Kein Namensschild, keine Initialen, nichts. Niemand soll sehen, wer hier wohnt. Niemand soll klingeln oder Briefe einwerfen – zumindest keiner, von dem der Hausherr das nicht will. Ein Briefkasten mit einem geschwungenen Posthorn drauf. Ein weiß lackiertes Eisentor. Daneben eine riesige Dreiergarage. Dahinter: die Villa. Als wäre sie ein Versteck.

Vaterstetten, 20 Autominuten östlich von München. Wer hier wohnt, will seine Ruhe haben. Den Mann in der Villa nennen sie nur den "Skandalbanker". Den "Pleitebanker". Er heißt: Georg Funke. Er war: Vorstandschef der Hypo Real Estate, kurz HRE, von deren Börsengang 2003 bis zu seinem Rücktritt im Herbst 2008.

Glaubt man der offiziellen Geschichte, dann kam da einer aus dem Nichts und verschwand im Nichts. Niemand hatte Funke auf dem Zettel, bevor er an die Spitze der HRE rückte. Er war keiner der old boys der Deutschland AG, kein smarter Newcomer. Jetzt ist er wieder abgetaucht. Und dazwischen?

Hat er im Alleingang eine Bank ruiniert. Hat die Regierung der Bundesrepublik Deutschland gezwungen, fast 100 Milliarden Euro an Bürgschaften und direkten Staatshilfen zu gewähren. Hat den Staat genötigt, erstmals eine private Bank zu übernehmen. Funke war selbstverliebt und gierig. Und nun wagt er es noch, gegen seine fristlose Kündigung und den Stopp aller Geldzahlungen zu klagen.

Funke ist die Finanzkrise.

Das ist die Geschichte, die jeder kennt. Aber war es wirklich so?

Wahrscheinlich hat jeder Bundesbürger in den vergangenen neun Monaten irgendwann von der HRE gehört. Nach den beiden nächtlichen Rettungsaktionen im Herbst. Nach dem Streit über die Entmachtung der Aktionäre im Frühjahr. Nach der Hauptversammlung Anfang Juni, die die Verstaatlichung ermöglichte. Die HRE prägte das Wörterbuch der Krise: Systemrelevanz. Enteignung. Bad Bank. Und jetzt: Untersuchungsausschuss.

Es ist eine Geschichte, die einen Schuldigen braucht, das ist fast zwingend bei solch einem Drama. Funke könnte seine Version erzählen, will aber nicht, auch nicht im Beisein seines Anwalts. Die Wahrheit ist kompliziert. Und so kommt es, dass die Bank, über die seit Ausbruch der Krise mehr berichtet, geschrieben und diskutiert wurde als über jede andere, dass diese Bank bisher niemand wirklich kennt.

1. Akt: Berlin, am Donnerstag dieser Woche. Am späten Nachmittag wird Georg Funke das Paul-Löbe-Haus betreten, einen Betonriegel voller Abgeordnetenbüros und Sitzungsräume, direkt an der Spree. Er wird in einen der gläsernen Aufzüge steigen und hinauf in den zweiten Stock fahren. Oben angekommen, werden ihm Kamerateams und Fotografen den Weg versperren, man wird versuchen, ihm eine Gasse zu bahnen, hinein in den Sitzungssaal Nummer 2300, bis hin zu seinem Stuhl. Vor ihm auf dem Tisch wird sein Namensschild stehen, direkt daneben das seines Anwalts.

"Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus", heißt es in Artikel 20 des Grundgesetzes. Im Untersuchungsausschuss dürfen die Repräsentanten des Volkes ihre Fragen stellen. Funke gegenüber werden elf Abgeordnete sitzen, seit Ende April beschäftigen sie sich mit der Beinahepleite der HRE. Allein die drei Oppositionsparteien haben 76 Beweisanträge eingebracht. Funkes Auftritt ist der erste Höhepunkt.

Man muss sich eine Zeugenbefragung im Untersuchungsausschuss als Kräftemessen vorstellen. Hier die Opposition. Dort die Regierung. Hier die FDP. Dort die SPD. Hier Volker Wissing. Dort Nina Hauer. Wissing will zeigen: Die Krise der Bank war absehbar, also hat die Regierung versagt. Hauer will zeigen: Ohne die überraschende Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers, ohne den Kollaps der Finanzmärkte hätte die HRE überlebt.

Vielleicht versteht man diesen Gegensatz am besten, wenn man das Debakel der HRE mit dem Untergang eines Schiffes vergleicht. Aus Sicht der Opposition war dieses Schiff zu schnell unterwegs, es hatte große Löcher im Rumpf, die man früh hätte stopfen können. Die Sicht der Regierung ist eine andere: Das Schiff hatte Schäden, aber es war fahrtüchtig – und nach allen bisherigen Erfahrungen hätte es den rettenden Hafen erreicht. Dann aber kam eine unvorhersehbare Monsterwelle.

Wissing fragt scharf, schnell, fast wie ein Staatsanwalt. Hauer fragt anders. Suggestiver. Verständnisvoller. "Also hat der Finanzminister das nicht wissen können?" ist so eine typische Frage.

Vor Volker Wissing steht ein silberner Laptop, in den er ständig neue Fragen hackt.

Vor Nina Hauer steht eine silberne Thermoskanne mit Tee.

Ihr Kräftemessen ist auch deshalb so seltsam, weil die Redezeit ungleich verteilt ist, entsprechend der Sitzverteilung im Bundestag. FDP, Linke und Grüne haben je nur sieben bis acht Minuten pro Fragerunde, Union und SPD mehr als doppelt so viel.

Spielchen, all das. Obwohl es hier doch um Fragen geht, die sich alle Bürger stellen: War die Rettung der Bank wirklich 100 Milliarden Euro Steuergeld wert? Hat die Regierung das Desaster kommen sehen? Und lag der entscheidende Fehler womöglich schon in der Gründung der HRE?

 

2. Akt: Wolfgang Sprißler ist hager, asketisch, ein Mann fast wie ein Mönch. Er ist keiner jener Investmentbanker, die es nach Millionendeals in Amüsierlokalen krachen lassen. Sprißler, 63 Jahre alt, spricht lieber über die Reinheit von Bilanzen, die juristischen Verästelungen komplexer Kapitalmarkttransaktionen. Ähnlich leidenschaftlich redet er sonst nur über Bayern München.

1998 wird Sprißler Finanzvorstand der fusionierten HypoVereinsbank (HVB) in München. Der Bank geht es schlecht. Sie ist eines der größten Kreditinstitute Europas, in ihrer Bilanz stehen Darlehen im Wert von rund 500 Milliarden Euro – darunter eine große Summe an Immobilienkrediten; viele davon sind Problemfälle. Dann gerät Deutschland in den Abschwung, Kredite platzen. Es wird eng, und so suchen Sprißler und die Vorstandskollegen einen Ausweg. Wie kann die Bank gesunden?

Am 23. Oktober 2002 verkündet die HVB die Lösung. Sie konzentriert sich auf Privat- und Firmenkunden und trennt sich von mehreren Tochterfirmen. Diese gehen in einer neuen Bank auf. Knapp ein Jahr später erfolgt die Eintragung ins Handelsregister. Aus einer alten Bank werden zwei neue: die HVB und die Immobilienbank Hypo Real Estate. Es wirkt wie die Geschichte, auf die der Kapitalmarkt so lange gewartet hat. Hier die verschlankte, attraktive HVB – dort die HRE. Funkes Resterampe.

Kein Wunder, dass diese Geschichte wieder hochkommt, als die HRE im September 2008 kurz vor der Pleite steht und der Staat einspringt. Waren in dieser Bank nicht sämtliche Kredite für private Schrottimmobilien der HypoVereinsbank versammelt? War sie nicht von Beginn an dem Untergang geweiht? Und noch ein Gerücht macht die Runde: Angeblich läuft eine Haftung der früheren Konzernmutter HVB für die Hypo Real Estate genau einen Tag vor der Rettungsaktion aus. Ging es also nur darum, die HypoVereinsbank auf Kosten des Steuerzahlers von ihrem Bilanzmüll zu befreien?

Mehrere der damals Beteiligten bestreiten dies vehement. Formaljuristisch muss eine Bank zwar fünf Jahre lang haften, wenn ein Teil von ihr abgetrennt wird. Jedoch: Im konkreten Fall ist das bedeutungslos. So eine Haftung gilt nur für ausgelagerte Schulden der alten Bank. Für ihre rechtlich selbstständigen Tochtergesellschaften hat die HVB schon vor der Trennung nicht unmittelbar gehaftet – also muss sie es auch danach nicht. Die Geschichte der angeblichen Schrottbank HRE ist ebenfalls übertrieben: Die umstrittenen Immobilienkredite gehören zum Privatkundengeschäft der alten HypoVereinsbank. Und das bleibt bei der HVB.

Bloß: Wenn die Hypo Real Estate keine Resterampe war – was war sie dann?

Das Vehikel für einen Tiefstapler. Für einen, der die Erwartungen niedrighängte, um sie leichter übertreffen zu können. "Die Hypo Real Estate Group versteht sich nicht als Wachstumswert", sagt Georg Funke kurz vor dem Börsengang Ende 2003. Er weiß: Er hat der HVB bei der Trennung fast ausschließlich Kredite für gewerbliche Immobilien, viel Kapital und Geschäft mit Auslandsimmobilien abgerungen. Es ist die Zeit, in der außerhalb Deutschlands die Immobilienpreise nach oben schießen.

Funke ist damals 48 Jahre alt, unprätentios, direkt, ein Fan des Kapitalmarkts, ein Verkäufer. Die vermeintlich schlechte Bank schreibt immer bessere Zahlen, die HRE steigt in den Deutschen Aktienindex auf – und nimmt dort ausgerechnet den Platz der einstigen Mutter HVB ein. Funke, der Immobilienmann aus dem Kellergeschoss des Kreditgewerbes, will aufsteigen in die Riege der großen Banker. "Größenwahnsinnig" nennt ihn mancher.

Denn die Bank wächst zu schnell. 2007 macht die HRE in der Immobilienfinanzierung 32 Milliarden Euro Neugeschäft, 45 Prozent mehr als geplant. Computersysteme, Konten, Risikomanagement, all das hält nicht mehr Schritt, überall herrscht Wildwuchs statt Überblick. Kopfschütteln, entgeisterte Blicke, ratloses Achselzucken – so reagieren Nothelfer, die das Institut später inspizieren. "Von der inneren Struktur her war das nie eine stabile Bank", sagt einer, der bei der Rettung dabei ist.

Und dann geht auch noch der globale Immobilienboom zu Ende.

Vergleicht man die HRE mit einem Schiff, ist das der Moment, in dem die ersten Risse im Rumpf zu sehen sind. Doch der Kapitän erhöht die Geschwindigkeit.

3. Akt: Gerhard Bruckermann ist ein gemachter Mann. Er hat dank Funke rund hundert Millionen Euro verdient, und weil man mit so viel Geld im Rücken nicht mehr arbeiten muss, lebt er in der südspanischen Provinz Huelva. Bruckermann verkaufte Funke die irische Bank Depfa, jenen Staatsfinanzierer, der die HRE später in den Abgrund reißen wird. Heute züchtet er Südfrüchte.

Das ist die offizielle, die falsche Geschichte vom glücklichen Rentner.

Bruckermann, beim Verkauf 59 Jahre alt, ist ein Händler. Er hat bei der WestLB und der Deutschen Bank gelernt und gilt als so begnadet wie aggressiv. Im Jahr 2000 wird er Vorstandschef der Depfa. Die war lange die vielleicht blasseste Bank zwischen Flensburg und Freilassing: 1922 als Preußische Landespfandbriefanstalt gegründet, 1991 privatisiert. Spezialisiert darauf, Staaten Geld zu leihen. Und Infrastrukturprojekte wie Brücken und Autobahnen zu finanzieren, etwa den Ausbau der A8 zwischen Augsburg und München.

Der neue Chef siedelt mit der Bank von Wiesbaden nach Irland um, wo die Steuerlast niedrig und die Aufsicht locker ist. Bruckermann macht aus der braven Depfa, wie ein Beteiligter heute sagt, "einen der größten Hedgefonds der Welt", eine Zockerbude, auf Profit getrimmt. Mit Eigenkapitalrenditen von 30 Prozent deklassiert die Bude sogar die Deutsche Bank. Bald verdient ein Vorstand bei der Depfa im Schnitt mehr als ein Vorstand bei Josef Ackermann.

Bruckermann profitiert vom Zeitgeist: Die New Economy ist am Ende, Börsen und Wachstum brechen ein. Im fernen Washington senkt US-Notenbankchef Alan Greenspan die Zinsen massiv.

Geld überschwemmt die Welt.

Und Bruckermann nimmt das billige Geld, finanziert damit die langfristigen Darlehen, die die Depfa an ihre Kunden vergibt. Langfristig heißt auch: höher verzinst. Die Differenzbeträge sind erklecklich. Fristentransformation nennen Banker diese Praxis, doch die meisten achten darauf, dass die Unterschiede bei den Laufzeiten nicht zu groß werden. Bruckermann nicht.

Dann beginnt Alan Greenspan, die Zinsen anzuheben.

In Dublin wird es für die Depfa nun immer mühsamer, Geld zu verdienen. Bald kann sie ihren Gewinn nur noch halten, indem sie günstig eingekaufte Staatsanleihen teuer veräußert. "Wir haben Tafelsilber verkauft", sagt einer, der dabei war.

 

Bruckermann sucht jetzt händeringend nach einem Käufer – und findet Funke. Obwohl sich an den Märkten bereits Unruhe breitmacht. In Deutschland ist die Mittelstandsbank IKB kollabiert, weltweit kippen Hedgefonds.

Zum Zeitpunkt der Übernahme im Oktober 2007 refinanziert die Depfa rund die Hälfte ihres Geschäfts mit Geld, für das sie im Zweifel innerhalb von drei Monaten Ersatz braucht.

Mit dem Kauf der Depfa besiegelt Funke das spätere Ende der HRE. Als die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers untergeht, versiegen schlagartig die Geldquellen der Depfa. Sie reißt die HRE mit. Funkes Bank ohne die Iren – sie würde heute vielleicht noch still vor sich hin arbeiten.

Am 5. November 2007, kurz nach der Übernahme, trifft ein Team der deutschen Finanzaufsicht BaFin in der HRE-Zentrale in München ein. Es ist ein routinemäßiges Treffen. Die Prüfer ahnen nicht den späteren Zusammenbruch, aber einige Aufseher sind besorgt. Hochriskant erscheint ihnen die Finanzierungsstruktur der Depfa. Doch Geschäftsmodelle prüfen darf die Aufsicht von Gesetzes wegen nicht, den Kauf unterbinden auch nicht.

Für die BaFin ist die Depfa ein Risiko. Für Funke ist sie eine Chance. Mit ihr, so hofft er, könne er seine Erfolgsgeschichte fortsetzen. Den Kaufpreis von 5,2 Milliarden Euro hält er für ein Schnäppchen. Gerhard Bruckermann bekommt für seine Anteile an der Depfa einen zweistelligen Millionenbetrag in bar und HRE-Aktien. Dann verschwindet er von der Bildfläche. Die Legende vom glücklichen Rentner entsteht.

Dabei ist Bruckermann Ende 2007 schwer krank und in sich gekehrt, als "abgekapselt" beschreibt ihn ein Weggefährte. Beim Abschluss der Übernahmegespräche nimmt er an vielen Verhandlungen schon nicht mehr teil.

4. Akt: Das ist der Mann, um den es im Untersuchungsausschuss wirklich geht, die politische Zielscheibe. Ihn will man stellen, ihm einen Fehler nachweisen, er soll am Ende der Schuldige sein. Wenn man schon nicht den Minister zu Fall kriegt, dann seinen Staatssekretär.

Jörg Asmussen, 42 Jahre, Sozialdemokrat. Er war immer der Jüngste: jüngster Referatsleiter im Finanzministerium, jüngster Abteilungsleiter, jüngster Staatssekretär. Ein Wanderer zwischen den Welten: bestens vernetzt in der Frankfurter Finanzindustrie, zugleich einer der wenigen Kapitalmarktexperten im politischen Berlin. Asmussen hat die Deregulierungspolitik der Schröder-Jahre umgesetzt, er warb für die Verbriefung von Krediten und setzte sich für die Zulassung von Hedgefonds in Deutschland ein. Heute gehört er zum Rettungsteam von Angela Merkel.

So einer taugt perfekt als Sündenbock – vor allem für jene, die sich reinwaschen wollen. Die behaupten, schon immer gewarnt zu haben. Die nie irrten. Wie jene Linken, die von jeher wussten, dass der Markt versagt. Wie jene Liberalen, die dem Staat und seinen Beamten nie trauten.

Auf Asmussen konzentrieren sich die Fragen im Ausschuss. Um ihn zu stellen, muss man nachweisen, dass er früh über die Probleme der HRE informiert worden ist. Und zwar von der Aufsicht.

In der Tat sind die Prüfer schon lange vor der Krise der Bank unterwegs.

Es ist der 15. Januar 2008, Georg Funkes Stimme kommt aus einem Telefonhörer, und was er sagt, klingt wie aus einer anderen Welt. "Super geschlagen" habe sich das Management der HRE, ja "fehlerfrei" agiert. Was sind schon 390 Millionen Euro Abschreibungen auf toxische Wertpapiere? Hat nicht die Citigroup am selben Tag 18 Milliarden Dollar abgeschrieben? Funke telefoniert mit Analysten und Investoren, gibt verständnislose Antworten auf ungläubige Fragen.

Funkes Problem: Stets hat er betont, die HRE käme gut durch die Krise. Jetzt fürchten alle, dass in der Bilanz weitere Risiken schlummern. Der Aktienkurs stürzt um 35 Prozent. Und in der Graurheindorfer Straße in Bonn, neben dem städtischen Friedhof, im Hauptquartier der BaFin, bereitet man eine Sonderprüfung vor.

Der Auftrag geht an die Bundesbank. Vom 18. Februar bis 4. April arbeiten 16 Bundesbanker in der HRE-Konzernzentrale in München. Ein zweites Team von Experten fliegt Ende Februar nach Dublin, um die Depfa zu prüfen. Die irische Aufsicht hat dafür eine Sondergenehmigung erteilt. Sie alle studieren Interna, sprechen mit Angestellten, füttern ihre Computer mit Zahlen.

Und sie schreiben Berichte.

Insgesamt acht davon schickt die BaFin zwischen Januar und Ende August 2008 an das Finanzministerium in Berlin. Um sie geht es im Untersuchungsausschuss. Wer hat sie bekommen? Was stand drin? Vor allem: Wie warnend waren sie formuliert?

Diese Berichte eignen sich auch deswegen so gut für die Debatte um Schuld und Verantwortung, weil sie geheim sind. Selbst den Abgeordneten im Ausschuss liegen sie nicht alle vor. Nur der Inhalt von drei Berichten ist bekannt, und das auch nur in Auszügen. So wird in der Öffentlichkeit ein undurchsichtiges Spiel gespielt: Ganz wenige Medien zitieren kritische Originalpassagen – die anderen schreiben nach. Nur ein Teil der Realität wird damit sichtbar.

 

In all diesen Berichten geht es fast immer um die alte HRE und deren organisatorische Defizite. Die Mängel – zum Teil sind sie gravierend – haben mit dem Geschäft der Depfa, das die Bank zu Fall bringen wird, kaum etwas zu tun. Es sind Schwachstellen, für deren Beseitigung eine Bank manchmal Jahre braucht, keine akuten Brandherde.

Da ist der Bericht vom 20. März, der per Mail an Asmussen geht. Er ist im Urlaub, sein Stellvertreter heftet ihn ab. Ein Unding? Wer den Bericht kennt, weiß auch, dass es darin vor allem um drei andere Banken geht.

Da ist der Abschlussbericht der Sonderprüfung, den die Bundesbank am 24. Juni verfasst, 159 Seiten plus 11 Seiten Anhang, der Papierstapel ist mehr als eine Daumenbreite dick. Die Prüfer beschreiben 49 kritische "Feststellungen", darunter 12 der zweithöchsten Kategorie "gewichtig". Sie monieren etwa, dass der tägliche Liquiditätsrisikobericht "nicht alle relevanten Zu- und Abflüsse" erfasst habe. Wer den Bericht ganz liest, dem wird klar, dass es um Zu- und Abflüsse im Immobiliengeschäft der HRE geht. Nicht um die Staatsfinanzierung der Depfa. Die kommt nur ganz am Rande vor.

Und da ist der Bericht vom 15. August. In ihm stehen warnende Sätze zur Depfa, die auch zitiert wurden. Doch am Ende jedes Absatzes mit Warnungen stehen wiederum entwarnende Sätze.

Zwar kümmern sich Bundesbank und BaFin schon früh auch um die Depfa. Von Februar an lassen sie sich wöchentlich über die Refinanzierung der Bank informieren, von März an täglich. Sie bearbeiten die gelieferten Zahlen nach, weil die Systeme der Bank den tatsächlichen Finanzbedarf nicht korrekt messen. Sie melden die Ergebnisse auch nach Berlin. Sie wissen, wie es um die Depfa steht. Aber die Aufseher schlagen keinen Alarm. Es ist Teil ihres Selbstverständnisses, Probleme möglichst selbst zu lösen – solange es geht. Noch bekommt Funke Geld. Und als im Frühjahr der Finanzinvestor J.C. Flowers bei der HRE einsteigt, entspannt sich die Situation für die Depfa sogar etwas.

Um das alles zu verstehen, muss man gedanklich in jene Zeit zurückgehen, in die Zeit vor der Pleite von Lehman Brothers. Niemand kann sich damals vorstellen, dass der gesamte Finanzmarkt einfriert. Dass Banken Geld horten, statt es zu verleihen. Schließlich gilt als das schlimmste denkbare Szenario, was nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 geschah: mehrere Tage Stillstand an den Börsen weltweit. Darauf sind die Banken 2008 vorbereitet. Auch die HRE.

Sie ist wie das Schiff, das mit großen Löchern im Rumpf unterwegs ist und von dem alle glauben, es werde den rettenden Hafen noch erreichen.

Dann geschieht das Unvorstellbare.

Als Lehman Brothers am 15. September pleitegeht, gibt es kein Geld mehr. Tagelang. Wochenlang. Die Depfa muss sich jeden Tag im Schnitt vier Milliarden Euro am Kapitalmarkt besorgen. Es ist vorbei.

5. Akt: Am 23. September, einem Dienstag, treffen sich Georg Funke und Josef Ackermann in Frankfurt in den Räumen der Deutschen Bank. Mit dabei: Ackermanns Strategiechef Axel Wieandt. Er leitet auch ein Team von Deutschbankern, das am 25. September in München Zahlen der HRE prüft. Es geht darum, ob die Bank gerettet werden kann. Die Gespräche führen zu keiner Lösung.

Die Hypo Real Estate ist so groß wie Lehman Brothers und eng mit dem globalen Finanzsystem verwoben. Banken, Versicherungen, Kommunen, Rentenkassen und Versorgungswerke haben ihr Geld geliehen, allein 100 Milliarden Euro davon unbesichert. Indirekt würde eine Pleite viele Sparer treffen. Die HRE ist zudem der zweitgrößte Emittent deutscher Pfandbriefe, jener Geldanlage, die einst Friedrich der Große erfand und auf deren Krisenfestigkeit sich die Anleger seither verlassen. Es geht längst nicht mehr nur um Deutschland. Es droht eine Kettenreaktion, die rund um den Globus Geldinstitute zum Kippen bringen würde.

Am Abend des 27. September, eines Samstags, faxen Bundesbankchef Axel Weber und BaFin-Präsident Jochen Sanio einen Hilferuf nach Berlin. Die deutschen Banken allein, glauben sie, könnten die Rettung nicht stemmen. Sie würden unter der Last zerbrechen. Auch Jean-Claude Trichet, der Chef der Europäischen Zentralbank, schaltet sich ein. Die Regierung aber zögert.

Diese Zurückhaltung hat auch mit einer Rede zu tun, die Finanzminister Peer Steinbrück tags zuvor im Bundestag gehalten hat. Ein Bankenrettungspaket wie in den USA sei in Deutschland "weder notwendig noch sinnvoll". Die Krise sei "vor allem ein amerikanisches Problem". Seine Worte markieren die rote Linie im Umgang mit der HRE. Raushalten soll sich der Staat, keine Milliarden lockermachen für diese Bank. Springt der Bund ein, ist klar: Die Krise ist in Deutschland angekommen.

 

Erst am Sonntag um 17 Uhr trifft Jörg Asmussen bei den Verhandlern in Frankfurt ein. Allein. Er kann sich nur auf die Zahlen verlassen, die ihm die Bankwirtschaft vorlegt. Auch Bundesbank und BaFin haben in allen Tagen zuvor den Finanzbedarf der HRE nicht selbst berechnet. Schnell muss es jetzt gehen, um zwei Uhr morgens deutscher Zeit öffnet die Börse in Tokyo, und wenn die HRE bis dahin nicht gerettet ist, droht das, was alle fürchten. Von 22.45 Uhr an bereitet die Aufsicht die Schließung der Bank vor. Um 1.30 Uhr ist klar: Der Bund ist dabei, die Rettung steht. Insgesamt 35 Milliarden Euro bekommt die HRE zugesagt.

Am Morgen des 29. September spricht Steinbrück von der "geordneten Abwicklung" der HRE. Drei Tage später braucht die Bank weitere 15 Milliarden Euro.

6. Akt: Es fällt schwer, sich Günther Merl als Revolutionär vorzustellen. Merl stammt aus Amberg in der Oberpfalz. In Amberg wählt man die CSU und geht am Sonntag in die Kirche. Merl studiert Betriebswirtschaft in Nürnberg und führt später als Vorstandschef die Landesbank Hessen-Thüringen. Wenn er lacht, sieht er aus wie eine bayerische Ausgabe von Heinz Rühmann. Als die Regierung nach einem Chef für den am 17. Oktober gegründeten Rettungsfonds Soffin sucht, fällt die Wahl auf den 63-Jährigen. Der Soffin entscheidet, welche Bank von der Regierung Geld bekommt, er prüft die Rettungskonzepte.

Statt in seinem Ferienhaus am Chiemsee sitzt Merl jetzt in einem Büro in einer alten Frankfurter Villa. Eines der kompliziertesten Dossiers auf seinem Schreibtisch: die HRE. Was soll mit der Bank geschehen? Merl bespricht seine Antwort vertraulich mit Bundesbankpräsident Weber und den Beratern des Soffin, den Juristen von Freshfields Bruckhaus Deringer und der Investmentbank UBS.

Je länger sie sich mit dem Problem befassen, desto klarer wird: Sie müssen ein Tabu brechen. Der Staat muss die Bank kontrollieren. Vollständig. Notfalls per Enteignung. Nur so lässt sich ausschließen, dass Aktionäre der HRE die notwendige Sanierung torpedieren. Der überzeugte Marktwirtschaftler Günther Merl muss sich an den Gedanken der Verstaatlichung erst gewöhnen. Dann wirbt er umso unermüdlicher für ihn.

Im Kern ist der Plan schon im Dezember fertig. Er bleibt überraschend lange geheim. Die Regierung aber zögert auch hier. Für die Union ist die Enteignung von Unternehmen ein Sündenfall. Die SPD will nicht das Klischee bestätigen, wonach Sozialdemokraten immer nach dem Staat rufen. So lange wird debattiert, dass Ende März die Schließung der HRE droht, da ihr Eigenkapital inzwischen unter die gesetzliche Mindestgrenze fällt. Man behilft sich mit einem Trick: Der Soffin erklärt am 28. März 2009, die HRE stützen zu wollen. Die Bank und die BaFin akzeptieren dies als hinreichend, damit das Institut seine Geschäfte fortführen kann.

Erst im April liegt das Gesetz zur vollständigen Übernahme der HRE vor. Anfang Juni ermöglicht eine Hauptversammlung die Verstaatlichung. Was der Staat nun vorhat – schließen, abwickeln, ganz oder in Teilen verkaufen? –, bleibt im Dunkeln.

7. Akt: Axel Wieandt ist auf einer privaten Feier, als sein Handy klingelt. Es ist Sonntag, der 5. Oktober. Am anderen Ende: Josef Ackermann. Es geht um die HRE. Als er Wieandt später fragt, ob er den Chefposten der Bank übernehmen würde, muss der nicht lange überlegen. Für Wieandt ist die Anfrage ein call of duty, die Pflicht ruft, da sagt man nicht Nein. Um Georg Funke wird es einsam. Als "Bankster" beschimpft ihn Bild. Am Morgen des 7. Oktober spricht HRE-Aufsichtsratschef Kurt Viermetz mit Funke.

Um 14.04 Uhr ist die Meldung da: Funke geht. Um 19.12 Uhr: Wieandt kommt.

Axel Wieandt ist 42 Jahre alt, ein Banker wie ein großer Junge, wie aus der Zeit gefallen. Seine Brille ist zu groß, seine Stimme zu leise, so einer rückt sonst nicht in die erste Reihe. Wieandt entstammt einer Finanzdynastie. Vater Paul: sanierte mehrere Banken. Bruder Carl: ist bei McKinsey. Seine Schwester Dorothee: arbeitet bei Goldman Sachs und ist mit Martin Blessing verheiratet, dem Chef der Commerzbank. Wieandt promovierte über Die Entstehung, Entwicklung und Zerstörung von Märkten durch Innovationen. Die Arbeit bei der HRE ist der Praxistest.

Viele Jahre hat der Analytiker die Strategie und die Beteiligungen der Deutschen Bank verantwortet, er gehörte zu den fünf, sechs Personen, die die geheimsten Pläne kannten. "Sehr verschlossen" sei er, sagt einer, der ihn gut kennt, "ein Mann des leisen Arbeitens". Für den Strategiechef einer privaten Bank mag das die richtige Qualifikation sein. Ist sie es auch für den Chef einer Bank in Staatsbesitz?

Interviews gibt der neue Chef kaum. Geschäftszahlen verkündet er bevorzugt in Telefonkonferenzen. Die Hauptversammlung Anfang dieses Monats ist sein erster Auftritt vor Publikum. Doch Bild- und Tonaufnahmen werden verboten. Obwohl die HRE vom Geld der Steuerzahler lebt. Das Volk rettet eine Bank – und erfährt nur das Nötigste. Die HRE soll einen neuen Namen erhalten, die Zahl der Mitarbeiter wird von 1800 auf 800 sinken, die Depfa wird abgewickelt, es bleibt vor allem das Geschäft mit Gewerbeimmobilien, stabil refinanziert über Pfandbriefe. Die Bilanzsumme der HRE schrumpft womöglich um drei Viertel.

Wieandt zur Seite steht der neue Aufsichtsratschef Michael Endres, lange Jahre Vorstand der Deutschen Bank. Auch ihn hat Ackermann angerufen. Was Endres bei der HRE vorfindet, entsetzt ihn. Personen, die ihn fragen, ob die Bank sanierungsfähig sei, ernten ein langes Schweigen.

 

So bleiben zu viele Fragen offen.

Wird die Bank je wieder Geld verdienen? 2008 hat sie 5,5 Milliarden Euro Verlust gemacht, vor allem wegen Abschreibungen auf Wertpapiere und Wertkorrekturen auf Kredite – beides Geschäfte der alten HRE. Für 2009 und 2010 werden weitere Verluste erwartet, Prognosen zur Höhe gibt es nicht. Die Krise bei Gewerbeimmobilien fängt erst richtig an.

Wie viel Geld muss der Bund noch aufbringen? Die enormen Verluste bringen die HRE in große Kapitalnot. Experten schätzen, dass sie insgesamt bis zu zehn Milliarden Euro benötigt – Eigenkapital, keine Bürgschaften.

Wie lange muss der Bund für die Bank einstehen? Um an Kapital zu kommen, wird die HRE Anleihen mit Laufzeiten bis zu 30 Jahren herausgeben müssen. Möglich, dass der Staat so lange für sie garantiert.

Auf alle diese Fragen liefert Axel Wieandt keine Antwort. Genauso wenig wie die Regierung. Ob der Staat sein Geld wiedersehen wird, wie er die Bank wieder privatisieren will – die Steuerzahler, Bürger und Wähler werden es so schnell nicht erfahren. Erst in ein paar Monaten wird die Übernahme vollzogen sein, und selbst "wenn der Bund drin ist, haben wir nur die ersten zehn Prozent" des Weges geschafft, sagt einer mit Einblick in die Bank.

Wahrscheinlich ist, dass man Teile der HRE in die Bad Bank auslagert, die der Bund gerade schafft. Möglich ist, dass man den Rest mit der Eurohypo fusioniert, dem Immobilienfinanzierer der Commerzbank. "Nach 18 bis 24 Monaten müssen wir wissen, wohin es mit der Bank geht", fordert ein maßgeblich Beteiligter. "Ist dann nicht klar, dass die Bank funktioniert, sollte man in die Abwicklung gehen." Als ob Peer Steinbrück es geahnt hätte.

8. Akt: All die Personen, die beim Fall der HRE, bei ihrer Rettung und Zukunft eine Rolle spielen, werden noch im Untersuchungsausschuss auftreten: Kurt Viermetz an diesem Donnerstag, in den nächsten Wochen dann Josef Ackermann und Axel Wieandt, Jörg Asmussen und Peer Steinbrück, womöglich sogar die Bundeskanzlerin. Zu den Erfahrungen der Parlamentsgeschichte gehört freilich, dass ein Ausschuss in der Regel ergebnislos endet. Die Regierungsparteien haben kein Aufklärungsinteresse, bilden aber die Mehrheit.

Und doch hat dieser Ausschuss schon jetzt etwas geleistet. Weil seine Befragungen deutlich machen, an welchem Punkt der Geschichte man das Drama noch hätte verhindern können – vorausgesetzt, man hätte wirkungsvollere Gesetze gehabt.

Dürfte die BaFin die Geschäftsmodelle von Banken prüfen, hätte sie den Kauf der Depfa wohl untersagt. Die Möglichkeit dazu war 2004 im Entwurf einer Aufsichtsrichtlinie vorgesehen. Sie kam wegen der Lobbyarbeit der Banken so nie zustande.

Gäbe es schärfere Anforderungen an die Besetzung von Aufsichtsräten, hätten die HRE-Kontrolleure womöglich Funke davon abgehalten, die Depfa zu kaufen. Gegen neue Qualifikationsregeln wehren sich die Gewerkschaften. Sie fürchten um Einfluss.

Mit einem reformierten Insolvenzrecht für Banken hätte die HRE vielleicht früh abgewickelt werden können, ohne dass an den Märkten Panik ausgebrochen wäre. Die Politik scheut die Reform. In der Finanzwelt ist die alte Fassung beliebt, es lebt sich gut damit, im Zweifel vom Staat gerettet zu werden.

"Alle müssen aus dieser Krise Lehren ziehen", sagt Angela Merkel gerne. Sie wolle alles unternehmen, "damit sich so eine Krise nicht wiederholt". Der Ausschuss zeigt, wo die Kanzlerin bislang versagt.

Im Berliner Paul-Löbe-Haus, im Saal Nummer 2300, wird an diesem Donnerstag weiter der Schuldfrage nachgespürt. Georg Funke muss dafür seine Villa in Vaterstetten verlassen. Irgendwie verstecken wird er sich dennoch. Er wird die Aussage wohl verweigern.