Es war einer der ersten heißen Tage des Jahres, als ich in Baden-Baden ankam. In meinem Rucksack trug ich 7500 Euro, gestückelt in 15 violette 500-Euro-Scheine. Auf der Zugfahrt von Berlin in den Süden hatte ich das Bündel ab und zu über meinen Daumen laufen lassen und daran geschnuppert. Frische Banknoten verströmen einen speziellen Geruch, nasser Karton mit einem Hauch Trüffel, der mich wach und glücklich machte. Ich war optimistisch, vielleicht ein klitzekleines bisschen nervös. Aber im Grunde vertraute ich meinem System. Ich habe oft um ganz kleine Summen gespielt, in Las Vegas und in Monaco, auf der Reeperbahn in Hamburg und im 37. Stock des Hotels am Alexanderplatz in Berlin, wo mir der Barkeeper bestätigte, dass dies die einzig sinnvolle Art sei zu spielen. Es hat mich nie im Stich gelassen, aber ich wusste natürlich, dass es nicht ewig gut gehen würde.

Es ist in diesen Monaten oft vom »Casino-Kapitalismus« die Rede gewesen. Der angloamerikanische Casino-Kapitalismus sei gescheitert, sagte Horst Köhler, und Hans-Werner Sinn, einer der wichtigsten Ökonomen des Landes, hat sein Krisenbuch gleich Kasino-Kapitalismus genannt. Gemeint ist ein Geschäftsgebaren, das süchtig ist nach hohen Renditen und dabei das Risiko einkalkuliert, dass hohe Gewinne früher oder später mit entsetzlichen Crashs bezahlt werden. Wie gemein – den Zockern gegenüber. Wer im Casino eine Chance haben will, braucht zwei Dinge, die den Bankern gefehlt haben: Charakterstärke und eine Strategie. Beides glaubte ich zu besitzen.

Die Sonne stand hoch, als ich aus dem Zug stieg. Ich trug Rock und Sandalen, einen leichten Blazer. So betrat ich ein kleines Bahnhofsgebäude, das so lichtdurchflutet war, dass ich mich in die hohen, kühlen Räume des Cafés flüchtete. Dort wollte ich mich fürs Casino zurechtmachen und auf die Ankunft meines Sekundanten warten. Ich hatte in einem Anfall von Größenwahn einen Gewinner der Fields-Medaille angeschrieben und ihn gebeten, mir am Spieltisch beizustehen. Das war hoch gegriffen, weil es sich bei der Fields-Medaille um die größte Ehrung handelt, die einem in der Mathematik, einem Fach ohne eigenen Nobelpreis, zuteil werden kann. Der Zufall wollte es, dass einer der aktuellen Preisträger, ein 40-jähriger Franzose namens Wendelin Werner, die Medaille mit Berechnungen von Wahrscheinlichkeiten errungen hatte. Zu meiner Überraschung hatte er wohlwollend auf meine E-Mail reagiert. Er habe, schrieb er, um diese Zeit sowieso die Teilnahme an einer Mathematiker-Konferenz im Schwarzwald geplant und nichts dagegen, das berühmte Casino von Baden-Baden einmal von innen zu sehen und mir zu helfen, meine Glückschancen zu errechnen.

Es war natürlich eine grobe Unterforderung, eine Kapazität wie ihn vor derartige Anfängeraufgaben zu stellen. Andererseits hat die Beschäftigung großer Mathematiker mit dem Glücksspiel eine lange Tradition: Pacioli, Fermat, Pascal, die berühmten Renaissance-Gelehrten, erkannten in den Spielsalons der höheren Gesellschaft, dass das Schicksal nicht willkürlich war oder von oben gelenkt wurde. Sondern dass es gewissen Regeln folgte, Gesetzen, die zwar nicht mit Sicherheit auf jeden einzelnen Wurf wirkten, aber mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit auf eine große Zahl von Versuchen.

Vor den hohen Fenstern des Bahnhofscafés bogen sich sanft die Bäume im Wind. Ich konnte nicht erkennen, ob es eher ein sorgenvolles Wiegen war (»Mädchen, Mädchen, was ist nur aus dir geworden«) oder ein gleichgültiges Wogen, quasi das ewige Hin und Her der Natur, der es egal war, ob ich diese kleine Stadt ein wenig reicher oder mit nichts in der Tasche verlassen würde. Denn einer dieser beiden Fälle würde eingetreten sein (so viel stand fest), wenn dieser heiße Nachmittag irgendwann zu Ende war, wenn ich Baden-Baden um 18.37 Uhr wieder mit dem Zug nach Berlin verlassen würde.

Ich hätte Wendelin Werner natürlich auch in Paris treffen können. Für Baden-Baden hatte ich mich entschieden, weil einiges dafür spricht, dass es das Vorbild abgegeben hat für das fiktive Städtchen »Roulettenburg« in Dostojewskis Roman Der Spieler. Ich hatte ihn zur Vorbereitung gelesen, hatte verfolgt, wie ein Grüppchen russischer Adliger fantastische Reichtümer erspielt, um kurz darauf alles wieder zu verlieren. Nicht dass ich vorgehabt hätte, mich so davontragen zu lassen. Im Gegenteil. Mein »System« basiert vor allem auf Selbstbeherrschung, sie ist der einzige Vorteil, den ein Spieler gegenüber der allmächtigen Spielbank besitzt. Ich hatte es vor über zehn Jahren in Las Vegas entdeckt, wo ich für ein paar Tage im Caesars Palace abgestiegen war, um eine Reportage zu schreiben. Glücksspiel lag mir zu der Zeit fern. Brav hatte ich tagelang einen Bogen um die grünen Filzfelder und die lärmenden Münzmaschinen gemacht und mich allein für die architektonischen und soziologischen Aspekte dieses Unortes interessiert, für die bedauernswerten Rentnerinnen, die stundenlang mit den slot machines kopulierten und nicht wissen wollten, was ich wusste: dass am Ende immer das Casino gewinnt.

Irgendwann am Fünf-Dollar-Frühstücksbuffet dann ein Geistesblitz: Könnte ich mir die Ausgaben für mein Frühstück nicht relativ risikolos beim Roulette erspielen, indem ich fünf Dollar auf Rot oder Schwarz setzte und – falls die richtige Farbe käme – ohne Umwege zum Buffet marschierte? Falls ich danebenläge, müsste ich einfach den doppelten Betrag riskieren, um im Falle eines Gewinns (zehn Dollar) abzüglich des bereits Verlorenen (fünf Dollar) wieder auf einen Reingewinn von fünf Dollar zu kommen. Falls ich erneut falschläge, würde ich 20 setzen, dann 40, dann 80 und im allergrößten Notfall eben 320 oder – in Runde acht – 640 Dollar. Spätestens dann sollte ich mir mein Frühstück erspielt haben, denn dass man acht Mal hintereinander falschliegen könnte, war ja wohl äußerst unwahrscheinlich. Der Trick bestand also allein darin, im festen Glauben an den Sieg so lange zu verdoppeln, bis ich gewonnen hatte, und den Gewinn, der mich nach aller Wahrscheinlichkeit früher oder später ereilen würde, auch mitzunehmen. Ich habe in Las Vegas nie wieder für mein Frühstück bezahlt.

Fortan besuchte ich mit der Regelmäßigkeit einer Heizungsableserin einmal im Jahr ein Casino und spielte um 20 oder 50 Euro. Wenn ich sie gewonnen hatte, ging ich. Ich besaß offenbar die richtige Mischung aus Mut und Bescheidenheit, die mich zu einer sicheren Siegerin über das Casino machte. Bei meinen Vorbereitungen auf Baden-Baden fand ich genau diesen Gedanken in einem Brief von Dostojewski, den er 1863 geschrieben hatte. Er beauftragte darin seine Schwägerin, einen Teil seiner Gewinne an seine Frau weiterzuleiten. »Bitte glauben Sie nicht, ich sei, da ich nicht verloren habe, nun so zufrieden mit mir selbst, dass ich prahlerisch behaupten wolle, das Geheimnis des Verlierens und Gewinnens zu kennen. Doch dieses Geheimnis ist mir tatsächlich bekannt, es ist schrecklich kindisch und einfach und besteht daraus, einen kühlen Kopf zu bewahren, ganz gleich, wie das Spiel steht, und niemals nervös zu werden. Das ist das ganze Geheimnis, und es macht Verlieren schlichtweg unmöglich und Gewinnen zur Gewissheit.« Ergänzend ist zu sagen, dass Dostojewski in dem Jahr, in dem er den Brief schrieb, das Glücksspiel entdeckt hatte. Ein Jahr später starben seine Frau, sein Bruder und sein bester Freund. Bereits im nächsten Sommer verspielte er in Wiesbaden seine Reisekasse, um für das nächste Jahrzehnt einer fürchterlichen Spielsucht anheimzufallen.

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––