Suizid Der letzte Chat

Der Student Abraham Biggs wollte nicht mehr leben, im November 2008 kündigte er im Internet seinen Selbstmord an. Auf der ganzen Welt sahen ihm Menschen beim Sterben zu. Wie konnte es dazu kommen?

Die letzten Bilder von Abraham Biggs, die eine Kamera um die Welt schickt, kommen aus seinem Schlafzimmer. Sie zeigen einen jungen Mann, der in weißen Boxershorts und grauem T-Shirt auf dem Bett liegt. Er hat sich nicht herausgeputzt für diesen letzten Auftritt.

Die Webcam gibt nur einen kleinen Ausschnitt des Zimmers wieder: den reglosen Abraham, 19 Jahre alt, das zerwühlte Bett, die kahle Wand dahinter. Der Junge hat dem Objektiv den Rücken zugewandt, ein Arm ist unter seinen Oberkörper geklemmt, die nackten Beine liegen aufeinander. Seit zehn Stunden liegt er nun schon da.

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Abraham Biggs hatte im Netz angekündigt, er werde eine »Überdosis« nehmen, dann hat er die Medikamente aufgezählt, die er schlucken werde. Und er hat auf eine Webseite verwiesen, auf der man ihm dabei zusehen kann. Live.

220 Menschen schauen an diesem Nachmittag des 19. November 2008 auf Abraham Biggs, die Zahl ist auf der Webseite eingeblendet. In Großbritannien sehen sie ihm zu, in Australien, in Mexiko, in den USA. Sie blicken nach Pembroke Pines, einer Kleinstadt an der Ostküste Floridas. Und keiner glaubt, dass er in Lebensgefahr ist. Misstrauen sie den digitalen Bildern und halten das, was sie sehen, für gefälscht? Können sie nicht unterscheiden zwischen dem, was virtuell, und dem, was real ist? Sind die Menschen durch die Anonymität und die Unverbindlichkeit des Internets verroht? Oder ist das ein vor Publikum begangener Selbstmord, so wie andere auch – bloß dass das Publikum diesmal am Computer sitzt?

Nur ein Schüler aus Indien greift zum Telefon und versucht, Abraham zu retten. Und schließlich erscheint die Nachricht eines Computerexperten aus Indianapolis im Textfeld neben dem Videobild: »Ich habe die Polizei gerufen.«

Elf Stunden zuvor, um vier Uhr in der Früh, spielt Abraham in seinem Zimmer am Computer. Sein Vater kommt herein, er ist wach, weil er nebenan noch Büroarbeiten erledigt hat. »Vergiss nicht, dass wir zum Mittagessen verabredet sind«, sagt der Vater, dann geht er schlafen, er muss um sieben zur Arbeit. Später wird er sagen, ihm sei nichts Ungewöhnliches aufgefallen an seinem Sohn, der oft bis spät in der Nacht am Computer saß. Der Vater weiß nicht, dass Abraham in den Tagen zuvor seinen Blackberry verkauft hat, mit dem er überall E-Mails las und beantwortete. Und seine geliebte Playstation. Dass diese Dinge, die dem Sohn einmal so wichtig waren, ihm nichts mehr bedeuten.

Abraham Biggs senior, der vor drei Jahrzehnten aus Ghana in die USA kam, ist Mathematikprofessor am Broward College. Auch sein Sohn studiert dort und arbeitet als Tutor im Computerraum. Abraham kennt sich gut aus mit allen möglichen Programmen, aber er ist keiner dieser Jungen, die ihr Leben im Schein des Monitorlichts fristen. Er ist eins neunzig groß und sportlich, ein Mädchentyp, der seine Freundinnen so oft wechselt, dass seine Mutter irgendwann aufhört, sich ihre Namen zu merken. Abraham gibt gern den Entertainer. Auf seiner Seite bei der Onlinegemeinschaft MySpace hat er ausschließlich Partyfotos von sich und Freunden hochgeladen, als wolle er allen zeigen, wie viel Spaß er hat.

Nachdem sein Vater zu Bett gegangen ist, schickt Abraham um 4.17 Uhr eine SMS an seine Mutter. Sie ist Krankenschwester im Memorial Hospital im benachbarten Städtchen Hollywood und hat Nachtdienst. Doreen Facey-Biggs, 47, sieht gerade nach einem ihrer Krebspatienten. Sie ist die Einzige auf ihrer Station, die keine weiße Kleidung trägt, sondern geblümte Oberteile und rosa Hosen, ihre Haare hat die gebürtige Jamaikanerin zu Dutzenden kleiner Zöpfe geflochten. Sie verlässt das Patientenzimmer und liest die SMS: »Ich hasse mich.«

Vier Monate später hat die Mutter die Nachricht immer noch auf ihrem Handy gespeichert. Auf ihrem Wohnzimmertisch liegen ihre letzten drei Mobiltelefone, deren Speicher randvoll mit Textnachrichten ihres Sohnes sind. »Ich komme zu dir, es geht mir so schlecht«, hatte er ihr ein paar Monate vor seinem Tod geschrieben, »ich will Antidepressiva.« Abraham litt an einer bipolaren Störung, bei der sich extreme Manie und Depression abwechseln. Die Mutter hoffte, Abraham und sie würden irgendwann einmal zusammen die SMS-Nachrichten lesen und sich freuen, dass diese Zeit vorbei ist.

Doreen Facey-Biggs wohnt mit ihrer Tochter Rosie, deren Mann und zwei Kindern in einem kleinen Bungalow außerhalb des Zentrums von Hollywood – nicht Hollywood, die Traumfabrik, sondern eine Kleinstadt am Pazifik mit softeisfarbenen Häusern, auf die das ganze Jahr die Sonne scheint. Wenn man das Haus betritt, steht man schon mittendrin im Wohnzimmer, es ist eng hier, Spielzeug liegt herum, ungebügelte Wäsche hängt über einem Stuhl. Bob Marley lächelt von einem Foto über das Chaos hinweg. Man hat den Eindruck, dass hier eine Familie lebt, die gerne nah beieinander ist. Rosie sagt, sie wolle nicht ohne die Mutter wohnen.

Abrahams Eltern ließen sich 2004 scheiden. Abraham hatte fortan ein Zimmer beim Vater im benachbarten Pembroke Pines, wo er sich meistens aufhielt, und eines bei der Mutter. Sie und seine 27-jährige Schwester Rosie waren enge Vertraute für ihn, den beiden offenbarte er sich, als eine seiner Freundinnen glaubte, schwanger zu sein. »Wir sind sehr offen miteinander«, sagt die Mutter. Sie und der damals zwölfjährige Abraham waren auch bei der Geburt von Rosies erster Tochter dabei und filmten. Mit ihnen waren noch zehn Freunde und eine weitere Videokamera im Kreißsaal.

Leser-Kommentare
  1. Wie aus dem Artikel hervorgeht, kann selbst der 17 jährige Inder, der letztlich aktiv wurde nicht als solcher erkannt werden.
    "...telefoniert man mit ihm, hat man das Gefühl, am anderen Ende der Leitung sitze ein weit gereister Mann um die 30. Dushyant spricht fließend Englisch, er ist es gewohnt, mit Menschen aus aller Welt zu chatten."
    Eine virtuelle Persönlichkeit so zu sagen.

    Das Internet quillt über von virtuell geschaffenen "Realitäten", die nicht mehr als solche zu erkennen sind. Ein Phänomen mit dessen Auswirkungen wir zukünftig leben müssen, ob wir wollen oder nicht. Selbst wenn es trauriger weise das Leben eines Menschen kostet.

  2. Mir ist eine aehnliche Geschichte passiert - aber meine Freundin hat ueberlebt, eben *weil* die Leute, die ihre Nachricht gesehen haben, reagiert haben und auch weil die Seite, auf der es geschehen ist, einen "Notbutton" solcher Art hat - wir haben zusammen "abuse reports" abgeschickt, bis die Seite recherchieren konnte, wo sich die Userin befindet und die Polizei gerufen hat.

    Ich kann jeden, der eine solche Nachricht sieht, egal wo, nur auffordern, zu reagieren. Egal, ob die Person als Witzbold bekannt ist, egal, ob es ein Freund ist und nur ein einzelner User, den man nicht kennt, egal wo, egal wann, egal, ob man der erste oder der hundertste ist - REAGIERT.

    • bobom
    • 22.06.2009 um 13:36 Uhr

    sehr interessanter und flüssig geschriebener artikel

  3. "In keeping with Channel 40's policy of bringing you the latest in blood and guts, and in living color, you are going to see another first — attempted suicide."

    Live-Selbstmorde auf dem Bildschirm gab es also auch schon vor dem Internetzeitalter....

  4. 5. Chat

    Guten Abend zusammen,

    ich hoffe, dass auch die Autorin dieses wichtigen Artikels meinen Kommentar liest.

    Der Artikel ist sehr gut; er ist wichtig. Gerade in der virtuellen Welt, wo Anonymität und die Möglichkeit des "Versteckens" und "Wegsehens" gegeben sind.

    Da ich als Betreuer in einer großen Community tätig bin, hielt ich es für wichtig, dass genau diese Zeilen von den Usern gelesen werden. Ich habe den Artikel in meinem Blog gepostet ... es gab viele Kommentare und eine lebhafte Diskussion. Uns allen kann genau das, was im Artikel steht auch passieren.

    Nun wurde mir von einer Userin massiv mit rechtlichen Konsequenzen gedroht, wenn ich diesen Artikel stehen lasse. Sie verweist auf das Urheberrecht. Diese Userin interessiert keinesfalls die Aussage des Artikels und die Beweggründe, diesen in einem Blog zu posten. Sie ist eine derer, die immer wieder alles kritisieren und negieren.

    In einem Chat mit über 15.000 Usern in verschiedensten Themenbereichen halte ich es für wichtig, dass genau solche Artikel veröffentlcht werden. Als Mahnung und Aufruf zugleich.

    Da ich nicht weiß woher ich die Genehmigung bekommen kann, habe ich diesen Weg beschritten.

    Ich würde mich über eine Antwort freuen ... Danke für´s lesen!

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