Iran Auf Familie Hosseini kommt es anSeite 3/3

Die Parolen der Demonstranten und die Schlagstöcke der Sicherheitskräfte haben den Anspruch der bisherigen Machthaber, die Ideale der Revolution zu verkörpern, ins Rutschen gebracht. Dabei ging der politischen Führung die Deutungshoheit über die Ereignisse des Jahres 1979 schon in der Vergangenheit zunehmend verloren. In den letzten Wochen jedoch beschleunigte sich dieser Prozess mit atemberaubender Geschwindigkeit. Die Revolution ist so zentral für das Verständnis von Politik im Land, dass sich jede politische Kraft auf sie beziehen muss.

Auch Mussawis Anhänger haben alles getan, um in den Mantel der Revolution zu schlüpfen. Sie bauen darauf, dass die Basiji es sich zweimal überlegen, bevor sie große Gruppen von Menschen angreifen, die keine politischen Slogans, sondern »Allahu Akbar« (Gott ist groß) skandieren – jene Parole, die schon vor 30 Jahren, im Kampf gegen den Schah, die nächtliche Stille durchdrang.

Anzeige

Die Wut und die Verzweiflung vieler Demonstranten hat damit zu tun, dass sie sich benutzt fühlen. Viele schwören, sie würden nie wieder wählen gehen. »Ahmadineschad nennt das eine perfekte religiöse Demokratie«, sagt ein Demonstrant, »in was für einer Art von Demokratie werden Stimmen nicht gezählt? In was für einer Art von Demokratie schickt der Präsident Schlägertrupps, wenn du einfach nur sprechen willst?«

Wenn aber Ahmadineschad auch die Unterstützung von Familien wie den Hosseinis verliert, verlieren die Machthaber die letzte Verbindung in die gesellschaftliche Mitte. Und Familie Hosseini hat keine Sympathien für die Gewaltausbrüche der Paramilitärs gegen Demonstranten und Studierende. Ali, der gut 90 Minuten vor dem Wahllokal wartete, bevor er seine Stimme abgeben konnte, dreht den Fernseher leiser, um klarer zu sprechen. »Politik hat etwas mit Dialog zu tun«, sagt er. »Was die da draußen machen, ist Krieg.«

Noch sind die Hosseinis nicht bereit, sich in die Demonstrationen einzureihen. Sie brauchen Zeit, um ihre Gedanken zu sortieren, sich eine Meinung zu bilden. Und die Allahu-Akbar-Rufe werden, wie es aussieht, noch eine Zeit anhalten. Ein nächtlicher Appell an Gottes Größe, seine Herrschaft über das Recht, seine Vorsehung. »Ich sage dir eine Sache über diese Rufe«, sagt Mansour mit ausgestrecktem Zeigefinger. »Ich stimme darin zu 100 Prozent mit den Demonstranten überein.«

Noch meint Mansour damit nur das Lobpreis Gottes, nicht die politischen Forderungen der Mussawi-Anhänger. Doch Iran ist ein Land, in dem geistliche und politische Welt nie lange getrennte Wege gehen. Und meistens folgt am Ende die Politik dem Ruf des Glaubens.

Aus dem Englischen von Tiemo Rink

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Sehr guter Artikel, der auch die andere Seite zeigt.
    Es gibt Menschen die Ahmadinedschad gewählt haben - aus Überzeugung - aber auch das geht aus dem Artikel hervor, selbst die eigenen Wähler sind nicht blind für das offensichtliche. Ein guter Präsident lässt nicht militärische Einheiten auf das eigenen Volk schießen.
    Zu groß sind zudem die Unregelmäßigkeiten in den einzelnen Wahllokalen die ausgezählt wurden, die beiden anderen Kandidaten scheinen alle Stimmen an Ahmadinedschad verloren zu haben. Es wirken für mich persönlich nicht die Werte Ahmadinedschads oder Mussawi merkwürdig. Irritierender fand ich, dass die anderen beiden gerade mal 1% bekamen. Das war für mich wirklich merkwürdig...
    Wer mit Kanonen auf Spatzen schießt, der wird mehr Aufmerksamkeit bekommen, als wenn er sie auf dem Dach sitzen lässt und wartet bis sie wieder wegfliegen.
    Wenn es zu einer Neuwahl käme, dann würden sicher noch mehr Menschen sich den anderen drei Kandidaten zuwenden. Das macht dieser Artikel mehr als deutlich.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
  • Serie Audio
  • Quelle DIE ZEIT, 18.06.2009 Nr. 26
  • Kommentare 1
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Iran | Familie | USA | Teheran
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service