Jeffrey Bezos ist schon seit 15 Jahren ein Mann der Zukunft, ein Oldtimer der Internetwelt. Der Informatiker hat den Internetbuchhandel amazon.com gegründet und mit seiner elektronischen Vertriebsmethode die amerikanischen Buchhändler an den Rand des Ruins geführt. Nun, am 6. Mai des Jahres 2009, soll es um die Zukunft der Zeitung gehen. Der 45 Jahre alte Milliardär steht im Auditorium der New Yorker Pace University, nicht unweit der Wall Street, und stellt sich einer Schar von Journalisten als Retter der New York Times vor.

Mit ihm gekommen ist ein 57-jähriger schüchterner Mann, der verlegen lächelt: Niemals würde der Verleger und Chairman Arthur Ochs-Sulzberger jr. zugeben, dass seine börsennotierte New York Times Company einem alten Cadillac gleicht, wie manche in der Stadt lästern. Die Marke Cadillac gehört zur Insolvenzmasse des Autogiganten General Motors. Und auch die New York Times Company sei am Ende, behaupten die allzu mächtigen Rating-Agenturen; sie haben die Aktie seiner Gesellschaft auf »junk« herabgestuft, auf Müll also. Von 50 Dollar im Jahr 2005 ist sie auf sechs Dollar gestürzt. Bei solchen Notierungen schließen auch die einst so leichtfertigen New Yorker Banken ihre Kreditschalter. Der New York Times Company droht die Insolvenz.

Doch die Wende naht, hofft ihr Verleger, hier und jetzt: Jeffrey Bezos zeigt sein jüngstes Produkt in die Runde, einen fingerdünnen Rechner mit Namen Kindle DX, das Kind des Kindle 2, mit einem 24,6-Zentimeter-Bildschirm. Er taugt für den drahtlosen Hochgeschwindigkeitsempfang von Texten und schwarz-weißen Bildern. Er verfügt über 3,3 Gigabyte Speicher, was dem Inhalt von 3500 Büchern entspricht. Und er soll 489 Dollar kosten. Sofort zeigt die hell leuchtende Projektionsfläche in Sulzbergers Rücken ein Kindle-DX-Bild mit der ersten Seite der New York Times. Für 9,50 Dollar pro Monat könne man Ochs-Sulzbergers Zeitung künftig auf Bezos’ Apparat laden. Der Verleger strahlt. »Wir wussten seit einem Jahrzehnt«, sagt er, »dass ein elektronisches Lesegerät dasselbe befriedigende Erlebnis ermöglicht wie eine gedruckte Zeitung!«

Doch plötzlich verschwindet auf der Projektionsfläche des Uni-Auditoriums das ganze Bild. Peinliches Dämmerlicht füllt den Saal, Mr. Bezos lächelt gequält. Irgendjemand in seiner Entourage hat etwas falsch gemacht. Ein böses Omen? Schon wieder? Der Internetmilliardär wird nicht gewusst haben, dass am 16. Januar 1992, genau an dem Tag, und in der Stunde, an dem der korrekt gekleidete Herr neben ihm von seinem Vater Arthur »Punch« Sulzberger zum Verleger der Times bestellt wurde, dass also genau an jenem Tag die große Uhr über dem Eingang zum Verlagshaus auf der 43. Straße in New York stehen geblieben war, aus unerklärlichen Gründen. Das Signal aus der Welt des Zufalls gilt in der Folklore der New York Times inzwischen als böses Vorzeichen der Ära unter Arthur jr.

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, diesem Eitelkeitstreffen der Wirtschaftseliten aus aller Welt, hatte der Verleger 2007 erklärt, dass er nicht wisse, ob die New York Times »in fünf Jahren« noch auf Papier gedruckt werde. Es sei ihm auch »ehrlich gesagt: egal«. Dass aber im Gratiskosmos des Internets zahlungswillige Käufer fehlen, merkte er, als das erste Netz-Abonnement seiner Zeitung nicht angenommen wurde. Jetzt also ein zweiter Anlauf. Allerdings fehlt dem Kindle DX die Farbe der gedruckten Ausgabe, das mindert den Wert der meisten Anzeigen. Und die früher so lukrativen schwarz-weißen Kleinanzeigen sind ohnehin längst ins Netz abgewandert. Annoncen für Haushaltshilfen oder gebrauchte Autos sucht man im Blatt vergebens.

Sonntags ersetzte die Lektüre der »Times« den Gottesdienst

Bezos’ Gerät, nein: allen elektronischen Lesehilfen fehle die »Dinghaftigkeit einer Zeitung«, findet der Art Director der Times, Tom Bodkin . Vor drei Jahrzehnten hatten deren Sonntagsausgaben einen Umfang bis zu 1600 Seiten – das sieben Pfund schwere journalistische »Ding an sich« landete krachend vor den Haustüren der aufstrebenden Mittelschicht in New Yorks Suburbia, die Lektüre ersetzte für viele den Gottesdienst.

Die New York Times, sagt ihr Chefredakteur Bill Keller, »kann jeder getrost in der U-Bahn liegen lassen« – anders als den Kindle oder ähnliche Apparate, die man nicht falten kann und auf denen man auch keine Kaffeetasse abstellen sollte. Ein haltbares Geschäftsmodell, ein Zufluchtsort für eine Zeitung wie die Times ist der Kindle nicht, sondern nach Blackberry, iPod und iPhone nur ein weiteres Spielzeug für eine geräteverliebte Nation auf der Suche nach Ablenkung, permanentem Informationsdrama und kurzweiligem Zeitvertreib.

Die Stärke der gedruckten New York Times verkörpert das Gegenteil: geduldige, nachhaltige Aufklärung und intelligente, unparteiische Ordnungssuche im journalistisch gebändigten Nachrichtenchaos. Und – als Folge dieser Mühen – Einfluss auf die politischen, akademischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger des Landes.

Seine Skepsis gegenüber der Internetstrategie seines Verlegers Sulzberger kann Chefredakteur Keller nicht verhehlen. Journalismus-Studenten der Stanford University empfahl er kürzlich, über ihr Berufsziel noch einmal nachzudenken. Ein Reporter der Times, der ungenannt bleiben will, schließt nicht aus, dass sein Verlag in zehn Monaten Insolvenz anmelden könnte. Sein Chefredakteur ist geduldiger. Um ein neues Geschäftsmodell zu entwickeln, sagt Keller, blieben »ein oder zwei Jahre«.

Die wichtigste Zeitung der Vereinigten Staaten erscheint an Wochentagen mit einer knappen Million gedruckter Exemplare, sonntags sogar mit 1,4 Millionen. Ihre Auflage sinkt seit einigen Jahren langsam, in den vergangenen zwei Halbjahren jeweils um 3,6 Prozent. Das ist weniger als der Durchschnitt der amerikanischen Zeitungen. Dennoch steht sie nur Schritte vom finanziellen Abgrund entfernt, solange sie an das Schicksal ihres verlustreichen Medienkonzerns gefesselt bleibt, der aus weiteren 17 Tageszeitungen, über 50 Websites und einer New Yorker Radiostation besteht. Ihr Ende gliche einem Herzinfarkt der kritischen amerikanischen Öffentlichkeit. Es wäre eine finstere Wegmarke für den Niedergang aller subventionsfreien Qualitätszeitungen demokratischer Gesellschaften. Wenn die New York Times es nicht schafft, die tektonischen Verschiebungen des Nachrichten- und Unterhaltungskonsums ins Internet zu überleben, wenn sie den rasanten Niedergang des Anzeigenaufkommens nicht kompensieren, den elektronischen Informations-Tornado nicht abwettern kann, vielleicht gar nicht will – wie, so fragen sich die Verleger anderer seriöser Blätter in Paris, London, Hamburg, Berlin und München, wie soll es dann ihnen gelingen, als Restposten der journalistischen Gutenberg-Ära zu überleben?

Als Trost und negatives Hoffnungszeichen bleiben ihnen einige massive Fehler des New Yorker Zeitungsmanagements. Sie sind so erstaunlich wie die New York Times selbst – und älter als der Siegeszug des Internets. Nicht auszuschließen ist es nämlich, dass die Gesellschafter der New York Times schon seit den frühen neunziger Jahren eine Art strategischen Selbstmord begehen, der von 2007 an durch die globale Rezession und die kulturellen Umbrüche der elektronisch gebannten Kommunikationswirtschaft lediglich beschleunigt wurde.

Keine andere Zeitung der Welt hatte sich mit vergleichbarem Enthusiasmus in die Welt des Internets gestürzt wie die New York Times. Seit mehr als einem Jahrzehnt bietet sie den Reichtum ihrer täglichen Arbeit auf ihrer Website www.nytimes.com an – anfangs gegen Gebühr, inzwischen umsonst. So verstärkte der Verlag den Web-spezifischen Glauben an die Kostenlosigkeit von Nachrichten. Für die gedruckte Ausgabe der Zeitung zahlt man in New York 1,50 Dollar. Im Netz kostet sie nichts.

Der selbst verordnete Modernisierungsschub traf schon früh auf die Skepsis der alteingesessenen Redakteure; sie kannten das Durchschnittsalter ihrer Leser: über 50 Jahre, nicht unbedingt die next generation. Allerdings hatte Max Frankel, in Deutschland geborener Chefredakteur des Blattes von 1986 bis 1994, kurz vor seiner Pensionierung in einem Memorandum an die Verlagsleitung darauf hingewiesen, dass – mit den richtigen Algorithmen – die Datenbasis der Abonnenten und die Masse an Kleinanzeigen eine gute Grundlage für einen kommerziell interessanten Netz-Auftritt bilden könnten. »Das Memo verschwand im Weltall«, erinnerte er sich später. Ein ganz ähnliches Konzept wurde kurz darauf von dem Internet-Unternehmer Craig Newmark realisiert. Seine craigslist vernetzt private Anbieter von allem mit Suchenden von jedem. Ein Service, der zuerst kostenlos war, für den craigslist nun aber zunehmend Gebühren verlangt. Für 2009 wird ein Gewinn von über 100 Millionen Dollar erwartet. Erwirtschaftet mit Kleinanzeigen, die einst die New York Times mitfinanzierten.

Der Chefredakteur klagt über Ad-hoc-Journalismus im Internet

Die elegante und hochwertige Website der Zeitung verzeichnet monatlich über 20 Millionen Zugriffe allein aus dem Inland und mindestens doppelt so viele aus aller Welt, mehr als jedes andere amerikanische Informationsmedium. Indes, die durchschnittliche Verweildauer der Website-Besucher liegt bei 35 Minuten – im ganzen Monat. Jeder Versuch, das berühmte Kreuzworträtsel der New York Times zu lösen, dauert mindestens doppelt so lang.

Die Internetredakteure des Blattes, nicht wenige von ihnen ausgebildete Programmierer, sitzen im Großraumbüro, dem Newsroom, neben den altgedienten, grauköpfigen Printredakteuren, von denen manche das Gefühl haben, aus der Keilschrift-Ära der Geschichte zu stammen.

Das jüngste Angebot des Verlags, für 3,45 Dollar die Woche jeden Morgen in Sekundenschnelle die gesamte Zeitung auf den PC herunterzuladen (Times Reader 2.0), steht im Widerspruch zum billigeren Kindle-Projekt, kommt aber in voller Farbe daher – und als ungewollter Angriff auf den wertvollen Abonnentenstamm der gedruckten Ausgabe. Konsequent wäre es, den unentgeltlichen Zugang zur New York Times- Website wieder zu schließen: Eine Zeitung, die sich über mehrere Netz-Portale im eigenen Haus Konkurrenz macht, um den Markt zu testen, besiegt sich eher früher als später selbst.

Chefredakteur Keller klagt über den Ad-hoc-Journalismus, der sich mit der technischen Veränderung des Berufes in der Branche verbreitet habe, natürlich nicht im eigenen Blatt. »Die jungen Reporter nehmen sich keine Zeit mehr und haben auch keine Zeit, die neu gewonnenen Informationen zu reflektieren. Echter Journalismus ist das nicht.«

Den gibt es aber seit über einem Jahrhundert in der großen New Yorker Zeitung zu besichtigen. Sie hat die erste farbige Sonntagsbeilage gedruckt, die erste Literaturbeilage entwickelt, und sie hat sich früh dem chauvinistischen Citizen-Kane-Journalismus der Hearst-Gruppe durch nüchterne Berichterstattung aus amerikanischen Kriegsregionen widersetzt. Dabei wurden später auch journalistische Grenzen überschritten – die atomare Vernichtung von Nagasaki erlebte ein New York Times- Journalist im Flugzeug der U.S. Air Force mit, eine frühe Form des zweifelhaften embedded journalism.

Die New York Times ist mit den Krisen und Erfolgen der amerikanischen Republik seit Ende des 19. Jahrhunderts enger verbunden als alle anderen Zeitungen der Nation. Fast jeder Präsident (bekannte Ausnahmen: Ronald Reagan und George W. Bush) fand sie auf dem Frühstückstisch vor, jeder Botschafter in Washington, das akademische und ökonomische Establishment, die Studenten der großen Universitäten informierten sich über den Lauf der Dinge mit der Times. Ihr Gründer Adolph Ochs, dessen Eltern Mitte des 19. Jahrhunderts aus Fürth und Landau in die USA ausgewandert waren, hatte das kränkelnde Blatt 1896 gekauft und unter dem züchtigen Motto All the news that’s fit to print bis zu seinem Tod 1935 zum kritisch-patriotischen Zentralorgan des Ostküsten-Establishments ausgebaut. Seine jüdische Herkunft verwehrte ihm anfangs den Zugang zur New Yorker Elite. Weihnachten feierte seine Familie unterm deutschen Weihnachtsbaum.

Dem Salon-Antisemitismus der New Yorker Elite begegnete die Zeitung zu Beginn mit falscher Zurückhaltung: Im Zweiten Weltkrieg versteckte sie gesicherte Meldungen über den Holocaust in den hinteren Seiten. Und die antizionistische Linie wider die Gründung Israels gehört heute zu den ungern in Erinnerung gerufenen Traditionsposten des Blattes. Das sollte sich nach dem Krieg ändern. »Wenn du auf die erste Seite der New York Times kommen willst, musst du über den Holocaust schreiben«, verriet der langjährige Bonner Korrespondent John Vinocur einem deutschen Kollegen.

In den fünfziger und sechziger Jahren verwandelte sich die Zeitung mithilfe regierungsnaher Kolumnisten zu einem gut informierten Hofblatt der Republik – bis das Abenteuer des Vietnamkrieges die publizistische Leistungskraft der Times wieder unter Beweis stellte. Aus Saigon berichtete der spätere Pulitzerpreisträger David Halberstam zum Ärger John F. Kennedys und Lyndon B. Johnsons mit prophetischer Weitsicht. Die juristisch riskante Veröffentlichung der geheimen Pentagon Papers – 7000 Seiten regierungsamtlicher Dokumente, in denen lauter Lügen der amerikanischen Regierung über den verheerenden Krieg offenbart wurden – festigten 1971 Rang und Ruf unabhängiger journalistischer Machtkontrolle durch die New York Times. Doch die sensationelle Aufdeckung eines Einbruchs im Wahlkampfbüro der Demokratischen Partei im Watergate-Hotel in Washington, die schließlich zum Rücktritt Richard Nixons führte, musste sie ein Jahr später der Washington Post überlassen.

Die New York Times blieb gleichwohl das politische Leitmedium. Nicht Sensationsmeldungen begründeten ihre massenhafte Verbreitung, sondern die Genauigkeit ihrer Meldungen. In den ironischen Worten des Verlegers Ochs: »Wenn die Daily News über ein Sittlichkeitsverbrechen berichtet, ist das Sex. Wenn wir darüber schreiben, ist es Soziologie.«

Der Aufstieg der amerikanischen Mittelschicht zur Konsum- und Genussgesellschaft der sechziger bis neunziger Jahre spiegelt sich bis heute in immer neuen, anzeigengetriebenen Ressorts des Blattes wider: Politik, Wirtschaft, Lokales, Sport, Theater, Kino, Musik, Mode – alle Facetten des bürgerlichen Lebensstils fanden ihre journalistischen Spezialisten, auch für Kochen, Reisen, Wohnen, Architektur, zwei Jazzkritiker inklusive. Das Blatt entwickelte sich zum Arbiter Elegantiarum, New Yorks Schiedsrichter des guten Geschmacks. Die Theater- und Filmkritiken entscheiden immer noch über das Wohl und Wehe von Broadway und Hollywood. Über den deutschen Regisseur Rainer W. Fassbinder dürften in der New York Times mehr Zeilen geschrieben worden sein als beispielsweise in der ZEIT.

Und als der linksliberale Chef der Kommentarseite, John Oakes, die Zeitung vor 25 Jahren für Kolumnisten und Essays zum Zeitgeschehen öffnete, wurde die New York Times zum Schaufenster für die besten Publizisten des Landes. Während der Bush-Jahre goss die gut informierte Maureen Dowd bitteren Spott über das Weiße Haus. Der Nationalökonom und spätere Nobelpreisträger Paul Krugman sezierte den Finanzkapitalismus mit prophetischen Gaben. Und der ehemalige Theaterkritiker Frank Rich wurde zur Stimme der Opposition gegen die Guantánamo-Bushisten.

Der Einfluss ihrer liberalen Artikel auf die amerikanische Öffentlichkeit schlug sich nieder im reaktionären Internetgeschrei. »Bill Keller, du verräterische Sau…«, beginnt eine Mail an den Chefredakteur, die ihm besonders in Erinnerung geblieben ist. Dabei ist er für die Kommentarseite gar nicht zuständig, auch das ist eines der Prinzipien seiner Zeitung.

Die Berichterstattung über den Anschlag vom 11. September 2001 sollte zum publizistischen Höhepunkt in der Geschichte der Zeitung werden. Wochenlang berichtete sie auf mehreren Sonderseiten zunächst sachlich und zugleich aufwühlend über das Verbrechen – um sich dann allerdings der kriegerischen Kreuzzugsstrategie des Präsidenten gegen den Irak anzuschließen. Die Washington-Korrespondentin Judith Miller verbreitete ungeprüft die Mär von irakischen Massenvernichtungswaffen. Im November 2005 musste sie gehen, weil sich herausstellte, dass sie haltlose Behauptungen des Weißen Hauses über Saddam Husseins angebliches Kriegsarsenal als unbestreitbare Wahrheit übernommen hatte. Auch ihre tapfere Weigerung einige Monate zuvor, einem Untersuchungsrichter ihre Quellen in Zusammenhang mit einer anderen Geschichte offenzulegen, half da nicht. Zwar hielt der Verleger zuerst mit spektakulären Bekenntnissen zu ihr, wechselte aber wenige Wochen nach ihrer Freilassung aus der Beugehaft seine Meinung. Die New York Times entschuldigte sich bei ihren Lesern. »Auf eine Entschuldigung der Bush-Regierung«, sagt Chefredakteur Bill Keller, »warte ich allerdings bis heute.«

In der Zwischenzeit gehen seine Redakteure ihren üblichen Recherchen nach: Ihr jüngstes »Opfer« ist der ehemalige Gouverneur des Staates New York, Eliot Spitzer. Reporter der New York Times hatten ihn als Kunden eines Callgirl-Rings ertappt – peinlich für einen Politiker, der seinen ersten politischen Ruhm als New Yorker Generalstaatsanwalt im Kampf gegen kriminell organisierte Prostitution erworben hatte. Spitzer musste voriges Jahr zurücktreten. Jetzt erhielt die Zeitung für ihre Enthüllung einen Pulitzerpreis, die höchste Auszeichnung im amerikanischen Journalismus. Vier weitere bekam sie für ihre Berichterstattung über die Afghanistan- und Pakistankonflikt, für ihre Kunstkritiken, ihre Fotografie und ihre Medienberichterstattung. Keine andere amerikanische Zeitung ist so oft wie die New York Times mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet worden – 101 Mal seit 1917.

Die Preisverleihung im April spendete den 1300 Redakteuren, Reportern und Korrespondenten und journalistischen Mitarbeitern der Zeitung ein wenig Trost. Denn es hatte ihnen den Atem verschlagen, als sie Ende März den Geschäftsbericht ihrer börsennotierten New York Times Company für das erste Quartal 2009 lasen – von den übrigen 9346 Verlagsangestellten im Vertrieb, in der Anzeigenakquisition und in der firmeneigenen Druckerei, in 14 Provinzzeitungen sowie beim defizitären Boston Globe und der International Herald Tribune in Paris ganz abgesehen. Das erste Dreimonatsergebnis des Medienkonzerns liegt in diesem Jahr bei minus 74,5 Millionen Dollar, mehr als im ganzen vorigen Jahr zusammen (minus 57,8 Millionen Dollar). Vor fünf Jahren lag der Jahresgewinn vor Steuern noch bei 287,6 Millionen Dollar. Die Einnahmen gegenüber 2008 im gesamten Anzeigenbereich sind um 27 Prozent gesunken. So geht es den meisten Blättern im Land. Im vorigen Jahr sind 15554 Angestellte der amerikanischen Zeitungsbranche entlassen worden, die Hälfte von ihnen Journalisten. Die große Chicago Tribune ist insolvent, andere Städte haben überhaupt keine Zeitung mehr.

Verschuldet ist die Aktiengesellschaft New York Times Company mit 1,02 Milliarden Dollar – das sind rund 100 Millionen Dollar mehr, als ihre gegenwärtige Marktkapitalisierung ausmacht. Bis 2015 sind Kreditrückzahlungen in Höhe von 750 Millionen Dollar fällig, die nächsten Zahlungen stehen im März 2010 an. Nicht gedeckt sind Pensionsverpflichtungen von rund 300 Millionen Dollar. Und für alle Mitarbeiter, die nach dem 1. März 2009 in Pension gegangen sind oder gehen werden, fallen die Firmenbeihilfen im Krankheitsfall weg.

Im selben Monat, in dem das schlechte Quartalsergebnis verkündet wurde, hatte der Konzern sein gerade erst bezogenes neues Hauptquartier – Netto-Baukosten: 300 Millionen Dollar – an der 8th Avenue für 225 Millionen Dollar verkauft und für eine Jahresmiete von 24 Millionen Dollar zurückgeleast, um einen Kredit in Höhe von 260 Millionen Dollar termingerecht tilgen zu können.

Der Verleger verweigert seinen eigenen Redakteuren Interviews

Dividenden für die Aktionäre der Zeitung gibt es vorerst keine mehr. Anfang des Jahres hat der Medienkonzern in letzter Minute bei dem mexikanischen Multimilliardär Carlos Slim Hule, genannt »El Ingeniero«, einen Kredit über 250 Millionen Dollar aufgenommen – zu einem Zinssatz von 14 Prozent. Der Finanzier hatte einst die mexikanische Telefongesellschaft Telmex für 1,7 Milliarden Dollar übernommen, heute ist sie mindestens das 20-Fache wert. Jetzt ist der laut Forbes- Magazin drittreichste Mann der Welt auch der drittgrößte Aktionär der New York Times. Er liest sie nur, wenn er einmal in den Staaten ist. »Ich glaube, dass die Papierzeitungen verschwinden werden, aber nicht der Inhalt«, sagt er. Das konkurrierende Angebot des amerikanischen Medienmoguls David Geffen, gleich die gesamte New York Times Company zu kaufen, dem Sulzberger-Clan aber die redaktionelle Kontrolle zu überlassen, hatte Arthur Ochs-Sulzberger jr. angeblich im September 2008 abgelehnt.

Die Investmentfirma Goldman Sachs sucht nun seit Jahresbeginn nach einem Käufer für den 18-prozentigen Anteil der New York Times Company an der Baseballmannschaft Boston Red Sox, deren Stadion und deren Fernsehkanal, aber auch einem Tourenwagen-Rennstall – lauter markenferne Luxusinvestitionen der Vergangenheit, die die Company nun unbedingt in Geld eintauschen will. Als der Medienreporter der New York Times, Richard Pèrez-Pena, angesichts der jüngsten Entwicklungen seinen eigenen Verleger befragen wollte, lehnte der ein Gespräch ab. Chefredakteur Bill Keller, der einmal wöchentlich mit Sulzberger in dessen Büro im 16. Stock des modernen Neubaus der Times speist, sagt, dass er die Aufgabe übernommen habe, den Redakteuren das Unabweisbare vor Augen zu stellen: Kündigungen mit und ohne Abfindungen. Im vorigen Jahr traf es 100 Journalisten. Bald werden es mehr sein.

Kellers Blick schweift aus dem Glasfenster seines nüchtern möblierten Büros im dritten Stock über die journalistischen Hundertschaften im Newsroom vor matt schimmernden Computerschirmen: lauter Lebensplanungen in Lebensgefahr. »Ich kann nicht mehr tun, als ihnen zu sagen, dass die Zeiten härter werden. Die Zahl 1300 ist nicht sakrosankt.« Aber das wissen die Kollegen schon lange, sie lesen ihre eigene Zeitung. Die Stimmung ist gedrückt – auch unter den 37 Korrespondenten: Sie sind in Paris, London oder Berlin die letzten fest angestellten Vorposten amerikanischer Zeitungen – und sie bangen um ihre Jobs. In Bagdad ist die New York Times die einzige amerikanische Zeitung mit einem eigenen Büro – als wäre der anhaltende Konflikt mitsamt seinem törichten Urheber im Weißen Haus für den Rest der amerikanischen Presse schon aus der politischen Realität verschwunden.

Doch die Epoche, da die Redaktion sich als unantastbare Kirche verstand und der Verlag als stiller, fleißiger Staat – diese Epoche ist im Altpapier der Pressegeschichte verschwunden. Gebannt schauen die Journalisten auf das Verlagsmanagement, doch der Glaube an dessen Weisheit ist verflogen.

Der Geschäftsführer will die Zeitung »windschnittiger« machen

»Als ich vor mehr als 50 Jahren bei der New York Times anfing, gab es in dem Haus weniger Lügner pro Quadratmeter als im Rest der Stadt«, erinnert sich der viel gerühmte Chronist des Blattes, Gay Talese. Heute sei das anders, glaubt der adrett gekleidete Herr, der vor vier Jahrzehnten mit The Kingdom and the Power die Geschichte der New York Times als tragisch-komisches Drama eines kleinen Königreichs voller Intrigen und Liebesgeschichten, aber auch brillanter journalistischer Leistungen geschildert hatte. Über Arthur Ochs-Sulzberger jr. urteilt er unbarmherzig: »Hin und wieder kommt ein falscher König an die Macht.«

Die Aktiengesellschaft will bis Ende 2009 mindestens 330 Millionen Dollar operative Kosten einsparen. Der Redaktionsetat von 200 Millionen Dollar wird schrumpfen. Eine fünfprozentige Gehaltskürzung für gewerkschaftlich ungebundene Redakteure gilt bereits seit April. »Die Sparmaßnahmen bringen uns für das nächste Jahr eine Verschnaufpause«, sagt Chefredakteur Keller, »in der Zwischenzeit müssen wir über unser Geschäftsmodell nachdenken: neue Printprodukte, neue digitale Angebote, neue Anzeigenstrategien, Mikro-Abonnements im Netz, Lizenzierungen und Spenden.« Doch Mikro-Abonnements – fünf Cent pro Klick auf der Website zum Beispiel – sind nur möglich, wenn sich die großen US-Zeitungen auf diese Geldquelle einigten. Daran glaubt im Management der Times niemand mehr.

»Wir müssen windschnittiger werden«, sagt seufzend Scott Heekin-Canedy, kaufmännischer Geschäftsführer und General Manager der New York Times, mit der undurchsichtigen Trauer-Aura eines professionellen Leichenbitters. Für die Windgeschwindigkeit des kulturellen Umbruchs ist er nicht verantwortlich. Die ökonomischen Fehler haben andere gemacht: die Familie.

30 Erben des Ochs-Sulzberger-Clans sind im Vorstand der Aktiengesellschaft vertreten, repräsentiert durch acht Familienmitglieder, mit 89 Prozent der stimmberechtigten sogenannten BAktien als Machtfundament – Papiere, die ohne Zustimmung von mindestens sechs der Clan-Repräsentanten nicht weiterverkauft werden können. Die mächtigen acht wählen 70 Prozent aller Vorstandsmitglieder – und den Vorsitzenden und Verleger, der alle wesentlichen Entscheidungen trifft. Dies ist seit zwölf Jahren der Cousin, Neffe oder Onkel Arthur Ochs-Sulzberger jr. Die nicht stimmberechtigten Inhaber der A-Aktien mögen zwar 80 Prozent des gesamten Börsenwerts besitzen, aber den Kurs des Konzerns diktiert der Sulzberger-Trust. Seit mehr als einem Jahrzehnt weist er in wechselnde, bisweilen fatale Richtungen.

So investierte die Gesellschaft vor 15 Jahren über 1,4 Milliarden Dollar in Kabel-TV-Programme, in CD-Produktionen und Rundfunkstationen – inzwischen längst abgeschriebene oder verkaufte Wetten auf das Informations- und Unterhaltungsgebaren der Amerikaner. Ein letzter eigener Rundfunksender in New York erinnert noch an den Aufbruch ins Info-Nirwana. Zwei eigene Druckereien in New York, ebenfalls Milliardeninvestitionen, waren auf Kapazitäten der goldenen Vergangenheit ausgelegt. Jetzt wurden sie zusammengelegt.

Die Herrschaftsstruktur der vor 40 Jahren gegründeten Aktiengesellschaft war von Anfang an zerbrechlich. Sie gründet noch heute allein auf dem Zusammenhalt der Familie und ihrem guten Glauben, dass es zur edelsten Aufgabe des Clans zähle, mit welchen Mitteln auch immer die beste Zeitung der Welt vor dem Niedergang zu bewahren. Der wurde sichtbar in der politisch-parteiischen und marktschreierischen Politik des australisch-amerikanischen Medienmoguls Rupert Murdoch. Die Bancroft-Familie überredete er zum Verkauf des Wall Street Journal . Die Londoner Times hatte Murdoch bereits nivelliert, ihr New Yorker Namensvetter schien schon gefährdet. Hedgefonds drängten mit großvolumigen Aktienkäufen in den Konzern – an der Spitze Harbinger Capital, dessen Vorsitzender Philip Falcone vor zwei Jahren ein persönliches Einkommen von 1,7 Milliarden Dollar verbucht hat. Um sich vor derlei Heuschreckenschwärmen zu schützen, kaufte der Vorstand zwischen 1998 und 2004 für 1,4 Milliarden Dollar New York Times- Aktien zu Preisen zwischen 30 und 40 Dollar zurück. Die Summe hätte ausgereicht, um die Zeitung auf Jahre hinaus zu sichern. Inzwischen sitzt Harbinger Capital mit zwei ohnmächtigen Vertretern im Vorstand des Familienkonzerns und hält 20 Prozent der nicht stimmberechtigten Aktien.

Die neuen Teilhaber betrachten den unverrückbaren Chairman Arthur Ochs-Sulzberger jr. mit wachsendem Unbehagen – wie auch nicht? Noch hält die lobenswerte Familie im Namen des Qualitätsjournalismus zusammen. Aber wo liegt ihre Schmerzgrenze? Der Zeitpunkt für einen wirklich profitablen Verkauf der Stammaktien ist jedenfalls längst verpasst.

Davon abgesehen fehlt den New York Times- Besitzern offenkundig das Timing. Vor fünf Jahren verkaufte Arthur jr. das heruntergekommene Hauptquartier der Zeitung (Mausefallen in den Redaktionen gehörten zur Büroausstattung) für 175 Millionen Dollar, nur um zu erleben, dass der Käufer die Immobilie drei Jahre später für 525 Millionen Dollar weiterreichte.

Doch der erstaunlichste Missgriff ging auf das Konto des Vaters von Arthur jr.: Arthur »Punch« Sulzberger hatte 1993 den Boston Globe für unvorstellbare 1,1 Milliarden Dollar erworben – für mehr Geld hatte noch nie eine amerikanische Zeitung den Besitzer gewechselt. Vor drei Jahren soll sein Sohn ein 600-Millionen-Dollar-Angebot des ehemaligen Chefs von General Electric, Jack Welch, auf den Globe abgelehnt haben. Seit voriger Woche sucht die New York Times Company verzweifelt nach einem Käufer. Jetzt droht der ehrwürdigen liberalen Zeitung ein trauriges Ende im Notverkauf, es sei denn, die harschen Sparmaßnahmen und ein Konjunkturaufschwung bewirkten ein Wunder. Die Verluste der Zeitung in Boston lagen voriges Jahr angeblich bei 50 Millionen Dollar. Ähnlich bedrückend dürfte die Bilanz der konzerneigenen International Herald Tribune in Paris aussehen – im Jahresbericht der Aktiengesellschaft wird sie nicht einzeln ausgewiesen.

Die Blogger verkünden schon das Ende der »Papierpresse«

New York ist nicht nur eine harte und eilige Stadt. Sie kann auch bösartig sein mit denen, die einem Geschäft im Wege stehen. Zum Beispiel Arthur Ochs-Sulzberger jr. und seine Familie. Ein Artikel in der Mai-Ausgabe des Magazins Vanity Fair führt den Verleger als unsicheren Simpel vor. Und natürlich – ein alt gewordener Linker sei er auch. Zweimal wurde Arthur jr. als Student während Vietnamdemonstrationen verhaftet. Nach 33 Jahren Ehe lebt er nun allein. Die Besitzer von Vanity Fair, die Newhouse-Familie, gelten wie Murdoch als mögliche Käufer der Zeitung – wenn es nicht das eiserne Familienband um den Vorstand der Aktiengesellschaft gäbe.

Vor einigen Wochen traf sich Arthur jr. mit seinem mittlerweile der Familie entfremdeten Cousin John Oakes (der Bruder von Adolph Ochs hatte seinen Namen anglisiert) in einem bescheidenen Restaurant in New Yorks Chinatown. Eine Frau beugte sich zu ihrem Tisch herüber: »Sind Sie nicht von der Times? « Arthur jr. überlegte kurz und antwortete leise: »Ich gehöre zur Business-Seite.« Er habe dabei »gehetzt und verzweifelt« ausgesehen, erinnert sich Oakes.

Ein Ende der New York Times könnte einem Totalschaden der traditionellen demokratischen, machtkritischen Öffentlichkeit des Landes gleichen. Die Zeitung ist immer noch das Hauptreservoir, aus dem Amerikas Meinungsführer ihre Informationen schöpfen – an der Spitze ausgerechnet all jene Blogger und Websites, die ihre Nutzer auf die kostenlose Website der New York Times weiterleiten und gleichzeitig triumphierend das Ende der »Papierpresse« verkünden. Die neue Form einer globalen Internetöffentlichkeit käme allerdings nicht durchweg größerer Informationsfreiheit gleich, wie viele Blogger behaupten. Im Gegenteil: Die überwiegende Mehrzahl der Zentralserver des Internets steht in den Vereinigten Staaten. Und sie unterliegen immer noch dem technisch möglichen Zugriff der Regierung.

Die Machtbalance zwischen Politik und freier Presse könnte sich verschieben: Als die New York Times die illegalen millionenfachen Telefonüberwachungen der Bush-Regierung enthüllte, drohte das Weiße Haus dem Verlag mit Anzeigen wegen Landesverrats. Das Internet wäre auch in Zukunft leichter von einer böswilligen Regierung zu manipulieren oder gar zu kontrollieren als eine private Druckerei in New York. In China ist das auch kein Problem.