Industriepolitik Einmischen erwünscht
Streitpunkt Industriepolitik: Die Sozialdemokraten wollen, dass der Staat die Wirtschaft umgestaltet. Und was will die Kanzlerin?

© Michael Gottschalk/AFP/Getty Images
Müde Koalitionäre: Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier im Bundestag
Diskutieren, argumentieren, sogar polemisieren, das kann er. Aber Geschichten erzählen? Frank-Walter Steinmeier beugt sich an diesem Montagnachmittag aus dem tiefen Ledersessel seines Büros nach vorne, schaut konzentriert in seine Kaffeetasse und spricht. Von denen in Lemwerder. Davon, wie damals der Schrempp dort in Niedersachsen die Flugzeugwerft zumachen wollte, trotz all der Ingenieure und der 600 Arbeitsplätze. Wie die Landesregierung, in der er, Steinmeier, arbeitete, das verhinderte. Dass dort heute noch hoch qualifizierte Leute arbeiten. Heute noch! Steinmeier malt nichts aus, er dramatisiert nicht, und plötzlich wird ganz offensichtlich, dass sich dieser Mann gar nicht um Geschichten mit Pointen bemüht: Hier sitzt einer, der aus Erlebnissen lieber Schlüsse zieht. Der Lehren sucht. Die aus Lemwerder passt für ihn gut zur Krise: »Die Politik kann etwas tun. Auch in dieser Krise muss sie etwas tun. Denn was jetzt wegbricht, wird hier nicht mehr eingerichtet werden!«
Steinmeier sagt es vielleicht besonders deutlich: »Wir brauchen Industriepolitik.« Doch nicht nur er propagiert mit neuem Elan, was in der deutschen Ökonomie lange verpönt war: das Eingreifen des Staates in den Markt. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündete Anfang der Woche beim Tag der Deutschen Industrie vor Hunderten von Unternehmern, dass in Deutschland »Cluster« erhalten bleiben müssten, dass nicht »ordnungspolitisch sauber« gehandelt werden dürfe, wenn andere Staaten ihren Industrien mit Milliarden helfen würden und dann die besseren deutschen Produkte vom Weltmarkt verschwänden.
Auch die Kleinen klingen plötzlich anders. Der Tübinger Bürgermeister und Hoffnungsträger der württembergischen Grünen, Boris Palmer, nennt seine Partei nach der Europawahl nonchalant die »Industriepartei der Zukunft«. Die FDP stimmt in Nordrhein-Westfalen der Rettung Opels durch Landesbürgschaften auch aus industriepolitischen Gründen zu. Und selbst Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der neue Star der Wirtschaftsliberalen, lässt sein Haus mit Hochdruck an einem »industriepolitischen Gesamtkonzept« arbeiten. Seit Ludwig Erhard, so heißt es in seinem Ministerium, habe es das nicht mehr gegeben.
Die Krise macht es möglich. Eben noch galt die Industrie in Deutschland zwar als wichtig, aber doch irgendwie auch als gestrig. Die Zukunft schien vor allem in der Dienstleistungsgesellschaft zu liegen, schließlich deuteten alle Zahlen auf diesen Wandel hin: In den Büros und nicht in den Fabriken wuchs die Wertschöpfung überdurchschnittlich. Hatte der Anteil der Industrie in Deutschland 1960 noch bei 40 Prozent gelegen, so sank er in den vergangenen Jahrzehnten auf unter ein Viertel. In Großbritannien ist er gerade noch halb so hoch, ganz offensichtlich wiesen die Angelsachsen damit den Weg in die schöne, neue Welt der Servicegesellschaft – mit höheren Wachstumsraten und niedrigeren Arbeitslosenzahlen. Immer wieder mussten sich deutsche Politiker in der Vergangenheit auf EU-Veranstaltungen von britischen Kollegen anhören, wie vergleichsweise altmodisch doch ihr Land strukturiert sei: Good old Germany, ein Auslaufmodell.
»Jetzt kann man sich in Großbritannien die Wirkung von unterlassener Industriepolitik angucken«, lautet nun die Lehre Steinmeiers. »Dort gibt es für die einfachen Leute immer weniger Arbeit, aber die City brummt bald wieder. Wenn wir das nicht wollen, brauchen wir ein klares Bekenntnis zur Industriegesellschaft. In den traditionellen Industrien liegt der Kern für neue Technologien«, sagt der SPD-Spitzenkandidat. »Wenn wir das aufgeben, dann werden wir auch keine neuen Stärken entwickeln.« Tatsächlich hat die Krise Großbritannien besonders hart getroffen, nur in Irland ist die Staatsverschuldung höher, und auch die Arbeitslosigkeit wächst rasant. Sogar der Economist, das Lieblingsblatt der Neoliberalen, dokumentierte diese Erkenntnis zuletzt mit einem Titelbild, auf dem der britische Premierminister Gordon Brown ganz unten, Kanzlerin Angela Merkel in der Mitte und der Franzose Nicolas Sarkozy ganz oben auf dem Siegertreppchen stand. Welch ein Kulturbruch: Ausgerechnet Frankreich oben, das mehr als alle anderen staatliche Industriesteuerung betreibt. Allerdings kommt der Economist dann zu dem Fazit, dass es am Ende doch in Großbritannien schneller wieder bergauf gehen werde.
»Echte Werte« lässt der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) an die Wände der Veranstaltungshalle projizieren. Auf seinem Tag der Deutschen Industrie sollen alle Gäste spüren, dass man sich hier vornehm vom britischen Modell, von den wertvernichtenden Finanzjongleuren distanziert. Alle Parteien (mit Ausnahme der Linken) haben ihre Spitzenpolitiker geschickt und stimmen in verschiedene Tonlagen in das Hohelied ein, das BDI-Chef Hans-Peter Keitel auf das »starke Industrieland Deutschland« singt. Und doch scheint den Hunderten von Unternehmern im Saal trotz – oder wegen? – der frischen Liebe der Politik nicht ganz wohl. Denn mit der neuen Zuwendung, der Fall Opel hat es ja gerade bewiesen, stellen sich auch ihnen neue Fragen: Wann müssen sie gegen die Einmischung der Politik protestieren? Stimmen die Kriterien, nach denen Berlin über staatliche Hilfen entscheidet? Und macht es überhaupt Sinn, die Opels des Landes zu retten, statt sie wie die Arcandors untergehen zu lassen?
- Datum 19.06.2009 - 15:49 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.06.2009 Nr. 26
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> Der Kanzler Gerhard Schröder empfing ihn, versprach staatliche Kredite und organisierte die Rettung – unter lautem Beifall der meisten Deutschen. In den Umfragen wuchs seine Beliebtheit damals rasant. Holzmann nützte das nichts. Drei Jahre später war der Konzern pleite. <
Soviel zu Ihrem Weitblick. Bei Ihnen heißt es "Retten um jeden Preis" und den bezahlen die folgenden Generationen.
Nochmal der Hinweis zur Alternative ....
http://www.piratenpartei....
Gruß, Bernd
*** Money helps the body to survive, but friends are needed to make the soul survive ***
ob es aber so leicht ist. Die Frage nach der Balance zwischen demokratisch legitimierter Industrie/Ordnungspolitik und losgelöster Freiheit wirtschaftlichen Handelns ist gesellschaftlich mindestens genau so wichtig wie die Anliegen der Piratenpartei: "Das Urheberrecht, das Patentrecht und der Komplex Datenschutz/Privatsphäre/Staatstransparenz." Sie, die Frage nach der Balance, bestimmt die Existenz vieler Menschen und man sollte zumindest darüber nachdenken.
Und um das noch mal klar zu stellen, die Bürgschaften für Holzmann haben dem Steuerzahler oder die folgenden Generationen nicht belastet. Diese Mythe wird so gern verbreitet, (u.a. von Seehofer letzte Woche: Die Hilfen für Quelle werden anders als bei Holzmann dem Steuerzahler nichts kosten, sie retten nur die Arbeitsplätze." War eindeutig eine bewusste Lüge.)
Aber egal, sie beziehen sich wahrscheinlich auf die Gegenwart. Aber auch da verkürzen sie, ""Retten um jeden Preis" und den bezahlen die folgenden Generationen." Auch da kann man eine Gegenrechnung denken. Staatliches Nichthandeln, nur aus ordnungspolitischen Rechthaberei, könnte auch einen Preis haben, der den Nachkommenden in Rechnung gestellt werden könnte.
Wenn die Piratenpartei mit ihren mir sympahtischen Unterstützern mehr sein will als die vormalige Autofahrerpartei in der Schweiz, vor deren Klientel mir grauste, dann erwarte ich seitens ihrer Sympathisanten hier im Forum, also auch von Ihnen, etwas mehr als einen Link, der mir zum Thema (Streitpunkt Industriepolitik: Die Sozialdemokraten wollen, dass der Staat die Wirtschaft umgestaltet. Und was will die Kanzlerin?) mir nichts weiter mitzuteilen hat.
Ich stimme Ihnen zu, dass mein Kommentar etwas kurz geraten ist. Mit "um jeden Preis" habe ich nicht allein Geld gemeint. Holzmann hätte vielleicht gerettet werden können wenn nicht Schröder gleich auf die Medien-Bühne gerannt wäre und den Ritter gespielt hätte. Bei Opel gab es sofort zwei Lager "Der Staat muss helfen" und "Insolvenz ist auch ein Weg" und dazwischen gähnende Leere. Vordergründige Parteien-Prügelei wie gehabt.
Ich stimme Ihnen auch zu, dass die Frage nach der Balance die Existenz vieler Menschen bestimmt und man zumindest darüber nachdenken soll. Aber das genau tun die Poltiker nicht > nachdenken bevor sie ihr "Maul" aufmachen. Medienschlachten sind wichtiger als das Nachdenken über eine tragfähige und realisierbare Lösung.
Die Pirarenpartei fordert Staatstransparenz und das ist eine Notwendigkeit hinsichtlich der Einmischung der Wirtschaft zur Durchsetzung deren Interessen, die nicht unbedingt was mit Erhaltung von Arbeitsplätzen zu tun haben.
Sorry, aber ich habe langsam die Sch**** voll von den geistigen Ergüssen unserer Volksvertreter.
Gruß, Bernd
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Ich stimme Ihnen zu, dass mein Kommentar etwas kurz geraten ist. Mit "um jeden Preis" habe ich nicht allein Geld gemeint. Holzmann hätte vielleicht gerettet werden können wenn nicht Schröder gleich auf die Medien-Bühne gerannt wäre und den Ritter gespielt hätte. Bei Opel gab es sofort zwei Lager "Der Staat muss helfen" und "Insolvenz ist auch ein Weg" und dazwischen gähnende Leere. Vordergründige Parteien-Prügelei wie gehabt.
Ich stimme Ihnen auch zu, dass die Frage nach der Balance die Existenz vieler Menschen bestimmt und man zumindest darüber nachdenken soll. Aber das genau tun die Poltiker nicht > nachdenken bevor sie ihr "Maul" aufmachen. Medienschlachten sind wichtiger als das Nachdenken über eine tragfähige und realisierbare Lösung.
Die Pirarenpartei fordert Staatstransparenz und das ist eine Notwendigkeit hinsichtlich der Einmischung der Wirtschaft zur Durchsetzung deren Interessen, die nicht unbedingt was mit Erhaltung von Arbeitsplätzen zu tun haben.
Sorry, aber ich habe langsam die Sch**** voll von den geistigen Ergüssen unserer Volksvertreter.
Gruß, Bernd
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Sehr geehrte Frau Pinzler,
in der SZ vom 26.11.2008 gibt es ein Interview mit dem Ex-Holzmann-Chef Binder. Es wäre schön, wenn Sie diese Informationen auch in ihren Artikel aufnehmen würden.
Ich stimme Ihnen zu, dass mein Kommentar etwas kurz geraten ist. Mit "um jeden Preis" habe ich nicht allein Geld gemeint. Holzmann hätte vielleicht gerettet werden können wenn nicht Schröder gleich auf die Medien-Bühne gerannt wäre und den Ritter gespielt hätte. Bei Opel gab es sofort zwei Lager "Der Staat muss helfen" und "Insolvenz ist auch ein Weg" und dazwischen gähnende Leere. Vordergründige Parteien-Prügelei wie gehabt.
Ich stimme Ihnen auch zu, dass die Frage nach der Balance die Existenz vieler Menschen bestimmt und man zumindest darüber nachdenken soll. Aber das genau tun die Poltiker nicht > nachdenken bevor sie ihr "Maul" aufmachen. Medienschlachten sind wichtiger als das Nachdenken über eine tragfähige und realisierbare Lösung.
Die Pirarenpartei fordert Staatstransparenz und das ist eine Notwendigkeit hinsichtlich der Einmischung der Wirtschaft zur Durchsetzung deren Interessen, die nicht unbedingt was mit Erhaltung von Arbeitsplätzen zu tun haben.
Sorry, aber ich habe langsam die Sch**** voll von den geistigen Ergüssen unserer Volksvertreter.
Gruß, Bernd
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