Gesellschaftskritik Kindische Tyrannen
Über den cholerischen Ausbruch des Rudi Assauer

© Christof Koepsel/Getty Images
Rudi Assauer bezeichnet sich selbst "Temperamentsbolzen" - andere nennen ihn Choleriker
Die Internetseite www.temperamentenlehre.de offeriert einen Fragebogen zur Persönlichkeitsanalyse, der sich an den vier klassischen Charakteren orientiert: Sanguiniker, Melancholiker, Phlegmatiker, Choleriker. Wer die Frage »Scheuen Sie Unternehmungen?« mit Ja beantwortet, ahnt, dass ihm eine gute Portion Phlegma attestiert wird. Am deutlichsten aber zeichnet sich aus dem Fragenkatalog der Charakter des Cholerikers ab. Einfach deshalb, weil Verhaltensvarianten, die erkennbar ein Negativum darstellen, ihn meinen: seine Wutausbrüche, seine affektive Hemmungslosigkeit, seine blinde Unkontrolliertheit. Seine egozentrische Anmaßung, den sozialen Konsens vernünftiger und kompensierter Kommunikation zu brechen. Der Choleriker erweist sich, wenn er senkrecht in die Luft geht, wenn er herunterputzt, wer ihm gerade vor die Flinte kommt, als so kindisch wie tyrannisch. Beides wird in unserer Gegenwart nicht gewünscht.
Der Choleriker ist der Assi der zeitgenössischen Charakterologie; der herumbrüllende Chef ein Fall fürs Coaching. Entsprechend hoch ist andererseits das Prestige, das im privaten wie im öffentlichen Leben der Kunst emotionaler Kompensation zukommt. Am Wirtschaftsminister zu Guttenberg wurde nach der dramatischen Nacht der Opel-Verhandlungen gelobt, wie tadellos er die Fassung behielt. Was es ihn allerdings gekostet haben mag, nicht zu explodieren, das sah man seiner schlimm erstarrten Miene auch an. Verhaltensformen aber, die aus dem gesellschaftlichen Leben vertrieben werden, finden sich irgendwann irgendwo in verwahrloster Gestalt wieder.
Ihr aktueller Name: Rudi Assauer. Der wurde auf der Insel Sylt bei einer rabiaten körperlichen Attacke auf seine ehemalige Lebensgefährtin abgelichtet, die Schauspielerin Simone Thomalla. Eine brutale Szene. Dass Assauer hinterher erklärte, er sei eben ein »Temperamentsbolzen«, folglich den Unterschied zwischen Temperament und Gewalt nicht kennt, verstärkt den vulgären Eindruck. Zu beschönigen ist an der Tat eines Mannes, der eine Frau in den Schwitzkasten nimmt, nichts. Aber vielleicht wäre die Grenzüberschreitung vom cholerischen zum offen gewalttätigen Anfall zu vermeiden gewesen, wenn sich das »Temperament« nicht auf so fiese Weise in einsamer Landschaft entladen hätte. Sondern ein Stündchen früher, im Restaurant, unter Leuten und deren Blicken. Wenn der Choleriker von der Umwelt geduldet, der Brutalo aber von ein paar kräftigen Kellnern in die Mangel genommen worden wäre.
- Datum 30.06.2009 - 21:16 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 18.06.2009 Nr. 26
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:
... sollte es nicht nötig haben auf so einen billigen Boulevard-Zug aufzuspringen.
Dr. med. Dieter Kroener
Hallo, ich finde es gut, dass die ZEIT auch dieses Thema einmal anspricht. Mein Vater, Chirurg, war Choleriker, mein erster chirurgischer Chef noch schlimmer - und noch lauter. Beiden war jeder Hauch von Selbsterkenntnis fremd. In Wirklichkeit steckte dahinter ein schweres "Bornout-Syndrom", eine Erschöpfungsdepression, ein verzweifeltes Missverhältnis zwischen Ehrgeiz und Eitelkeit einerseits und einem Mangel an der Einsicht, überfordert zu sein, andererseits. Sie sind alle nicht glücklich, sie wollen es auch nicht wahrhaben, sie wissen gar nicht, dass man auch anders leben kann. Es fehlt ihnen die Würde als Menschen: Sie sind Besessene ihrer emotionalen Inkontinenz. Die Ausrede lautet: "Ich bin eben so" - und man lässt sie weiter ihr Umfeld zerstören.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren