Suizid Der letzte ChatSeite 5/5
Als Dushyant die Bilder auf justin.tv sieht, begreift er sofort, dass sie echt sind und kein Loop, also keine Endlosschleife derselben Bildsequenz. Und er sieht, dass der Junge auf dem Bett nicht mehr atmet. Dushyant war mit zwölf einmal in einem Chatroom Zeuge, wie ein Amerikaner vor laufender Webcam Medikamente schluckte und das Bewusstsein verlor. Die meisten Zuschauer waren der Meinung, er werde schon wieder zu sich kommen. Am nächsten Tag erfuhr Dushyant, dass der Mann tot war.
An diesem Novembertag weiß er, dass jede Minute zählt. Er erinnert sich, dass sein Freund einmal seine Handynummer im Forum hinterlassen hat, er sucht sie und recherchiert auch Abrahams richtigen Namen und seine Adresse. Beides stellt er ins Forum, mit der Aufforderung: »Ruft verdammt noch mal die Polizei an! Ich wohne in Indien und habe auf meinem Handy kein Guthaben für internationale Anrufe.«
Icosane antwortet: »Solange er nicht in seiner eigenen Kotze liegt, lebt er wohl.« Dushyant kann sich noch so sehr aufregen – keiner nimmt den Hörer zur Hand.
Psychologen erklären solche Untätigkeit mit dem »Bystander-Effekt«, auch »Genovese-Syndrom« genannt. Der Name geht zurück auf die Ermordung der 28-jährigen New Yorkerin Kitty Genovese im Jahr 1964. Damals ignorierten Dutzende von Nachbarn die Schreie der Frau, während sie vergewaltigt und erstochen wurde. Ihr Unglück war, dass zu viele ihre Schreie hörten. Niemand fühlte sich persönlich gefordert. Wenn die anderen nicht reagieren, glaubt der Einzelne oft, es liege kein Notfall vor. Deshalb sind in solchen Situationen Aussagen wie die jenes Moderators, das Opfer sei ein Lügner, fatal.
Aber Dushyant Dubey gibt noch nicht auf. Er schleicht sich ins Zimmer seiner schlafenden Eltern und holt das Handy seines Vaters. Es ist 14.30 Uhr in Florida, als er die Nummer der Polizei von Miami wählt. Aufgeregt berichtet er einem Beamten von dem angekündigten Online-Selbstmord. Der Beamte verbindet ihn ein paar Mal weiter, bis Dushyant bei einer Polizistin landet, die ihm erklärt, das Miami Police Department sei nicht zuständig. Er solle sich an die Polizeiinspektion des Broward-Distrikts wenden, in dem Pembroke Pines liegt. Dushyant ist den Tränen nahe, das Guthaben auf dem Handy seines Vaters ist aufgebraucht.
»Was für Deppen leben in Eurem Land, den USA«, schreibt er daraufhin ins Forum und hinterlässt die Nummer der Polizei von Broward. »Warum ruft IHR nicht an?!«
Zur selben Zeit macht in der US-Stadt Indianapolis, 2000 Kilometer von Pembroke Pines, Florida, und 13000 Kilometer von Ahmedabad in Indien entfernt, ein Mann namens Josh Lee Mittagspause. Er arbeitet als Systemadministrator. Auch er ist regelmäßig im Forum von Bodybuilding.com. Er entdeckt die Mitteilungen von CandyJunkie und liest sich eine halbe Stunde lang durch die Beiträge. Dabei stößt er auf Dushyants Hilferuf und informiert die zuständige Polizei. Der Beamte kann kaum glauben, was er hört: »Die haben alle zugesehen, und Sie sind der Erste, der uns anruft?« Um 14.55 Uhr stellt Lee die Nachricht auf die Webseite, dass er die Polizei gerufen hat. Die Ankündigung macht im Netz schnell die Runde, Links zum Live-Video werden auf alle möglichen Webseiten gestellt. Plötzlich werden die vorher noch so trägen User aktiv.
Etwa eine halbe Stunde später bricht die Polizei in die Wohnung von Abraham Biggs senior ein, der Vater ist noch bei der Arbeit. Die Tür zum Zimmer seines Sohnes ist verschlossen. 220 Zuschauer verfolgen, wie ein Stück des Türrahmens durch die Luft fliegt und auf dem Bein des reglosen Jungen landet. Einige wollen immer noch nicht glauben, was sie sehen. »WTF«, postet einer – what the fuck, verdammt noch mal. »Schwindelei«, schreibt ein anderer. Eine Pistole taucht am rechten Bildrand auf, dann der Rücken eines Polizisten. Er nähert sich Abraham, dann entdeckt er die Kamera, durch die die Welt in das Zimmer blickt. Er wirft ein Stück Stoff darüber. Die Vorführung ist beendet. Abraham ist tot.
Seither versucht seine Mutter, in den Ereignissen des 19. November einen höheren Sinn zu sehen. Sie ist gläubig, sie hält sich an dem Gedanken fest, dass Gott mit Abraham etwas vorhatte. »Seine Geschichte soll uns wachrütteln«, sagt sie, »sie soll uns zeigen, wie gleichgültig wir miteinander umgehen.« Deshalb will sie im Gegensatz zu ihrem Exmann, dass die Öffentlichkeit von Abrahams Schicksal erfährt.
Dass ihr Sohn seinen Selbstmord im Internet übertrug, überrascht sie nicht. »Er wollte so sterben, wie er gelebt hat«, sagt sie. Seitdem er zehn war, hat er an seinem Computer herumgebastelt. Es sei ihm nicht darum gegangen, ein Fanal zu setzen. Schließlich habe er sich nicht vor laufender Kamera erhängt, um die Nachwelt zu schockieren, wie das ein 42 Jahre alter Brite vor zwei Jahren tat, nachdem seine Frau ihn verlassen hatte. Die Mutter vergleicht den Suizid ihres Sohnes vielmehr mit dem Sprung von einer Brücke. Einerseits habe er sterben wollen, andererseits auf Rettung gehofft. Ein öffentlicher Selbstmord, das haben ihr Psychologen erklärt, sei immer auch ein Hilferuf.
Wenn Doreen Facey-Biggs heute ihrem Sohn nah sein will, tut sie das, was er am liebsten tat, sie geht ins Internet. Sie ist Mitglied bei Facebook geworden und steht jeden Tag in Kontakt mit ihren virtuellen »Freunden«. »So anonym, wie alle behaupten, geht es da gar nicht zu«, sagt sie, »und es wäre naiv, zu glauben, dass das Internet an Abrahams Tod schuld ist.« Ihre Pinnwand ist voller Kommentare, die sie aufheitern sollen. Und sie hat erlebt, wie mitten in der Nacht, wenn ihr die Gedanken an Abraham den Schlaf rauben, plötzlich ihr Chat-Fenster am Computer aufpoppt und eine Facebook-Freundin fragt: »Kannst du auch nicht schlafen?« Sie hat diese Frau noch nie persönlich gesehen, und doch war ihre Nachricht in diesem Moment ein Trost.
- Datum 23.06.2009 - 11:12 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.06.2009 Nr. 26
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Wie aus dem Artikel hervorgeht, kann selbst der 17 jährige Inder, der letztlich aktiv wurde nicht als solcher erkannt werden.
"...telefoniert man mit ihm, hat man das Gefühl, am anderen Ende der Leitung sitze ein weit gereister Mann um die 30. Dushyant spricht fließend Englisch, er ist es gewohnt, mit Menschen aus aller Welt zu chatten."
Eine virtuelle Persönlichkeit so zu sagen.
Das Internet quillt über von virtuell geschaffenen "Realitäten", die nicht mehr als solche zu erkennen sind. Ein Phänomen mit dessen Auswirkungen wir zukünftig leben müssen, ob wir wollen oder nicht. Selbst wenn es trauriger weise das Leben eines Menschen kostet.
Mir ist eine aehnliche Geschichte passiert - aber meine Freundin hat ueberlebt, eben *weil* die Leute, die ihre Nachricht gesehen haben, reagiert haben und auch weil die Seite, auf der es geschehen ist, einen "Notbutton" solcher Art hat - wir haben zusammen "abuse reports" abgeschickt, bis die Seite recherchieren konnte, wo sich die Userin befindet und die Polizei gerufen hat.
Ich kann jeden, der eine solche Nachricht sieht, egal wo, nur auffordern, zu reagieren. Egal, ob die Person als Witzbold bekannt ist, egal, ob es ein Freund ist und nur ein einzelner User, den man nicht kennt, egal wo, egal wann, egal, ob man der erste oder der hundertste ist - REAGIERT.
sehr interessanter und flüssig geschriebener artikel
"In keeping with Channel 40's policy of bringing you the latest in blood and guts, and in living color, you are going to see another first — attempted suicide."
Live-Selbstmorde auf dem Bildschirm gab es also auch schon vor dem Internetzeitalter....
Guten Abend zusammen,
ich hoffe, dass auch die Autorin dieses wichtigen Artikels meinen Kommentar liest.
Der Artikel ist sehr gut; er ist wichtig. Gerade in der virtuellen Welt, wo Anonymität und die Möglichkeit des "Versteckens" und "Wegsehens" gegeben sind.
Da ich als Betreuer in einer großen Community tätig bin, hielt ich es für wichtig, dass genau diese Zeilen von den Usern gelesen werden. Ich habe den Artikel in meinem Blog gepostet ... es gab viele Kommentare und eine lebhafte Diskussion. Uns allen kann genau das, was im Artikel steht auch passieren.
Nun wurde mir von einer Userin massiv mit rechtlichen Konsequenzen gedroht, wenn ich diesen Artikel stehen lasse. Sie verweist auf das Urheberrecht. Diese Userin interessiert keinesfalls die Aussage des Artikels und die Beweggründe, diesen in einem Blog zu posten. Sie ist eine derer, die immer wieder alles kritisieren und negieren.
In einem Chat mit über 15.000 Usern in verschiedensten Themenbereichen halte ich es für wichtig, dass genau solche Artikel veröffentlcht werden. Als Mahnung und Aufruf zugleich.
Da ich nicht weiß woher ich die Genehmigung bekommen kann, habe ich diesen Weg beschritten.
Ich würde mich über eine Antwort freuen ... Danke für´s lesen!
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