Medien Platanen im SchrebergartenSeite 3/3
Dass sich Sonderanstrengungen nicht lohnen, lernt das Nachwuchstalent rasch. Sogar in der Freizeit hat es recherchiert, den Text dreimal umgeschrieben. Jetzt ist der Artikel brillant, eine Bombe, ein Primeur, von dem das ganze Land sprechen wird. Am Erscheinungstag sitzt das Nachwuchstalent hoffnungsfroh eine Stunde zu früh am Arbeitsplatz, um die ersten Gratulationen entgegenzunehmen. Doch – kein Mail, kein Anruf, kein Begeisterungsausbruch der Kollegen und schon gar kein Schulterklopfen vom Chefredaktor. Wen wundert’s. Der Boss braucht keine Stars in seiner Truppe. Er braucht Textarbeiter.
Journalisten, die mit Haut und Haar Journalisten sind, lassen sich trotzdem nicht unterkriegen. Gut möglich, dass sie draußen, in der Provinz, ein Lokalblatt finden, das den Ehrgeiz hat, nicht nur aus Communiqués, Agenturmeldungen und Internetverschnitten zu bestehen. Dass sein neues Umfeld unspektakulär und bescheiden ist, kümmert diese Journalisten nicht. Dass sie kaum je ein freies Wochenende haben und in der Hauptstadt nicht wahrgenommen werden, auch nicht. Dafür sind sie respektiert von Freund und Feind. Denn ihre journalistische Haltung ist untadelig: Noch nie haben sie einen Artikel aus Gefälligkeit geschrieben.
Anderen Vollblutjournalisten gelingt der Sprung in den elitären Magazin-Journalismus. Dort holen sie sich ihren Kick in Afghanistan, Irak oder Afrika. Als Edelfedern werden sie so lange gehätschelt, bis ein neuer Name auftaucht oder die Chefredaktion wechselt. Angesichts dieser Vorläufigkeit all ihres Bemühens, wächst ihre Sehnsucht nach Bleibendem. Wie Balzac möchten sie in einem Buch auf Reporterweise ein Jahrhundert einfangen. Oder das Elend einer geschundenen Bevölkerungsgruppe ins Bewusstsein rufen. Endlich etwas bewirken. Und für Leser schreiben, die es sich im Sessel gemütlich machen, bevor sie mit Bedacht zu lesen beginnen.
Um ihren Traum zu verwirklichen, nehmen die Starschreiber oft finanzielle Opfer auf sich, nämlich unbezahlten Urlaub, und große Risiken. Häufig sitzt bei ihrer Rückkehr ein neuer Kollege an ihrem Arbeitsplatz. Der schreibt, findet der Chefredaktor, einen Tick frischer. Und kostet weniger.
Manchmal belohnen Bestseller-Ehren den Aussteigermut. Oft aber wird ein Werk ein Flop. Dann ist die Häme der Kollegen groß, und im Keller stapeln sich die unverkauften Exemplare. Einziger Trost: Die Autoren verfügen bis an ihr Lebensende über Gast- und Weihnachtsgeschenke.
- Datum 17.06.2009 - 15:21 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.06.2009 Nr. 26
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