Hochschule Falsches VorbildSeite 3/3
Humboldt wurde für solche Zustände ebenso wenig zur Verantwortung gezogen, wie er bis dahin für den Ruhm der deutschen Hochschulen haftbar gemacht worden war. Das änderte sich Anfang des 20. Jahrhunderts. Fast 100 Jahre nach ihrer Entstehung entdeckte man damals Humboldts Schrift Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin . Ein Biograf hatte das vergessene Manuskript in den 1890er Jahren in einem Archiv gefunden. Erstmals 1903 wird es vollständig veröffentlicht. In einem nur zehn Seiten langen Fragment sahen Zeitgenossen all das beschrieben, was sie sich für ihre Hochschule ersehnten: Staatsferne und Elitedenken sowie die Einheit der Wissenschaften, die sich mittlerweile in viele Einzeldisziplinen ausdifferenziert hatten. Nachträglich, als Akt erfundener Tradition also, wurde Humboldts Texttorso nun zum programmatischen Gründungsmanifest erst der Berliner Universität, dann der deutschen Universität erklärt – und der preußische Gelehrte zum Schutzheiligen der deutschen Professoren erhoben. Von nun an wurde jede Reform an ihm gemessen, fragte man sich bei jeder Neuerung: Was hätte Humboldt dazu gesagt?
In der Regel waren es nicht Historiker, sondern Geisteswissenschaftler anderer Fächer, die sich als Humboldt-Interpreten hervortaten. Typisch für die Zeit sprach der Orientalist und Weimarer Kultusminister Carl Heinrich Becker der Humboldtschen Universitätsidee eine ewige, fast heilige Gültigkeit zu. »Vom Wesen der deutschen Universität kann man nur mit ehrfürchtiger Scheu sprechen«, schrieb Becker. Sie verfolge ein »selbstloses und zweckloses Suchen«, das letztlich im »deutschen Wesen« wurzle.
Aber auch für andere Zwecke ließ sich Humboldt einspannen. So begründete der erste Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (heute Max-Planck-Gesellschaft), Adolf von Harnack, die Notwendigkeit, neben den Universitäten reine Forschungseinrichtungen ohne Studenten zu gründen, ausgerechnet mit Humboldts Manuskript. An einer Stelle ist darin die Rede von universitätsunabhängigen »Instituten«.
Nach dem Ende des Naziregimes berief sich die Wissenschaftspolitik in beiden deutschen Staaten wieder auf den preußischen Adligen. Die DDR machte ihn zum Symbol eines sozialistischen Humanismus. In der Bundesrepublik benutzte man den Mythos Humboldt »als Alibi des Wiederaufbaus der Ordinarienuniversität«, meint der Historiker Mitchell G. Ash – man drückte sich damit vor Aufarbeitung des eigenen Versagens im Nationalsozialismus.
Heute wird Humboldt vor allem gegen die Bologna-Reform in Stellung gebracht, die Umstellung auf das Bachelor- und Masterstudium. Im angeblich völlig verschulten Bachelorstudium habe das forschende Lernen keinen Platz mehr, sei die Diskursgemeinschaft von Professoren und Studenten unmöglich. Doch diese Gemeinschaft war auch vor hundert Jahren keinesfalls die Regel. Unter den Bedingungen der Massenuniversität hat es sie allenfalls in Ausnahmefällen gegeben.
Wie früher wettert man mit Humboldt gegen die Vermassung der Universitäten, das Spezialistentum im Studium oder gegen den Versuch, den Studenten (auch) berufstaugliche Kenntnisse zu vermitteln. Schon damals waren solche Argumente elitär und rückwärtsgewandt. Heute sind sie völlig fehl am Platz. Wenn knapp 40 Prozent eines Jahrgangs studieren, muss das Bildungskonzept ein anderes sein als in Zeiten, in denen nicht einmal einer von hundert die Universität besuchte. Die überwältigende Mehrheit der Studenten will nicht Professor werden, sondern sucht – wie früher auch – eine akademische Ausbildung für einen anspruchsvollen Beruf in einem Unternehmen, in Krankenhaus, Schule oder Amtsstube.
Wer heute für die Marktwirtschaft ficht, argumentiert nicht mehr mit Adam Smith. Verteidiger der Evolutionslehre schlagen nicht mehr in Darwins Originaltexten nach. Warum aber rufen Professoren, die von Berufs wegen für das Neue offen sein müssen, ausgerechnet einen Denker des vorletzten Jahrhunderts zum Zeugen an, wenn sie heute für eine gute Universität kämpfen? Humboldt ist tot – das stimmt seit Langem. Beim 100. Jubiläum seiner Universität versuchte man, ihn wiederauferstehen zu lassen. Vielleicht gelingt es zum 200. Jahrestag, dem Mythos Humboldt endlich seine ewige Ruhe zu schenken.
- Datum 21.06.2009 - 20:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.06.2009 Nr. 26
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Egal wie hoch die Arbeitslosenquote ist, es wird von jedem Arbeitslosen erwartet, sich in den noch so vollen Arbeitsmarkt zu quetschen. Aber wenn 40% die Möglichkeit einer vormals elitären Ausbildung erhalten sollen, dann ist nicht genug Platz und sie (letztlich sogar alle) müssen draußen bleiben? Irgendwas passt da nicht zusammen. Entweder es bringt Vorteile, wenn 40% zu "durch Wissenschaft gereiften Persönlichkeiten" werden können, dann trägt auch der Arbeitslose eine Verantwortung für seine Lage. Oder aber es gibt wirklich Grenzen und deshalb Verteilungsnöte. Dann können nicht 40% eine elitäre Bildung genießen, dann kann aber auch der durchschnittliche Arbeitslose nichts für seine Situation.
Wie das mit Humboldt nun war, spielt wirklich keine Rolle. Es geht um die Idee, die damit verbunden ist. Wahrer Fortschritt entsteht nicht durch Arbeit, sondern durch spielerisches Experimentieren. Arbeit ist erst die Umsetzung. Die Gesellschaft hat mehr davon, wenn sie nicht nur ausbildet, sondern Raum zur Reifung lässt.
Humboldt war Demokrat, durch und durch. Dass seinen Ideen (fast) nie (vollständig) Folge geleistet wurde, widerlegt ihn doch nicht. Der Grund seiner kurzen Amtszeit war ja gerade, dass er sich nicht durchsetzen konnte - er trat zurück. Er kann auch nicht für die Nachteile einer stümperhaften Umsetzung seiner Idee verantwortlich gemacht werden: Natürlich sollten Studierende nicht mit sich und ihrem Schlendrian allein gelassen werden. Wahrscheinlich bezieht sich der Großteil von Humboldts Literatur auf das Schulwesen, weil dort genau dieses selbständige Arbeiten erlernt werden soll. Mit Elitestudium hat das übrigens nichts zu tun, ganz im Gegenteil: Freies Denken ist die Grundlage jedes demokratischen Menschen und diese Idee zeichnet Humboldt vor. Wenn es dann Nachteile aus der "Vermassung" gibt, dann liegt das nur daran, dass hier völlig unzureichende Ressourcen zugrunde liegen, die sich u.a. in einem der schlechtesten Professoren-Studierende-Quotienten weltweit ausdrücken.
Nehmen Sie es bitte zur Kenntnis, Herr Spiewak, dass die Verschulung durch die fehlerhafte Einführung des Bachelor (es ist nicht der Bachelor selbst) unerträglich ist und in der Tat zu sinkendem Engagement und steigender Engstirnigkeit von Studierenden führt. Ich bezweifle, dass das wünschenswert ist, ebenso wenig wie konservative Colleges, die ihren Studierenden die Welt nur aus einer Richtung erklären - ein Beispiel der so gepriesenen Vielfältigkeit des US-Hochschulwesens, welche im Übrigen eher eine Arbeitsteilung wie zwischen unseren Berufsakademien, FHs und Unis ist - und derzeit zurück geht (die Vielfältigkeit).
Irgendwie hat der Artikel ja was von Religionskritik. Man stelle nur an Humboldts statt Jesu Christi Namen: Auch der lebte bloß, im Nachhinein wurde vieles hineininterpretiert, anderes wurde ausgelassen. Ein echtes Konzept hat der noch weniger geliefert als Humboldt. Trotzdem laufen in beiden Fällen die Kritiken ins Leere, weil beider Ideen als solche überlebt haben und sich als solche auch durchgesetzt haben.
Nebenbei bemerkt, glaube ich mich zu erinnern, dass Hegels Antrittsvorlesung in Berlin durchaus ein Loblied auf die Universität Humboldts enthielt - und den zu vergessen ist geradezu peinlich für die Zeit....
Vielleicht hat Humboldt wirklich eine andere Uni begründet als von den Wehklagenden erzählt wird - vielleicht auch nicht.
Aber das wirklich erstaunliche an Ihrem Artikel finde ich die Kritik, die sie den Bildungsprotestlern entgegensetzen. Warum muss es ein anderes Bildungskonzept geben, wenn mehr Menschen studieren? Sie sollen doch die gleiche Ausbildung erhalten, wie die nicht mal 1% die ehemals Studierenden? Was man benötigt sind mehr Professoren, Tutoren, Räume und Materialien.
Und was ist denn bitte an den Forderungen der Studenten "elitär und rückwärtsgewandt"? Die Proteste richten sich doch gerade gegen das Erschaffen einer Elite indem sie bessere Betreuung/Ausstattung für alle, mehr Studienplätze und das Beenden der Exzellenzinitiative fordern.
Auch das "angeblich völlig verschulten Bachelorstudium" ist nicht nur angeblich sehr verschult. Die Anwesenheitspflicht, die Übungszettel, der striktere und schnellere Studienaufbau lässt einem wenig Zeit anderen Interessen nachzugehen.
Dabei ist eine Vermischung der verschiedenen Studiengänge doch sehr wichtig. Bioinformatik - heute ein eigenes Fach - wäre sicherlich nie entstanden, hätte sich nicht ein Biologe für Informatik oder umgekehrt interessiert hätte und ist heute wichtig für Medizin etc.
Schon allein deshalb "wettere" ich gerne gegen Spezialistentum.
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