Hochschule Falsches Vorbild

Wilhelm von Humboldt gilt als Erfinder der Universität – zu Unrecht. Aber in Krisen- und Protestzeiten muss er wieder mal als Popstar der Bildung herhalten

Es wird viel gestorben an deutschen Universitäten. Der Tote ist stets derselbe: Wilhelm von Humboldt und »seine« Universität. Physisch tot ist der Gelehrte seit Langem, nämlich seit dem 8. April 1835. Normalerweise schrumpft eine Erinnerungsgemeinde mit dem Abstand zum Sterbedatum. Nur bei Religionsstiftern ist das anders – und bei Humboldt. Je länger der echte Humboldt unter der Erde liegt, desto größer wird die Zahl der Trauernden.

In den nächsten Monaten werden die Kränze noch prächtiger, die Wehklagen noch lauter sein. Denn es jährt sich im Juli zum 200. Mal das Datum, an dem Wilhelm von Humboldt »An des Königs Majestät« seinen »Antrag auf Errichtung der Universität Berlin« stellte und danach jene Hochschule gegründet wurde, die heute Humboldts Namen trägt. Andächtig wird man um sein Grab herum stehen und mit Wehmut die große Geschichte der deutschen Universität beschwören.

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Sie geht in Kurzform so: Wir schreiben das Jahr 1809. Preußen liegt am Boden, die Universitäten sind in einem lamentablen Zustand. Da lässt der König einen Gelehrten an die Spitze des Kultusministeriums berufen, der selbst nie eine Schule besucht und das eigene Studium schon nach vier Semestern geschmissen hatte: Wilhelm von Humboldt (1767-1835), damals 41 Jahre alt. Nur 13 Monate hält es der Geheime Staatsrat in dem Ressort aus. Doch diese knappe Zeitspanne genügt ihm, mit der Gründung der Berliner Hochschule der modernen Universität ihre Gestalt zu geben.

Seite an Seite gehen Professoren und Studenten darin ihren Forschungsinteressen nach. Weder staatliche Interventionen noch kurzfristige Nützlichkeitserwägungen behindern sie in ihrem Streben nach der Wahrheit. Denn Bildung, nicht Ausbildung ist das Ziel des Studiums. Das Ergebnis: durch Wissenschaft gereifte Persönlichkeiten.

Rasch verbreiten sich diese Prinzipien, erst in den preußischen Universitäten, später in der Welt, und begründen die Leistungskraft der deutschen Wissenschaft. Zwei Jahrhunderte lang trotzt die Humboldtsche Universität allen Herausforderungen: dem Aufstieg der modernen Naturwissenschaften, der Barbarei des Nationalsozialismus, der modernen Massenuniversität. Aber heute machen Politiker und Hochschulbürokraten dem Humboldtschen Geniestreich den Garaus. Der Totengräber heißt Bologna.

Genau vor zehn Jahren, am 19. Juni 1999, haben 29 europäische Bildungsminister im italienischen Bologna eine Erklärung unterzeichnet, deren Ziel die Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulraums mit vergleichbaren Hochschulabschlüssen bis 2010 ist. Gegen die Folgen dieses Beschlusses, gegen die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen, gegen die Verschulung des Studiums, gegen Studiengebühren richtet sich der »Bildungsstreik«, den Schüler und Studenten in dieser Woche als bundesweite Protestplattform organisieren.

Allein, die gerade anlässlich der Jahrestage und Proteste gern erzählte Humboldt-Geschichte hat sich niemals so abgespielt. Die freiheitlich forschende Universität ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Seither diente der Rekurs auf den Preußen als eine Art Allzweckwaffe, mit der Professoren meist gegen aktuelle Reformen polemisierten, heute mehr denn je. »Humboldt wurde und wird missbraucht, um Interessen durchzusetzen«, kritisiert der Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth.

Leser-Kommentare
    • LH
    • 21.06.2009 um 23:10 Uhr

    Egal wie hoch die Arbeitslosenquote ist, es wird von jedem Arbeitslosen erwartet, sich in den noch so vollen Arbeitsmarkt zu quetschen. Aber wenn 40% die Möglichkeit einer vormals elitären Ausbildung erhalten sollen, dann ist nicht genug Platz und sie (letztlich sogar alle) müssen draußen bleiben? Irgendwas passt da nicht zusammen. Entweder es bringt Vorteile, wenn 40% zu "durch Wissenschaft gereiften Persönlichkeiten" werden können, dann trägt auch der Arbeitslose eine Verantwortung für seine Lage. Oder aber es gibt wirklich Grenzen und deshalb Verteilungsnöte. Dann können nicht 40% eine elitäre Bildung genießen, dann kann aber auch der durchschnittliche Arbeitslose nichts für seine Situation.

    Wie das mit Humboldt nun war, spielt wirklich keine Rolle. Es geht um die Idee, die damit verbunden ist. Wahrer Fortschritt entsteht nicht durch Arbeit, sondern durch spielerisches Experimentieren. Arbeit ist erst die Umsetzung. Die Gesellschaft hat mehr davon, wenn sie nicht nur ausbildet, sondern Raum zur Reifung lässt.

  1. Humboldt war Demokrat, durch und durch. Dass seinen Ideen (fast) nie (vollständig) Folge geleistet wurde, widerlegt ihn doch nicht. Der Grund seiner kurzen Amtszeit war ja gerade, dass er sich nicht durchsetzen konnte - er trat zurück. Er kann auch nicht für die Nachteile einer stümperhaften Umsetzung seiner Idee verantwortlich gemacht werden: Natürlich sollten Studierende nicht mit sich und ihrem Schlendrian allein gelassen werden. Wahrscheinlich bezieht sich der Großteil von Humboldts Literatur auf das Schulwesen, weil dort genau dieses selbständige Arbeiten erlernt werden soll. Mit Elitestudium hat das übrigens nichts zu tun, ganz im Gegenteil: Freies Denken ist die Grundlage jedes demokratischen Menschen und diese Idee zeichnet Humboldt vor. Wenn es dann Nachteile aus der "Vermassung" gibt, dann liegt das nur daran, dass hier völlig unzureichende Ressourcen zugrunde liegen, die sich u.a. in einem der schlechtesten Professoren-Studierende-Quotienten weltweit ausdrücken.
    Nehmen Sie es bitte zur Kenntnis, Herr Spiewak, dass die Verschulung durch die fehlerhafte Einführung des Bachelor (es ist nicht der Bachelor selbst) unerträglich ist und in der Tat zu sinkendem Engagement und steigender Engstirnigkeit von Studierenden führt. Ich bezweifle, dass das wünschenswert ist, ebenso wenig wie konservative Colleges, die ihren Studierenden die Welt nur aus einer Richtung erklären - ein Beispiel der so gepriesenen Vielfältigkeit des US-Hochschulwesens, welche im Übrigen eher eine Arbeitsteilung wie zwischen unseren Berufsakademien, FHs und Unis ist - und derzeit zurück geht (die Vielfältigkeit).

  2. Irgendwie hat der Artikel ja was von Religionskritik. Man stelle nur an Humboldts statt Jesu Christi Namen: Auch der lebte bloß, im Nachhinein wurde vieles hineininterpretiert, anderes wurde ausgelassen. Ein echtes Konzept hat der noch weniger geliefert als Humboldt. Trotzdem laufen in beiden Fällen die Kritiken ins Leere, weil beider Ideen als solche überlebt haben und sich als solche auch durchgesetzt haben.

    Nebenbei bemerkt, glaube ich mich zu erinnern, dass Hegels Antrittsvorlesung in Berlin durchaus ein Loblied auf die Universität Humboldts enthielt - und den zu vergessen ist geradezu peinlich für die Zeit....

  3. Vielleicht hat Humboldt wirklich eine andere Uni begründet als von den Wehklagenden erzählt wird - vielleicht auch nicht.

    Aber das wirklich erstaunliche an Ihrem Artikel finde ich die Kritik, die sie den Bildungsprotestlern entgegensetzen. Warum muss es ein anderes Bildungskonzept geben, wenn mehr Menschen studieren? Sie sollen doch die gleiche Ausbildung erhalten, wie die nicht mal 1% die ehemals Studierenden? Was man benötigt sind mehr Professoren, Tutoren, Räume und Materialien.
    Und was ist denn bitte an den Forderungen der Studenten "elitär und rückwärtsgewandt"? Die Proteste richten sich doch gerade gegen das Erschaffen einer Elite indem sie bessere Betreuung/Ausstattung für alle, mehr Studienplätze und das Beenden der Exzellenzinitiative fordern.
    Auch das "angeblich völlig verschulten Bachelorstudium" ist nicht nur angeblich sehr verschult. Die Anwesenheitspflicht, die Übungszettel, der striktere und schnellere Studienaufbau lässt einem wenig Zeit anderen Interessen nachzugehen.

    Dabei ist eine Vermischung der verschiedenen Studiengänge doch sehr wichtig. Bioinformatik - heute ein eigenes Fach - wäre sicherlich nie entstanden, hätte sich nicht ein Biologe für Informatik oder umgekehrt interessiert hätte und ist heute wichtig für Medizin etc.
    Schon allein deshalb "wettere" ich gerne gegen Spezialistentum.

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