöhte Sicherheit suggerieren. »Urig« nennen das die Eltern aus Deutschland, und Amerikaner denken an den Film The Sound of Music.
Eva Batthyány ist eigens von ihrem burgenländischen Familiengut in eine Mietvilla nach St. Gilgen gezogen, um ihren drei Kinder nahe zu sein, die hier eine Ausbildung allererster Güte genießen sollen. »Abends, wenn die Kinder nach Hause kommen, sind sie zufrieden«, erzählt sie: »Das ist mir die Sache wert.«
Diese Zufriedenheit hat ihren Preis. 45000 Euro kostet ein Internatsplatz jährlich, für einen Tagesschüler zahlen die Eltern 25000 Euro im Jahr (zum Vergleich: In der auch nicht gerade plebejischen American School in Wien beläuft sich das jährliche Schulgeld auf schlappe 14600 Euro). Frau Batthyány, in Jeans und Turnschuhen, wirkt jugendlich und unbeschwert. Als Finnin habe sie eine wunderbare Schulzeit erlebt, später in ein altösterreichisches Adelsgeschlecht eingeheiratet. »Zu den Superreichen gehören wir nicht«, sagt sie. Das gelte für die meisten Eltern hier. »Wir investieren lieber in unsere Kinder als in Aktien, das war schon vor der Wirtschaftskrise so.«
Ein gerüttelt Maß an Vertrauen in ihre Zukunftsinvestition müssen die Eltern allerdings aufbringen, denn die Schulleitung geizt mit Informationen. Wer beispielsweise tatsächlich hinter der Serda-Weinzinger-Stiftung steckt, die kolportierte 30 Millionen Euro für das Edelgymnasium aufgebracht hat, bleibt ein Geheimnis. Dennoch leistet sich das Institut eine eigene Kommunikationschefin, die jedoch alle Fragen mit Schulmeister Serda absprechen muss, bevor sie antworten kann. Vor allem jene nach der Wirtschaftlichkeit. Lediglich 35 Schüler zwischen zehn und 16 Jahren besuchten im ersten Jahr des Bestehens die kostspielige Bildungseinrichtung – eines Tages sollen es 500 sein, hoffen die Betreiber. Wie viele Bewerber derzeit in der Warteschlange stehen, wird allerdings ebenso wenig verraten wie die Zahl der Stipendiaten. Nicht einmal die Anzahl der Kinder mit deutscher Muttersprache – offensichtlich sind es mehr, als dem kosmopolitischen Anspruch lieb ist. Unter den Schulgegnern im Ort kursiert das Gerücht, es werde nun vor allem in Osteuropa sehr offensiv um die Kinder der neuen Geldaristokratie geworben.
Die jungen Leute sollen dann auch einiges geboten bekommen. Jeder erhält seinen eigenen Apple-Laptop, die Lehrer unterrichten vor Smartboards, auf die der Lehrstoff gebeamt wird. Das lichtdurchflutete erste Stockwerk heißt Soft Space. Der ist bis auf ein paar schicke graue Sitzsäcke äußerst cool, also leer. Hier hätten die Schüler Raum »für sich selbst«, wie es heißt, für Yoga, Tanzen oder Lektüre – dazu werden den jungen Herrschaften die passenden Bücher ausgewählt.
Der Unterricht in den Klassen mit durchschnittlich acht Schülern findet auf Englisch statt, die neun Lehrer sind native speakers . Sie richten sich nach dem Lehrplan für das International Baccalaureate, einer Art globalem Abitur, das von fast allen Unis, so auch der Universität Wien, akzeptiert wird und auf das weltweit rund 2600 andere Schulen vorbereiten. Die Abschlussarbeiten werden anonym an eine Kommission in Genf geschickt und dort bewertet – in zwei Jahren sollen auch die ersten aus St. Gilgen mit dabei sein.
Zum Mittagessen zieht eine kleine Karawane vom Schulgebäude durch den Salzburger Schnürlregen in ein Gasthaus. Der Wirt am Gries ist ein gediegenes Gasthaus, an der Tür wird noch das Menü vom Vorabend für 17 Euro beworben. Die Kinder ziehen die militärgrünen Parkas mit dem aufgestickten altväterlichen Schulabzeichen aus. Es zeigt eine Sonne, über der ein Ritterhelm thront. Das sei nur ein vorläufiges Design, sagt die Kommunikationsdame. Auf der Homepage der Schule werden eigens die einzelnen Teile der Schuluniform präsentiert, bis hin zu Schweißband und Unterhemd, auch an afrikanischen und asiatischen Models: schlicht, urban, ein bisschen wie von Benetton, nur alles in Blau, Schwarz und Weiß. Ein eigener »Schulschneider« sorgt angeblich für die korrekte Passform. Zwischen den Mädchen im dunklen Kostüm und den Burschen in Anzug und Krawatte spielt die Kommunikatorin auch die Anstandsdame. Bei Tisch ist vorbildliche Haltung verpflichtend: Hände rauf, Ellbogen, bitte, hinunter. Gute Manieren seien eben wichtig. Fast so wichtig wie gesunde Ernährung. Für die Kinder wird nach speziellem Ernährungsplan gekocht, eine eigene Beraterin stellt ihn zusammen: alles Bio, viel Gemüse, zweimal in der Woche gibt es gedünsteten Fisch.
Mit der Kantine in wechselnden lokalen Gasthäusern will die Schulleitung Verbündete im Ort gewinnen und einen ersten Beweis dafür liefern, dass die Schule der Fremdenverkehrsgemeinde wirtschaftlichen Aufschwung bringe. Außerhalb der Sommersaison braucht der Ort Belebung. Architekt Serda hat als Kind seine Sommer in St. Gilgen verbracht und ist hier ausgezeichnet vernetzt. Für den Schulbau stellte ihm die Gemeinde das Seegrundstück samt einer repräsentativen Villa, der ehemaligen Sommerfrische der Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach, zu sehr vorteilhaften Konditionen zur Verfügung. »Für uns ist das eine Betriebsansiedelung«, meint der rotwangige Bürgermeister Otto Kloiber, ein Jugendfreund von Serda. Die Motive der Leute von der Bürgerinitiative glaubte der ÖVP-Politiker rasch durchschaut zu haben: Das seien direkte Anrainer gewesen, die eben ihre Ruhe im Wochenendhaus am See verteidigt hätten. Aber mittlerweile sei der Konflikt zumindest vorläufig beigelegt.
Beim Mittagessen im Gasthaus diskutieren auch die Schülerinnen und Schüler über Konfliktmanagement. »Darf ich die Situation erläutern?«, fragt ein 14-Jähriger in gepflegtem Hochdeutsch. Es ist Paul, der älteste Sohn der Familie Batthyány. »Ich bin der Tschad, mein Freund ist der Sudan, die Mädchen sind die Flüchtlinge. Wir stellen Weltkonflikte nach und versuchen sie zu lösen.« UN-Kunde ist an der International School eine Freizeitaktivität, wie Rudern, der Debattier- oder der Filmclub auch. Vier solcher »Aktivitäten« müssen die Internatsschüler pro Woche besuchen.
In der Hauptschule ist der Mathematikunterricht anspruchsvoller
Zu viel wird das keinem. Der exklusive Korpsgeist, der gepflegt wird, scheint den Jugendlichen zu gefallen, sie fügen sich diszipliniert ins Programm. Etwas lustlos schieben die Mädchen die Salatblätter auf dem Teller hin und her und schwärmen von der tollen Gemeinschaft. Die Burschen greifen unbekümmert zu, erzählen von den Wochenenden im Internat. Auf den ersten Blick ganz normale Teenager. Vielleicht mit dem Unterschied, dass sie ständige Aufmerksamkeit gewohnt sind und deshalb nicht lautstark darum buhlen.
Wer von ihnen ein Stipendium bezieht, ist unter den Schülern kein Geheimnis. Ein sommersprossiger Junge aus dem Nachbardorf zählt die fünf Namen auf, er gehört selbst dazu. Das Aufnahmeprocedere hat sich ihm nicht sonderlich eingeprägt. Das sei nicht so schlimm gewesen, wahrscheinlich sei am Anfang der Andrang nicht groß gewesen. Fürs nächste Jahr, erzählt ein anderer Schüler, hätten Bekannte auch ihren Sohn anmelden wollen. Doch dann hätten sie den Unterrichtsstoff in Mathematik mit jenem in der Hauptschule verglichen und den Plan fallen gelassen – in der Hauptschule lerne man mehr.
In der Villa auf dem Nobelcampus werden an diesem Tag die Eltern zu einen Fünfuhrtee gebeten. Das Gebäude ist frisch renoviert und mit üppigen Blumengebinden geschmückt. Es gibt Häppchen vom Edelcaterer, grünen Tee oder Apfeltee. Kaffee ist verpönt, zu ungesund. Frau Batthyány erzählt von ihrer Übersiedlung ins Salzkammergut: »Wir fühlen uns als Freigeister, dass wir uns am Wohl der Kinder orientieren, nicht an gesellschaftlichen Normen.« Ob nicht gerade ihre Kinder, talentiert und aus gutem Hause, in der öffentlichen Schule fehlen würden, als Zugpferde gewissermaßen? Frau Batthyány lacht überrascht auf. »Schön wär’s«, sagt sie, »aber da waren sie eher Sonderlinge.« Eine deutsche Frauenärztin gesellt sich dazu, gediegenes Make-up, ausgesuchte Garderobe, bestimmte Ausdrucksweise. »Es ist so angenehm hier, warum soll ich das meinem Kind nicht ermöglichen?« Früher sei sie politisch eher links gestanden, das habe sich aber mit der Karriere verändert. Und letztlich, müsse sie eingestehen, sei ihr der Vorteil des eigenen Kindes wichtiger als irgendein ideologischer Vorbehalt.
Zuletzt tritt Schulgründer Serda auf, jetzt im Dreiteiler, das halblange Haare zurückgegelt. Er gibt den Hansdampf in allen Gassen, plaudert mit Eltern und Schülern, verteilt Komplimente und Aufmerksamkeit. Bei unangenehmen Fragen zur Schule kippt die Stimmung sofort. Jene nach Gebühren und Elite hat Serda satt. Er biete ein Produkt an, basta, Grundsatzdiskussionen führe er nicht.
Selbst die Leute von der Bürgerinitiative haben sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Jetzt, da die Schule gebaut ist, seien alle St. Gilgener gezwungen, ihr Glück zu wünschen. Das gilt auch für Eltern und Schüler. Noch besitzt die Schule kein Öffentlichkeitsrecht. Was das heißt, besprechen zwei Mütter diskret beim Apfeltee: Zeugnisse werden von anderen Schulen nicht anerkannt, ein Schulwechsel ist praktisch unmöglich. »Wir müssen einfach hoffen, dass das Experiment gelingt«, sagt eine Mutter, »wie heute am Vormittag bei dem Chemieversuch.«
- Datum 30.06.2009 - 14:54 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.06.2009 Nr. 26
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Als ebenfalls Familienangehörige erlaube ich mir eine kleine Korrektur: Die Familie Batthyány, in die meine Tante eingeheiratet hat, gehört zu den ältesten UNGARISCHEN Magnatenfamilien. Wie Sie darauf kommen, unsere Familie sei "altösterreichisch", ist mir ehrlich ein Rätsel. Schon die geringste Recherche per Google hätte Sie sicherlich darüber aufklären können!
1. Die erste Frage die ich haette waere, was das aussehen einer Person mit seiner Faehigkeit zu unterrrichten zu tun hat??
2. Wie ich herausgefunden habe ist der Geldschein wie geplat ueberhaupt gar nicht verbrannt! Weiter haben wir genau den gleichen Versuch in unserer Schule gemacht, einem normalen Gymnasium.
3. Niemand dieser Schule versucht waehrend dem Essen Weltkonflikte zu loesen!!!
4. Niemand in der Schule weiss, wer ein Stipendium hat und wer nicht!
5. Selbst wenn in der Hauptschue mehr Stoff surchgenommen wird, was ich mir nicht vorstellen kann, LERNT man in der Hauptschule sicher nicht mehr. Beim lernen geht es darum, wieviel von dem Stoff den man durchnimmt man nachher auch beherscht.
6. Die Schule wil niemals 500 Schueler haben, das ist die maximale Kapazitatet der Schule!
7. Diese Fehler ziehen sich durch den ganzen Tect.
Bei all diesen Fehlern stell ich mir die Frage, ob sie ueberhaupt irgend etwas ueber die Schule wiessen!
Dieser Artikel hat bei mir tiefes Mitgefühl für die Autorin ausgelöst. Wenn jemand so verbissen in jedem Detail das Negative sucht, hat dieser vergrämte Mensch wohl niemanden gehabt, der ihm in seiner Jugend oder im Laufe seines Lebens erzählt hat, das nicht nur die Wurst, sondern auch sonst die meisten Dinge zwei Seiten haben. Wie kann man einen fröhlichen "Haufen" Kinder mit so viel Neid auf das für sie bezahlte Schulgeld reduzieren. Kann dieser Neid wirklich so blind machen????? Würde das öffentliche Schulsystem es auch nur einem kleinen Teil der Lehrer ermöglichen so motiviert zu unterrichten, wie es die Lehrer an der ST.Gilgen Intern. School machen, ich hätte meine Kinder nicht in ein Internat gegeben! Ich bin sehr dankbar, dass es diese Schule gibt und hoffe, dass meine Kinder im späteren Leben mit offenem Herz durch die Welt gehen und dieses nicht von Neid verhärten-, sich aber auch nicht von falschem Glanz blenden lassen.
Ich muss schon sagen, dass ich, als Schueler, absolut keine Schule kenne dessen Lehrer am LETZTEN Schultag und gleicheitg Tag Der Offenen Tuer gescheiten Unterricht machen werden wo Aufsaetzte geschrieben werden.... Besonders nicht wenn FUENF Schueler in einer Klasse sind... Ich moechte auch noch hinweisen, dass eine Restaurant, wie der Wirt am Gries ziemlich viel zu tun hat um diese Schule und da kann es schon mal vorkommen das einmal vergessen wird ein neuen Zettel neben die Tuer zu haengen... Dennoch ist dies kein guter Grund, nur weil Eifersucht in der AutrIn enstanden ist auch das Dorf (St. Gilgen) in den Dreck zu ziehen. Noch dazu sollte eine AutorIn auch eine gute Zeitung wie Die Zeit nicht in den Dreck ziehen mit ihrer mangelden recherche an allen Hintergrund Punkten
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