Obwohl sich dieses Deutschland wahrlich verändert hat – sodass ein Auswanderer, der nach fünfzig Jahren zurückkäme, es vielerorts kaum wiedererkennen würde –, gibt es doch deutsche Traditionsbestände, die auf wundersame Weise dem Sturm der Zeiten getrotzt haben. Dazu gehören vermutlich das Schützenfest, der Gesangverein und das Stadttheater – und ganz sicherlich das deutsche Gymnasium. Es ist unter allen Schulformen die beliebteste und die mit Abstand ehrwürdigste. Die Liste der ältesten Gymnasien geht zurück bis ins 8. Jahrhundert, aber obwohl die heutigen Gymnasien mit den Klosterschulen, aus denen sie meist hervorgingen, nicht viel mehr gemein haben und obwohl ihre Erscheinungsform verwirrend vielfältig ist, erfreut sich das deutsche Gymnasium immer noch und immer mehr des Zuspruchs der Eltern.

Der eine Grund dafür liegt ohne Zweifel darin, dass die zermürbende Abfolge endloser Schulreformen in den Köpfen der meisten Eltern das unabweisbare Gefühl hervorruft: lieber das Gymnasium, da weiß man, was man hat. Der zweite Grund liegt in einem einzigen Wort: Abitur. Wer immer in den deutschsprachigen Breiten etwas werden wollte – und »etwas werden« hieß nicht selten, die Beamtenlaufbahn zu ergreifen –, der kam ohne Abitur nicht weit. Die »warmgesessenen, wohlhabenden Bürger«, über die Hermann Hesse in dem Schülerroman Unterm Rad (1903) seinen Spott ergießt, hatten »keinen höheren Ehrgeiz als den, ihre Söhne womöglich studieren und Beamte werden zu lassen«. Das ist bis heute so geblieben, mit dem Unterschied freilich, dass es nunmehr ebenso häufig um die Töchter geht und dass an die Stelle des Beamten andere, oft lukrativere Berufe getreten sind. Der Weg zu gesellschaftlichem Ansehen aber führt mehr noch als früher übers Abitur, und die solideste Art und Weise, es zu erlangen, bietet in den Augen der meisten Eltern das Gymnasium.

Traditionsbestände bleiben selten unangefochten, schon gar nicht in Deutschland. Während jedoch am Gesangverein und am Schützenfest jede Kulturkritik abperlt wie Regen am Bierzelt, kann sich das Stadttheater des Hohns aller fortschrittlichen Theaterleute sicher sein, so wie das Gymnasium für die meisten Bildungspolitiker und pädagogischen Funktionäre ein bürgerliches Relikt des 19. Jahrhunderts darstellt, das am besten verschwände. An Versuchen, ebendies zu bewirken, hat es nie gefehlt, bis in die Gegenwart nicht.

Wer dem 2005 verstorbenen großen Altphilologen Manfred Fuhrmann folgt, der muss schon in dem kaiserlichen Erlass von 1900, der das Abitur des Realgymnasiums dem des humanistischen gleichstellte, den Anfang vom Ende einer rund tausend Jahre alten Bildungsidee erkennen, für die das Christentum und die Antike allein maßgeblich waren. Wilhelm von Humboldt hatte zuvor, obwohl er lediglich anderthalb Jahre die preußische Sektion für Kultus und Unterricht anführte (1809/10), die lang nachwirkende, legendär gewordene Humboldtsche Bildungsreform eingeleitet. Er sah als Aufgabe des Gymnasiums nicht die auf den Beruf vorbereitende Wissensvermittlung, sondern »die allgemeine Menschenbildung«, also die Schulung des Charakters, des moralischen Verständnisses und des Denkvermögens, weshalb in seinen Augen drei Fachgebiete völlig ausreichten: die Mathematik, die alten Sprachen und die Geschichte. Dabei ist es natürlich nicht geblieben. Mit der technisch-industriellen Revolution kamen die Naturwissenschaften hinzu, mit dem Erstarken der Nation (und auch des Nationalismus) folgte das Fach Deutsch. Man solle, so Wilhelm II. 1889, »nationale junge Deutsche erziehen, nicht Griechen und Römer«.

Die Schüler schätzen den Frontalunterricht

Versuche, das humanistische Bildungsideal nach den Weltkriegen wiederzubeleben, blieben ohne Erfolg, sodass das altsprachliche Gymnasium heute eine kleine, aber stabile Minderheit versorgt. Die Mehrheit bevorzugt naturwissenschaftlich, neusprachlich oder musisch orientierte Gymnasien. Trotz dieser Unterschiede sind die Gemeinsamkeiten so bestimmend, dass man nach wie vor von »dem« deutschen Gymnasium sprechen kann. Es gibt wissenschaftlich ausgebildete Lehrer, es gibt Fächer, es gibt Klassen. Der von Pädagogen missachtete, von Schülern geschätzte Frontalunterricht dominiert. Gleichwohl hat sich das Gymnasium in Maßen modernisiert, aber wegen seiner Bindung an die Tradition »gilt es heute in weiten Kreisen der Erziehungswissenschaft als Symbol für ein überholtes Bildungssystem«, wie Heinz-Elmar Tenorth kürzlich in einem Vortrag bemerkte. Tenorth ist Professor für Historische Erziehungswissenschaft und ein Verteidiger des Gymnasiums. Es blicke zurück »auf eine kontinuierliche Erfolgsgeschichte«, wie sie kaum eine andere Schulform vorzeigen könne. Die Gesamtschule jedenfalls, die zu ihrem Beginn (Mitte der sechziger Jahre) als Einheitsschule gedacht war und das Gymnasium ersetzen sollte, hat die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt, vor allem nicht die einer verstärkten Integration sozial benachteiligter Schüler.

Woher aber kommt die regelmäßig anbrandende Welle antigymnasialer Ressentiments? Es gab und gibt in Deutschland einen bürgerlichen Selbsthass, der sich zuletzt in der 68er-Revolte Ausdruck verschaffte. Legitim daran war die Wahrnehmung, dass die zentralen bürgerlichen Institutionen, darunter eben auch das Gymnasium, dem Nazi-Terror nicht nur keinen Widerstand entgegengebracht, sondern ihm oftmals Vorschub geleistet hatten. Das deutsche (deutschsprachige) Gymnasium war in seinen finstersten Augenblicken auch die Heimat des autoritären Charakters, wie ihn Heinrich Mann in seinem Roman Professor Unrat (1904) dargestellt hat, es war eben auch der Ort einer schwarzen Pädagogik, wie sie uns in Friedrich Torbergs Erzählung Der Schüler Gerber (1930) oder in Robert Musils Verwirrungen des Zöglings Törleß (1906) begegnet. Das Versagen angesichts der Nazis jedoch betrifft nahezu alle Institutionen einschließlich der Kirchen, und sie deshalb zu verwerfen führt in den Fehler des Gegenteils.

Geblieben ist ein ideologischer Vorbehalt, der sich nicht selten mit dem Argument der Chancengleichheit tarnt. Wobei man sofort hinzufügen muss, dass dieses Argument, unabhängig von den unreinen Motiven hier und da, vollauf ernst zu nehmen ist. Denn es stimmt: Das deutsche Gymnasium bietet kein ausgewogenes Abbild der sozialen Struktur dieses Landes. Nach wie vor wird es vor allem von Schülern der Mittelschicht besucht, allerdings in geringerem Ausmaß als früher, da lediglich zehn Prozent eines Jahrgangs zum Abitur kamen (1970). Heute ist es im Schnitt ein Drittel, in manchen Stadtregionen fast die Hälfte, was eben auch bedeutet, dass das Gymnasium keineswegs mehr exklusiv ist. Und doch ist es keine Schule der Unterschicht, naturgemäß. Man weiß, dass sich die Grundschullehrer in den sogenannten Gymnasialempfehlungen nicht nur nach den puren Leistungen richten, sondern auch nach dem Bild, das der Schüler abgibt. Und hier spielt der Habitus eine unvermeidliche Rolle, der Einklang mit der unbewussten Vorstellung des Lehrers davon, welche Art des Sprechens und Benehmens eine positive Prognose nahelege. Es kommt hinzu, dass Eltern der Mittelschicht auf die Gymnasialempfehlung zumeist dringenden Wert legen, dem sie unter Umständen Nachdruck zu verschaffen wissen, während Eltern der Unterschicht, wenn sie überhaupt in Erscheinung treten, oftmals gleichgültig wirken.

Das Gymnasium abzuschaffen würde den Benachteiligten nicht helfen

Für all das kann das Gymnasium natürlich gar nichts, aber es wird ihm angelastet. Wie man ja generell beobachten kann, dass die Schule zum allzuständigen gesellschaftlichen Reparaturbetrieb herabgewürdigt wird. Von alters her ist sie für die Bildung da oder, wenn man das Wort nicht mag, für die Ausbildung, aber keineswegs für die Einübung von Kindern in zivilisatorische Grundlagen. Wenn nun der Staat, wie es immer öfter notwendig scheint, Vormundschaftsaufgaben wahrnehmen muss, dann hat er die Schulen entsprechend auszustatten, und vor allem muss er früher damit beginnen als im Alter von Grundschülern oder gar Gymnasiasten.

Es ist aber die Tatsache, dass im Gymnasium die sogenannten besserverdienenden und besser gebildeten Kreise überproportional vertreten sind, den Kämpfern für die Chancengleichheit dermaßen ein Dorn im Auge, dass sie die Einheitsschule gern durchsetzen würden, wenn sie nur könnten – ganz so, als ob dadurch, dass man eine gut funktionierende Schulform abschaffte, andere einen Vorteil davon hätten. Dergleichen passiert gerade in Hamburg, wo die schwarz-grüne Koalition alles daransetzt, die Gymnasien zu vernichten. Die Einführung einer für alle verbindlichen Primarschule reduziert die gymnasiale Zeit auf sechs Jahre (nachdem sie zuvor auf acht gekürzt worden war). Es bedeutet leider, dass damit das Schicksal der wenigen strikt altsprachlichen Gymnasien, die es noch gibt, besiegelt ist. Es bedeutet aber vor allem, dass damit der letzte Rest dessen, was einst Gymnasium hieß, zum Kurzstreckenlauf verkümmern muss, an dessen Ende die optimale Punktezahl im Abi steht. Könnte es nicht sein, dass Bildung heute das Gegenteil bedeuten müsste? Ein Freiraum nämlich, der offen ist für die Muße und die Musen, für die Lust an der Sache, gar für Umwege oder Seitenwege, damit der Schüler sich selbst und seine Fähigkeiten entdecke.

Derlei in Zahlen zu übersetzen wäre nicht leicht, aber vielleicht ist Bildung ja etwas, das man nicht unbedingt messen muss. Auch wenn man der Ansicht wäre, dieser in andere Sprachen kaum übersetzbare Begriff sei eine deutsche, eine vergangenheitspathetische Sonderbarkeit und der ewige Humboldt sei passé, dann müsste man doch eine andere Idee an seine Stelle setzen. Wer aber den eben erschienenen Band Bildung? Bildung! (Berlin Verlag) in die Hand nimmt, der erlebt sein graues Wunder. Von Ausnahmen abgesehen, erhebt hier ein Ökonomismus drohend sein Haupt, der vom Humankapital spricht, das unser rohstoffarmes Land in Zeiten der Globalisierung möglichst gründlich ausschöpfen müsse; von den Kosten, die das Bildungssystem uns allen verursache; vom lebenslangen Lernen, von Metakompetenz, von Steuerungslogik und all diesen tristen Dingen. Und die meisten der 26 Autoren (viele waren oder sind Mitglieder des Wissenschaftsrates und anderer hochmögender Institutionen) reden davon in einer derart tristen Sprache, dass man nur zu dem Schluss kommt: Lasst uns endlich nicht mehr über Bildung reden!

Lasst uns stattdessen endlich akzeptieren, dass das deutsche Gymnasium nicht abschaffbar ist. Es ist nämlich, wie Heinz-Elmar Tenorth zeigt, eine »Leitinstitution«, was heißt, dass alles, was wir über Schule und Bildung reden, davon unbewusst bestimmt ist. Ob man es nun furchtbar findet oder nicht: Dieses Leitbild ist weniger vom Professor Unrat geprägt als von der Feuerzangenbowle und vom Fliegenden Klassenzimmer. Und weil das so ist, wird das deutsche Gymnasium noch manche Reform überleben.