Kunstkrimi Wie starb Ernst Ludwig Kirchner?
Erstmals zu sehen: Die Pistole, mit der sich der größte deutsche Expressionist erschoss. Die Waffe und ein Arztbericht klären jetzt die Umstände seines Selbstmordes
Am Mittwoch, dem 15. Juni 1938, einem sonnigen Frühsommertag, erschüttern zwei Schüsse die Ruhe über der abseits gelegenen Ebene Wildboden bei Davos. Es ist kurz vor 10 Uhr am Morgen; aus dem nahe gelegenen Haus Rüesch stürzen die Menschen ins Freie, darunter die damals 16-jährige Barbara Augustin. »Wir fanden den Toten auf dem Rücken im Gras, beim Gartenzaun. Sein weißes Hemd war dunkelrot von Blut«, erinnert sie sich noch heute. Der Tote ist Ernst Ludwig Kirchner.
Seit 1918 lebt er, einer der größten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts, in Davos. Drei Jahre zuvor ist er körperlich und seelisch zusammengebrochen; nach Aufenthalten in verschiedenen Sanatorien wählt er den Kurort Davos als ständigen Wohnsitz. Die kraftvolle Natur und der Kontakt zu den einfachen Bergbauern stabilisieren und inspirieren Kirchner zunächst, 1923 zieht er zusammen mit seiner Lebensgefährtin Erna Schilling auf den ruhigen Wildboden. Zwei Jahre später bemüht er sich aber auch wieder um die Nähe zur Kunstszene und eine Professur in Deutschland. Die Pläne zerschlagen sich jedoch, und als die Nazis in Deutschland an die Macht kommen, fühlt Kirchner sich sogar in den Bergen nicht mehr sicher – Davos ist eine Hochburg des Nationalsozialismus in der Schweiz. Immer mehr zieht sich der Künstler zurück und bemüht sich zugleich, von den Medikamenten loszukommen, die er seit 1915 braucht, um überhaupt leben und arbeiten zu können. Auch Erna Schilling, die für Kirchner Berlin verließ und die Großstadt vermisst, hat mit Krankheit und Depression zu kämpfen; die Stimmung im Haus »Auf dem Wildboden« ist permanent gedämpft und angespannt.
Briefe und Berichte von Zeitgenossen belegen, dass Kirchner schon einige Zeit vor der Tat seine Lebensgefährtin zum gemeinsamen Selbstmord überreden wollte, sie sich aber widersetzte. Auch in der Nacht auf den 15. Juni gibt es deswegen Streit, wie Erna später Nachbarn und Freunden erzählen wird. Am Morgen verlässt Kirchner sein Haus und läuft bergwärts in den Wald, ganz anders als sonst mit schützenden Wadenbinden gekleidet, wie sie Jäger und Bauern tragen. Ernas Sorge um den Partner, der eine Waffe bei sich trägt, wächst von Minute zu Minute. Um etwa halb zehn geht sie verzweifelt zu den zweihundert Meter entfernt wohnenden Nachbarn Rüesch, um dort das Telefon zu benutzen: Sie will Kirchners Arzt und Mäzen Frédéric Bauer im Parksanatorium um Hilfe bitten. Bauer versorgt den Künstler seit etwa 1932 mit Medikamenten, speziell dem morphinhaltigen Präparat Eukodal. Anwesend im Haus Rüesch ist an diesem Morgen nur die 16-jährige Tochter Barbara Augustin, die gerade Kuchen backt – sie ist die einzige noch lebende Zeugin.
Vielleicht hat Kirchner Erna von oben aus dem Wald auf dem Weg zu den Nachbarn gesehen. Jedenfalls kommt er kurz nach ihr aufgelöst zu den Rüeschs; ohne Anklopfen und Gruß betritt er, der sonst ausgesucht höflich ist, das Haus und streitet wieder mit Erna, die am Telefon im Flur auf das Gespräch mit dem Arzt wartet. Kirchner beendet den Disput mit der weinenden Erna mit den Worten: »Es hat keinen Zweck, es ist zu spät. In zehn Minuten bist du wieder Fräulein Schilling.« In Davos wird Erna zwar »Frau Kirchner« genannt, doch die beiden sind offiziell nicht verheiratet. Vergeblich hat sie versucht, die Beziehung zu legalisieren; im Mai 1938 bestellt Kirchner sogar das Aufgebot, zieht es aber drei Tage vor seinem Tod wieder zurück.
Aufgebracht verlässt Kirchner nach dem Streit das Gebäude. Er begegnet noch dem eben eintreffenden Postboten Tanner und geht nach rechts um die Ecke. Dann fallen die beiden Schüsse.
Der Postbote ruft im Davoser Rathaus an, und nach etwa einer halben Stunde treffen Polizei und Arzt ein. Der tote Kirchner wird im Leichenwagen in die Stadt gebracht, Erna fährt mit zum Präsidium. Die verängstigte Barbara bleibt allein zurück, bis ihr Vater vom Milchausfahren nach Hause kommt.
Weder in den Davoser Archiven noch im Staatsarchiv Graubünden findet sich ein Polizeibericht über den Selbstmord. Im Kreisamt Davos liegt jedoch ein bislang unbekannter, am 16. Juni verfasster Bericht des zuständigen Bezirksarztes Dr. Georg Michel. Der stellt im Todesfall »Kirchner, Erich Ludwig, Kunstmaler« im Fazit »einwandfrei« Selbstmord fest. Obwohl der Bericht an das Amt nicht in allen Punkten korrekt ist – so kann niemand »den Unglücklichen zu Boden fallen« gesehen haben –, ist er dennoch ein wichtiges Dokument: medizinischer Befund und Hergangsprotokoll, aber auch Beleg des instabilen Zustands Kirchners, seiner Drogenabhängigkeit und des unglücklich verlaufenen Versuchs einer Entwöhnung. Eine Nachricht mit diesem Bericht erfolgte auch an die Staatskanzlei Graubünden, da der Tod des Nichtschweizers Kirchner via Botschaft nach Deutschland gemeldet werden musste.
Kirchners Furcht vor den Nationalsozialisten, die im März 1938 in Österreich einmarschierten und in Davos seit Anfang der 1930er Jahre immer präsenter wurden, ist durch Briefe und überlieferte Gespräche belegt; besorgt zerstörte der Künstler auch einige Skulpturen vor dem Haus und zahlreiche Druckstöcke. Ebenfalls bekannt waren Kirchners nervöse und depressive Phasen und die zunehmende Neigung, sich zu isolieren. Doch tötete er sich nicht still im Privaten, etwa mit einer Überdosis Medikamente. Er wählte den dramatischeren Tod durch die Waffe an einem öffentlichen Ort.
Im Schießen war Kirchner, der nie Soldat gewesen war, unerfahren. Im Gegenteil: Er hatte stets große Angst vor Gewalt und einem Einsatz im Krieg und sich schließlich in die neutrale Schweiz gerettet. Seine Waffe hat er in Davos vorher nicht benutzt, obwohl sich direkt unterhalb des Wildbodens der Schießstand Islen befindet, den viele Einheimische besuchten, so auch der befreundete Nachbar Hans Rüesch. In den Verzeichnissen der Vereinsmitglieder und der Schießanlässe mit Nichtmitgliedern taucht Kirchners Name nicht auf; auch eine Teilnahme des Tierfreundes an der in Graubünden beliebten Jagd ist nicht bekannt. Der Künstler bevorzugte und übte das Bogenschießen, das ihn als Akt der Körperspannung, Konzentration und Zielgerichtetheit faszinierte. Pfeil und Bogen finden auch als Motive in seine Werke Eingang, während militärische Schützen in nur einer einzigen seiner Fotografien erscheinen.
Kirchner war ungeübt mit der Pistole, doch entschlossen im Umgang mit ihr. Nach den beiden Schüssen waren noch zwei Patronen im Magazin, drei weitere wurden später in Kirchners Taschen gefunden; die Menge entspricht damit genau der Magazinkapazität seiner Browning, Kaliber 7.65. Kugeln dieser Größe sind meist nicht sofort tödlich; nach Herzschüssen kann die Handlungs- und Koordinationsfähigkeit noch über Minuten erhalten sein. Wird das Organ verfehlt oder nur leicht verletzt, ist ohne Weiteres ein zweiter Schuss möglich. Wird das Herz allerdings direkt getroffen (wie es der Arzt in seinem Bericht bestätigt), verblutet man rasch. Schon zu Kirchners Zeiten war bekannt, dass allein Herzschüsse der sichere Weg in den Tod waren, während Kopfschüsse häufig nur zur Erblindung führten – grausame Vorstellung für einen Künstler. Deshalb ist es wohl sehr wahrscheinlich, dass sich der zweite, tödliche Schuss nicht durch einen Reflex oder Krampf in der Hand gelöst hat, sondern der bewusste Akt eines Mannes war, der sterben wollte.
Die Browning war eine der beliebtesten Handschusswaffen jener Zeit, ihr Besitz gehörte bis in die 1930er Jahre zu den Gepflogenheiten eines »Mannes von Welt«, der sich und seine Begleitung, Ehre und Eigentum in der Not zu verteidigen hatte. Waffenhändler wiesen in ihren Anzeigen darauf hin, dass die Browning im Notfall immer zur Hand sei.
Kirchner hat seine Pistole nicht aus Deutschland mitgebracht. Die eingeprägte Seriennummer 96151 lässt eindeutig darauf schließen, dass sie erst nach 1918 hergestellt und verkauft wurde. Nach 1914 war die Produktion der M 1910 zeitweise eingestellt und erst mit Kriegsende wieder aufgenommen worden; die Nummern der nach 1918 gefertigten Exemplare beginnen knapp unter 73000. Kirchners Waffe verließ also in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg das Werk – und wurde vor 1924 produziert: Zwei Stempelzeichen, das gekrönte R für den erfolgreichen belgischen Beschuss und das längliche »Perron-Prüfzeichen« als Bestätigung der tadellosen Mechanik, wurden beide nur bis zu diesem Jahr verwendet. Dass Kirchner die Waffe auf einer Reise nach Deutschland erwarb, ist wohl ausgeschlossen: Der Kauf von Waffen durch Zivilisten unterlag bis zum Reichswaffengesetz von 1938 erheblichen Einschränkungen.
Doch wozu hat Kirchner seine Browning zwischen 1920 und 1924 in der Schweiz gekauft? Fühlte sich der Städter in der dörflichen Abgeschiedenheit unsicher und ungeschützt? Oder bedeutete die Waffe für ihn von Anbeginn die mögliche Erlösung von Schmerzen oder Sorgen? Kirchner fand in Davos nur langsam zu körperlich-seelischer Stabilität; gerade das Jahr 1923 war geprägt von nervöser Unruhe: Er brach mit den befreundeten Familien Spengler und Grisebach, die ihn auch medizinisch betreut hatten. Außerdem musste er sein geliebtes erstes Wohnhaus in Frauenkirch verlassen.
Über die Gründe für Kirchners Selbstmord kann man heute nur spekulieren. Die Pistole jedoch erzählt als Objekt von den Widersprüchen eines komplexen Charakters: Sie verkörpert die konforme Haltung des kultivierten Akademikers und die letzte Handlung eines sensiblen Freigeistes; beleuchtet einen Menschen zwischen scheuer Zurückgezogenheit und extrovertiertem Aufschrei; steht symbolhaft für die Verletzung und Verzweiflung eines verfemten Künstlers – und bindet ihn zugleich auf tragische Weise zurück an die Welt der Gewalt, vor der er sich fürchtet und die er mit aller Kraft flieht.
Ernst Ludwig Kirchner liegt auf dem Waldfriedhof in Frauenkirch begraben, nur hundert Meter vom Ort seines Selbstmords entfernt.
- Datum 22.06.2009 - 09:50 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.06.2009 Nr. 26
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Da das "Wie" sich ja ausschließlich auf die eigentliche Tat, den Selbstmord, bezieht, scheinen die Umstände geklärt. Der Artikel liest sich ja auch, ohne große Fragezeichen setzend, so.
Dagegen scheint es nicht so eindeutig klar zu sein, in welcher Verfassung Ernst Ludwig Kirchner sich erschoss. War er deprimiert? War er depressiv? War er einsam? Fühlte er sich "leer"? Fühlte er sich verfolgt - gar von den Nazis? Kam er mit der eigenen Lebenssituation nicht mehr klar?
Seine Bilder scheinen darüber keine quasi antizipatorische Antwort zu geben - anders als bei anderen Künstlern, deren Stile, deren Farben, deren Bildauffassungen sich im Laufe ihres Schaffens änderten.
Ernst Ludwig Kirchner scheint einsam gestorben zu sein. Aber einsam scheint jeder Mensch vor einem Selbstmord zu sein, abgesehen von denen, die sich im Rausch oder im Taumel der Gefühle umbringen.
Dr. Karin SCHICK – KIRCHNER MUSEUM DAVOS – überrascht vom 4.12.11 bis 15.14.2012 im MUSEUM DAVOS mit einer SONDER-Ausstellung - Ernst Ludwig KIRCHNER: “Keiner hat diese Farben wie ich. Kirchner malt“: Fragen der Schau:
Wie wurden die Farben zu Kirchners Zeit wahrgenommen und wie nahm E.L.K. selbst sie wahr? Wie setzte Kirchner seine Materialien ein und welche Bildwirkung beabsichtigte er?
Fragen zu Werkprozess, Malweise, Maltechnik E.L.K.s geht die Schau nach. In einem web-Artikel zur Ausstellung wird an Dr. SCHICK die Bitte geäußert, FORSCHUNGs-Arbeiten zu initiieren; Themen-VORSCHLAG:
„Selbstmord-Tragödie E.L. KIRCHNERs & Drittes Reich – ENTARTETE ZEITEN“
Die Aufforderung wurde im www gerichtet an Thomas SPIELMAN – E.L.K. Stiftung DAVOS, Peter GOTTWALD – Botschafter der BRD in der Schweiz und Lichtenstein sowie an Dr. Karin SCHICK – Kirchner Museum Davos. Am 4.12. werden sie die Sonder-Schau eröffnen und eine Rede halten.
„Davos ist eine Hochburg des Nationalsozialismus in der Schweiz“, so SCHICK. Fakt sei: Weder in den Davoser Archiven noch im Staatsarchiv Graubünden findet sich ein Polizeibericht über den Selbstmord von E.L.K – dem Nichtschweizer. Kirchners Furcht vor den Nazis in DAVOS ist durch Briefe und überlieferte Gespräche belegt. SCHICK: „Kirchner war ungeübt mit der Pistole, doch entschlossen im Umgang mit ihr.“ TOD als bewusster Akt? Über Kirchners Selbstmord wird HEUTE nur spekuliert. Vgl. http://www.giessener-zeit...
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