KinoDuell unter Paaren

Unterm Strich zähl ich: Maren Ades wunderbar kluger Liebesfilm »Alle anderen« von 

Von außen gesehen, sind Beziehungsstreitigkeiten immer auch Beziehungspornografie. Schließlich gibt es kaum etwas Banaleres und Peinlicheres als das psychointime Gezerre eines Paares. Menschen, die einander vorwerfen, nicht zuzuhören, nicht zu wissen, wie man sich fühle, oder egoistisch zu sein, sind schon am benachbarten Restauranttisch kaum zu ertragen. Ein Film, der zwei Liebenden zwei Stunden lang dabei zuschaut, wie sie sprechen und streiten, sich entblößen und entblöden, geht also, gelinde gesagt, ein gewisses Risiko ein. Eigentlich kann er nur extrem scheitern. Oder grandios gelingen. So wie Alle anderen von Maren Ade, der auf der vergangenen Berlinale den Silbernen Bären gewann und seiner Hauptdarstellerin die Auszeichnung als beste Schauspielerin einbrachte.

Am Anfang steht eine noch entspannte Urlaubssituation. Sonne, Bikinistimmung, Räkeln am Pool, Ferien im Haus der Eltern auf Sardinien. Es ist der erste gemeinsame Urlaub von Chris (Lars Eidinger) und Gitti (Birgit Minichmayr), einem Berliner Paar, das sich noch nicht ganz im Leben eingerichtet hat. Sie arbeitet für ein Musiklabel, er ist Architekt mit kleinen bis gar keinen Aufträgen. Er ist der grüblerische Stubenhocker, sie dominant und extrovertiert. Er will in Ruhe lesen, während sie ihn ausgelassen davon abhält. Sie kennt seine Stärken und Schwächen, er drückt sich um beides. Es sind kleine Kabbeleien, beiläufige Dialoge, aber sie deuten bereits an, dass es mit der Harmonie nicht so weit her ist.

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Beim Spiel mit »Schnappi«, einem aus Ingwerknollen gebastelten Beziehungsmaskottchen, erschließt sich, dass auch die Lust auf Sex nicht ganz gleichmäßig verteilt ist. »Findest du mich eigentlich männlich?«, wird er irgendwann fragen – und sie belustigt losprusten. Als sie ihm ein neues Kleid vorführt, das ihr ein wenig spießig scheint, reagiert er mit gelangweiltem Zuspruch.

Zwischen Einkaufen, Kochen, Essen und Abhängen tauchen Fragen auf, die man sich im Alltag vielleicht nicht zu stellen traut: Wie wollen wir eigentlich leben? Bleibt der berufliche Erfolg aus, weil man radikaler oder vielleicht auch einfach nur schlechter ist als die anderen? Und wie rettet man im Wirrwarr der Lebensgefühle, Sehnsüchte und Projektionen die Wahrhaftigkeit der eigenen Gefühle?

So wird der Ferienaufenthalt allmählich zum Prüfstand der Selbstbilder und Lebensweisen, zu einem so feinfiebrig wie klug erzählten Drama, dem man gebannt und immer wieder auch belustigt zuschaut. Denn Maren Ades lebenswahre und figurennahe Dialoge werden auf unaufdringliche Weise zum Spiegel. Für die allvertraute Peinlichkeit der Intimität durch den Blick des Dritten. Für den albernen Ernst der Liebe, den jeder kennt. Für all die endlosen Beziehungsdiskussionen, in denen man sich einzigartig fühlt und trotzdem allen anderen gleicht.

Man liebt rund ums Ich, aber das Ich ist ein kleines, quengeliges Etwas

In seinem Buch Liebe als Passion führte der Systemtheoretiker Niklas Luhmann aus, dass die Liebe, dieses vermeintlich subjektive Empfinden, sich sehr wohl an Kultur- und Epochenidealen, man könnte auch sagen: Gefühlsmoden orientiert. In vergangenen Jahrhunderten liebte man entlang von Konzepten wie »Empfindsamkeit«, »Pläsier« oder »Passion«. Heute besteht die Liebessemantik von, sagen wir mal, fortschrittlich gesinnten jüngeren Westeuropäern in der permanenten Hinterfragung und damit letztlich der Abschaffung jeder Semantik. Man liebt rund ums eigene Ich. Und weil dieses Ich in der Regel halt ein schwaches, kleines, unzufriedenes, quengeliges Etwas ist, möchte es sich hin und wieder doch ein wenig anlehnen: an tradierten Rollen und Mustern wie dem aufschauenden Weibchen und dem dominanten Kerl. An den Geschlechterbildern der Großeltern und Eltern, von denen sich nicht nur Maren Ades Helden auf so coole Weise entfernt glauben.

In Alle anderen beginnen sich die Kräfteverhältnisse und Konstellationen innerhalb des Paares ganz langsam zu verschieben. Durch das mit liebevoller Spießigkeit eingerichtete Ferienhaus von Chris’ Eltern, das seine Gäste letztlich wieder zu Kindern macht. Und durch den Besuch eines erfolgreichen Freundespaares mit offenbar klassischer Rollenverteilung: Hans und Sana. Er ist der virile Architekt, der seinen Erfolg mit der gleichen unaufdringlichen Penetranz vor sich herträgt wie seinen Rotweinbauch. Und sie ist Modemacherin, im Nebenberuf Ego-Bestätigerin ihres Mannes. Gemeinsam mit den Besuchern trinkt man bis spät in die Nacht und hört die Grönemeyer-CD der Eltern. Plötzlich gibt Chris den spätpubertären Macker, der seine Freundin vor den anderen runterputzt und betrunken in den Pool wirft. Sie wiederum lässt sich gequält in der Kosmetikabteilung schminken. Dass beide ihre Rollenspiele und Rollensehnsüchte mit einer gewissen Ironie betrachten, hilft ihnen nicht aus der Situation heraus. Es beginnt ein großes Hin und Her der Vorwürfe und Projektionen, ein Kampf um Macht und Anerkennung, bei dem Träume und Ideale verhandelt, Illusionen zerstört werden. Über allem schweben die alten Fragen, die jedes Liebespaar aufs Neue für sich beantworten muss: Wo liegt die Wahrheit zwischen dem Selbstbild und dem Blick des Gegenübers? Und wie weit kann man auf den anderen zugehen, ohne sich selbst zu verraten?

Leserkommentare
  1. Die Filmbeschreibung, die ich zum Film gelesen hatte, klang für mich ganz interessant. Da stand etwas von einem Paar, das während seines Urlaubs durch die Begegnung mit einem anderen Paar in eine Beziehungskrise schlittert. Außerdem hatte der Film auf der Berlinale mehrere Preise gewonnen.

    Vielleicht lag es an der sommerlichen Hitze im Kino, doch meine Begleiter und ich fanden unsere Erwartungen schließlich nicht erfüllt.

    HIER JENE NICHT MEHR WEITERLESEN, DIE VOR DEM FILM NOCH NICHT ZUVIEL WISSEN MÖCHTEN:

    http://www.diedenker.org/...

  2. Der Film zeigt ein Beispiel für das immer von Neuem passierende Scheitern des Pärchenmodells. Es wird ziemlich schnell klar, dass diese beiden keinen weiten und stabilen Orbit finden. Ein "Französischer Film" weil sich in französischen Filmen die Menschen über das Paar dem sie angehören definieren. Der Film ist spannend bis zur letzten Minute, da man das Potential zur Katastrophe ständig wachsen spürt.

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