Iran Auf Familie Hosseini kommt es an
"Arme Mütter, arme Kinder!" Auf den Straßen und in den Wohnungen von Teheran ringen die Menschen darum, wie viel Freiheit sie wagen können

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Protest gegen Wahlmanipulation in Teheran
Teheran, Montagabend, in der U-Bahn. »Wehe, ihr macht Schwierigkeiten«, sagt ein Mann zu den Fahrgästen. Er hat einen Bart und trägt einfache Kleidung. Wir wissen, dass er ein Geheimagent ist, und wir wissen auch, dass es in diesem Moment besser ist, nicht länger über die Morde auf dem Azadi-Platz zu sprechen, die gerade eben passiert sind. Wir fügen uns, die Blicke wandern auf den Boden, an die Wand, aus dem Fenster. Und wir sind nicht die Einzigen: Immer mehr Iraner begegnen ihrer eigenen Regierung mit einer Mischung aus Angst und Erschöpfung.
Doch an diesem Abend ist es anders. Ein junger Mann will sich dem Agenten nicht beugen. »Du warst da«, sagt er mit fester Stimme und blickt dem Bärtigen in die Augen. »Du warst auf dem Azadi-Platz. Ich habe dich gesehen.« Der Agent starrt zurück: »Wir haben alle unsere Meinung.« Der junge Mann: »Es ist die Wahrheit. Du warst auf dem Platz. Ich habe dich gesehen!« Es ist offensichtlich, dass der Junge mehr gesehen hat, als er sehen wollte. Sein Blick ist der eines Menschen, der an diesem Tag mehr verloren hat als nur seine Wahlstimme. Es ist der Blick eines Menschen, der Freunde und Kameraden verloren hat. Und sein Schmerz gibt ihm die Kraft, Worte zu sagen, die an diesem Tag vermutlich ein ganzes Land ähnlich sagen würde: Wir haben ein Recht auf Würde.
In den Straßen von Teheran gibt es momentan ein großes Bedürfnis, einige Dinge offen anzusprechen. Zum Beispiel Wahlfälschungen. Zum Beispiel Pistolenschüsse auf unschuldige Passanten. Es ist ein Bedürfnis, das die Demonstranten auf Teherans Straßen zusammenschweißt: das Bedürfnis nach Wahrheit.
Einige Blocks vom Platz der Freiheit entfernt, starrt ein Mann in die Dunkelheit, als habe er einen Geist gesehen. Wie als Beweis streckt er mir seine blutigen Hände entgegen. »Zehn Menschen«, ruft er. »Sie haben zehn Menschen getötet.« Er ist der Erste in einer Gruppe von Studenten, die sich zu später Stunde ihren Weg durch den Verkehr bahnt. Ein Rinnsal von Trauernden, im Anschluss an eine friedliche Massendemonstration von Hunderttausenden. Zwischen Schluchzen und Weinen rufen sie unterschiedliche Zahlen von Toten.
Einige sagen, fünf Menschen seien ermordet worden, andere sprechen von sechs. Es wird eine ganze Zeit dauern, Licht ins Dunkel zu bringen. Am Ende nennt der Rundfunk sieben Tote. Am Montag haben sich Hunderttausende Iraner auf den Straßen versammelt, die größte Demonstration seit 1979. Sie haben schweigend demonstriert, die Hände mit dem Siegeszeichen in die Luft gereckt, ebenso wie Schilder, auf denen sie den Wahlbetrug angeprangert haben. Und die Basiji, die Paramilitärs, haben am Ende doch noch geschossen.
In den Wochen vor der Wahl hatten die Iraner mit Diskussionen etwa über die steigende Inflationsrate eine Menge Zeit verbracht. All das ist nun vergessen, überlagert durch wesentlichere Fragen. Wer jetzt auf den Straßen gegen Wahlbetrug demonstriert, tut das auch für Werte wie Sicherheit, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit. In Teheran und anderen Städten in Iran hat sich das Vokabular der Demokratie plötzlich dramatisch erweitert.
Und die Menschenmenge wird eher noch größer werden. Zuerst demonstrierten nur die Anhänger von Mussawi, jung und alt, arm und reich, modern und traditionell. Ihre Ansichten aber sind in den letzten Tagen zu einem Common Sense der Gesellschaft geworden. Prinzipien, für die zu kämpfen sie durch das Regime geradezu genötigt wurden. »Die Regierung hat uns auf die Straße gezwungen«, sagte ein Demonstrant. Es scheint, als habe die iranische Zivilgesellschaft plötzlich einen gemeinsamen Feind in den Basiji gefunden. Zunächst gingen die paramilitärischen Einheiten nur mit dem Schlagstock vor. Seit Montag nun auch mit Schusswaffen. Und so ist der Konflikt zwischen Ahmadineschad- und Mussawi-Anhängern weniger gravierend als die Auseinandersetzung zwischen den Demonstranten und den staatlichen Schlägertrupps.
Die Massen suchen nun bei allen und jedem um Unterstützung, sogar bei den normalen Polizeibeamten, die bei den Kämpfen gegen die Basiji am Rande standen. Junge Frauen bestürmen Polizisten an den Absperrungen, sich doch die Menschen vor ihren Augen wirklich anzusehen: »Wir sind alle Iraner!«
- Datum 18.06.2009 - 11:14 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.06.2009 Nr. 26
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Sehr guter Artikel, der auch die andere Seite zeigt.
Es gibt Menschen die Ahmadinedschad gewählt haben - aus Überzeugung - aber auch das geht aus dem Artikel hervor, selbst die eigenen Wähler sind nicht blind für das offensichtliche. Ein guter Präsident lässt nicht militärische Einheiten auf das eigenen Volk schießen.
Zu groß sind zudem die Unregelmäßigkeiten in den einzelnen Wahllokalen die ausgezählt wurden, die beiden anderen Kandidaten scheinen alle Stimmen an Ahmadinedschad verloren zu haben. Es wirken für mich persönlich nicht die Werte Ahmadinedschads oder Mussawi merkwürdig. Irritierender fand ich, dass die anderen beiden gerade mal 1% bekamen. Das war für mich wirklich merkwürdig...
Wer mit Kanonen auf Spatzen schießt, der wird mehr Aufmerksamkeit bekommen, als wenn er sie auf dem Dach sitzen lässt und wartet bis sie wieder wegfliegen.
Wenn es zu einer Neuwahl käme, dann würden sicher noch mehr Menschen sich den anderen drei Kandidaten zuwenden. Das macht dieser Artikel mehr als deutlich.
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