Medien Platanen im Schrebergarten
Weniger Leser, Hunderte von Entlassungen. Die Schweizer Presse serbelt. Welche Schuld trifft die Journalisten selbst?
Ja, sicher. Er war ein Wortmächtiger, einer, der jede Form beherrschte, die historische Aufarbeitung wie die Reportage, das Interview wie das Liebesgedicht. Ein Haudegen der Gerechtigkeit, der im furiosen Galopp wider die Machthaber anritt. Auf Milde durfte bei ihm keiner hoffen. Selbst die Hand, die ihn fütterte, biss er. Manchmal, schien es, sogar mit besonderem Genuss. Was seine Kritiker dabei besonders ärgerte: Er war besser informiert, argumentierte intelligenter und differenzierter als sie selbst.
Aber – Niklaus Meienberg ist seit 15 Jahren tot. Und die Zeiten, denen er seinen Stempel aufgedrückt hatte, waren für linke Journalisten dankbare Zeiten gewesen. Die Welt der sakrosankten Kompromisse – endlich aufgebrochen! Es tat sich was, und dies in der Schweiz! Selbst bescheidenere Talente blühten damals auf. Wie Meienberg stürmten sie mit inquisitorisch verengten Augen die Büros von Magistraten und Wirtschaftsfürsten und starteten das Verhör. Wie er düngten sie ihre Sätze mit Dialektausdrücken, die für den urchigen Touch sorgen sollten. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms meienbergelte die halbe journalistische Schweiz. Auchwenn das selten gut herauskam.
Meienbergs Werke und Wirken fielen umso eindrücklicher aus, als seine bürgerlichen Kollegen in jenen turbulenten Zeiten weiterhin im Korsett der journalistischen Konventionen verharrten. Angeschlossen an den politischen Stromkreis ihrer Zeitung, die Futterkrippe hoch beladen, die Stallwärme stabil, sahen sie nicht ein, warum sie an den Grundfesten des nachrichtlichen Journalismus rütteln sollten. Ganz abgesehen davon: Die Autorenschreibe mit ihrem Hang zum Ästhetisierenden war und ist in ihren Augen unseriöse Schaumschlägerei.
Da in ihren Blättern alter Schule nur die bewährtesten Kräfte aus dem Schatten ihrer Kürzel treten durften, konnten sie kaum an öffentlichem Profil gewinnen. Der namentlich gezeichnete Leitartikel auf der Front bedeutete die Krönung jeder journalistischen Laufbahn und wurde zelebriert wie ein Hochamt. Meist war er Chefsache. Woche für Woche teilte der Chefredaktor in besonnenen Sätzen der Leserschaft mit, was Sache war. Viele Schweizer Politiker ehrte nichts so sehr, wie auf der Front der Neuen Zürcher Zeitung gelobt – oder wenigstens nicht getadelt – zu werden. Viele Abonnenten bildeten sich ihre eigene Meinung erst, nachdem sie gelesen hatten, was auf der ersten Seite des Berner Bundes oder der Basler Nationalzeitung stand. Und hätte man sie nach einer journalistischen Persönlichkeit gefragt – es wäre ihnen nur ein Name eingefallen: der Chefredaktor ihrer Zeitung.
Heute haben die wenigsten Chefredaktoren Zeit für ausführliche Artikel; ihr Organizer ist mit Managersitzungen belegt. Zudem können sie sich in der TV-Talkshow-Runde der Nation effektvoller mitteilen und gleichzeitig Werbung für ihr Blatt machen. Manchem ist das Fernsehstudio vertrauter als die eigene Druckerei; die Maskenbildnerin kennt er besser als seine Volontärin. Und er hat gelernt: Bei seiner Performance ist weniger wichtig, was er sagt, sondern wie er es sagt. Publikumsnähe zählt mehr als die scharfe Lagebeurteilung, Sexiness mehr als Fachkenntnis.
Von außen gesehen, scheint die schweizerische Zeitungslandschaft Idylle pur. Nirgendwo ist die Zeitungsdichte größer; noch das kleinste Tal hat seinen eigenen Anzeiger, der alles über den örtlichen Bienenzüchterverein und die lokale Abwasserregelung weiß. Auch erreichen die meisten Schweizer Journalisten und Journalistinnen nach einem reich erfüllten Berufsleben ohne Herzinfarkt das Pensionsalter. Und dies bei einem Gehalt, das immer mehr Kollegen aus unserem nördlichen Nachbarland anzieht.
Die Schwierigkeiten liegen anderswo. In der Schweiz sind alle mannigfach miteinander verflochten: Schon das Nachwuchstalent verinnerlicht, dass Inserenten und Freunde des Verlegers nicht verärgert werden dürfen und dass es besser ist, vorher abzuklären, ob das Offenlegen eines Missstands opportun ist. Dazu kommt die demokratische Grundstimmung des Landes, Konkordanz ist wichtiger als Konfrontation. Das Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen muss stimmen, auch im Zeitungswesen.
- Datum 17.06.2009 - 15:21 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.06.2009 Nr. 26
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