Deutschland Amsel, Drossel, Sittich, Star

In Köln mischen sich bunte Vögel unter die heimische Tierwelt. Hobbyforscher zeigen, wo die Exoten balzen und brüten

Falko Huckenbeck ist gerüstet wie für eine Safari. Er trägt ein Stativ über der Schulter und ein Fernglas um den Hals. Seine Mütze ziert ein gestickter Storch, aus der Allwetterjacke ragt ein Notizbuch, gewellt von vielen Stunden Nieselregen. »Wir Ornis schreiben ja alles auf«, sagt der 65-Jährige.

Mit einem Schirm bewehrt, stapft der Hobbyornithologe über den Kölner Melatenfriedhof. Die Luft riecht nach Nelkenblüten. Jenseits der Mauer brummt der Großstadtverkehr. Huckenbeck will Zuwanderer aufstöbern: Halsbandsittiche, die, eigentlich in Asien und Afrika beheimatet, nun Kölner geworden sind. Trendsetter, könnte man sagen. In deutschen Städten siedeln sich immer mehr Vogelarten an, darunter auch Exoten. »Heute kann man mitten in der City auf Exkursion gehen«, sagt Huckenbeck.

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Die ersten Halsbandsittiche wurden in Köln schon in den Sechzigern gesichtet. Wahrscheinlich waren sie aus Käfigen oder Volieren entflohen. Vielen bekam die Freiheit nicht; sie froren sich im Winter die Füßchen ab oder endeten im Magen einer Hauskatze. Allmählich aber entstanden Schwärme, die sich gut auf das Großstadtleben einstellten. Heute wohnen die klugen Tiere in mehreren Orten entlang des Rheintals. Allein in Köln hat der Naturschutzbund Deutschland (NABU) in diesem Jahr 2000 Halsbandsittiche gezählt. Nicht zufällig spürt Huckenbeck ihnen auf dem Melatenfriedhof nach. »Vögel mögen Friedhöfe«, sagt er. Dort haben sie Ruhe vor Jägern. Und die Pflanzen sind knackig, werden sie doch das ganze Jahr gegossen.

»Hören Sie das Täck-Täck? Das ist der Mönch«

Zunächst zeigt sich nur heimisches Federvieh. Eine Amsel badet mit wohlig geplusterten Flügeln in einer Regenpfütze. Ein Rotkehlchen flattert von Grab zu Grab und schaut hinter die Marmorsteine. »Rotkehlchen sind Bodenbrüter. Sie nisten gern hinter Grabsteinen. Dort fühlen sie sich geschützt.« Von allen Wipfeln trällert es, Frühlingsgefühle im Friedhofsgrün.

»Vögel sind mir sympathisch«, sagt Huckenbeck. »Die kämpfen nicht. Die singen einfach. Der beste Sänger kriegt die meisten Frauen.« Wir schlendern vorbei an »Nicolaus August Otto, Schöpfer des Verbrennungsmotors«, und an Willy Millowitsch, dem ein posthumer Verehrer rote Rosen geschenkt hat, hinüber zu einem Gräberfeld. Auf einer Wiese stehen Holzkreuze in Reih und Glied. »Hören Sie das Täck-Täck? Das ist der Mönch«, sagt Huckenbeck und zeigt auf einen Vogelwinzling mit schwarzer Federkappe – die Mönchsgrasmücke, wie sie mit vollem Namen heißt. »Sie zeigt uns den Klimawandel an. Die Winter sind mittlerweile so mild, dass viele nur nach England fliegen statt bis nach Afrika.« Davon hätten sie sogar Vorteile: »Sie sind früher zurück und haben viel Auswahl bei den Nistplätzen.«

Seit Jahren arbeitet der Rentner im NABU mit. Am Wochenende besucht er Artenschutztagungen oder geht auf Vogelpirsch. Seinen liebsten Schnappschuss – einen Albino-Haubentaucher auf einem Kölner Baggersee – trägt er immer bei sich in der Brusttasche. Routiniert lässt er jetzt den Blick über die Wipfel streifen, hebt das Fernglas, sucht bunten Sittich in grünem Laub. »Da drüben! So ein hübsches Paar!«

Auf dem Wipfel einer Lärche sitzen zwei: neongrünes Gefieder, blau-gelber Schwanz, Krummschnäbel, so rot wie Clownsnasen. Sie lassen sich von Voyeuren mit Teleobjektiv nicht stören: Der Sittichmann, erkennbar am dunkel umrandeten Hals, trippelt näher und würgt. Die Sittichdame senkt den Kopf und lässt sich füttern. Dann putzt sie sich den Schnabel am Ast ab, streckt ihm den Nacken hin und verlangt nach einer Massage.

Leser-Kommentare
  1. die sittiche sind in wiesbaden auch und haben sich von dort aus den rhein richtung norden bis köln ausgebreitet. sie wurden mitte des 20sten jh dort ausgesetzt und haben sich gut angepaßt ;-)

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