Der Zeitplan wurde immer enger: Bis zum vergangenen Freitag musste eine Entscheidung fallen, weil die Banken drängten. Karl-Gerhard Eick, Chef von Arcandor, brauchte Hilfe von der zögerlichen Bundesregierung, verhandelte zäh – und musste schließlich doch Insolvenz anmelden. Jetzt gibt es ein neues Datum, von dem das Wohl und Wehe der fast 50.000 Mitarbeiter abhängt: Ende August. So lange zahlt nun der Staat ihre Löhne und Gehälter. So will es das Gesetz.

Bis dahin muss auch klar sein, wie eine Sanierung aussehen kann. Das wird nicht einfach. Die Insolvenzverwalter haben es mit einer der größten Pleiten in der Firmengeschichte des Landes zu tun. Und sie wird noch größer. Für weitere Töchter von Arcandor wie den technischen Kundendienst Profectis und Foto Quelle hat Arcando am Mittwoch Insolvenzanträge gestellt. Auch die vielen Lieferanten von Arcandor könnten in den Sog der Pleite geraten. Diesen Donnerstag werden sich die Insolvenzverwalter das erste Mal zur angespannten Lage äußern.

Die Insolvenz ist zwar nicht das Ende aller Geschäfte, aber die brutalste Variante für die Mitarbeiter. Auf irgendeine Weise werden diese Pleite alle zu spüren bekommen. In erster Linie die rund 32.000 Beschäftigten bei Karstadt, aber auch die fast 16000 Kollegen und Kolleginnen bei Primondo, der Versandhaustochter, zu der auch Quelle gehört, und die rund 7000 Mitarbeiter der Töchter, die am Mittwoch in die Insolvenz rutschten. Für die Quelle-Beschäftigten könnte es besonders bitter werden. Quelle ist eine Art Kollateralschaden. Gelingt es nicht, Arcandor als Konzern zusammenzuhalten, braucht das Versandhaus einen Investor. Den zu finden wird für die Insolvenzverwalter in Zeiten schwindender Kaufkraft schwierig werden.

Ein konzerneigener Sanierungsplan sah den Abbau von 12.000 Stellen vor

Immerhin besitzt die Marke einen Bekanntheitsgrad von nahezu 100 Prozent. Mit anderen Worten: Fast jeder im Lande kennt Quelle. Auch in Österreich und der Schweiz ist der deutsche Versender Marktführer, ebenso wie in vielen Ländern Osteuropas. Im Onlinehandel belegt Quelle nach eBay und Amazon inzwischen Platz drei. Und 60 Prozent aller neuen Kunden werden bereits über das Internet gewonnen.

Der größte Rivale von Quelle ist das Hamburger Versandhaus Otto. Dort aber will man erst einmal abwarten. Für das Hauptgeschäft hegt man sowieso keinerlei Kaufabsichten. Nur an den zu Primondo gehörenden Spezialversendern, wie beispielsweise Hess Natur, besteht Interesse.

Im Gegensatz zu Quelle ist die Touristiktochter Thomas Cook so gut wie nicht mit der Mutter verwoben. »Wir sind sowohl operativ als auch finanziell unabhängig von Arcandor«, ließ Manny Fontenia-Novoa, Chef von Thomas Cook, wissen. Das Tagesgeschäft gehe ganz normal weiter. Der Touristikkonzern war bislang mit seinen guten Geschäften eine Stütze des Gesamtkonzerns. Doch weil seine Aktien an Banken verpfändet sind, dürften die sich schon bald schadlos halten, und das hieße, dass sich Thomas Cook auf einen neuen Eigner einstellen muss. Allerdings prüfen die Insolvenzverwalter jetzt erst einmal, was das Pfandrecht für Gläubiger und Schuldner in diesem Fall konkret bedeutet.