Wer als Mädchen für Sascha Hehn in seiner Rolle als Chefsteward Victor Burger geschwärmt hat, kann als erwachsene Frau zwei Dinge niemals wieder tun: 1. ein Kreuzfahrtschiff sehen, ohne an Sascha Hehn zu denken. 2. Ohne Gewalteinwirkung zugeben, dass sie an Sascha Hehn denken muss, wenn sie ein Kreuzfahrtschiff sieht, und als Mädchen mal für ihn geschwärmt hat.

Manche Menschen leiden ihr Leben lang unter diesem Trauma und sind schon aus Gründen des Selbstschutzes irgendwann dazu übergegangen, Kreuzfahrten nicht mehr aufregend und romantisch, sondern spießig und blöd zu finden. Nicht zuletzt für solche Menschen hat TUI Mein Schiff erfunden – das schwimmende Versprechen, dass es auf See auch anders geht als in Traumschiff-Fantasien oder Bespaßungskonzepten Marke Aida: kein Animationsterror am Pool, keine Kapitänsempfänge, kein Essenfassen im Schichttakt zusammen mit einer Tischgesellschaft, der man die ganze Reise über nicht mehr entkommt. Stattdessen Raum für Erholung, für persönliche Neigungen – und die Garantie, auch zu 1600 an Bord ganz für sich sein zu können. Ein Schiff für Menschen wie dich und mich und die weit entfernte Bekannte, die als Mädchen Sascha Hehn gut fand.

Diese Bekannte, entschlossen, den Steward-Alb abzuschütteln, findet sich also an einem Samstagnachmittag am Kieler Ostseekai ein. Hier läuft das erste Kreuzfahrtschiff der neu gegründeten Gesellschaft TUI Cruises zur Jungfernfahrt aus. Sie blickt sich um, taxiert das Durchschnittsalter der Mitreisenden auf 60 und stellt fest, dass die Mein Schiff vorerst an ihrer Zielgruppe vorbeischippert. »Anspruchsvolle, besser verdienende Pragmatiker« der Babyboomer-Generation sollen das sein, »reiseerfahren, kosmopolitisch, weltgewandt, offen, unabhängig«.

Schon eine Stunde vor Öffnung der Schalter formieren sich die Passagiere zur Schlange. Das kommt der Bekannten nicht sehr weltgewandt vor. Sie tritt vor die Tür, raucht zwei bis fünf Zigaretten, wartet, bis die Schlange zwei Stunden später auf ein hinnehmbares Maß geschrumpft ist, und sieht den Gepäckträgern bei der Arbeit zu. Kofferberge wachsen vor dem dunkelblauen Bauch des Schiffs, wo hellblaue Schreibschriftzüge »Ruhe«, »Mitternachtssonne« und »Sonnenaufgang« verheißen. Als um 19 Uhr das Horn trötet und sich die Mein Schiff langsam vom Kai löst, winken den Reisenden nur Angestellte von TUI Cruises hinterher. Unserer Bekannten schwant, dass sie mit Kreuzfahrtroutiniers unterwegs ist. Und dass sie die Klopapierrolle in ihrer Handtasche, gedacht als Luftschlange beim großen Abschied, einem profaneren Zweck zuführen muss.

Der Begrüßungssekt am Pool wird in Plastikgläsern gereicht, der Sicherheit wegen. Auf einer kleinen Bühne präsentiert der Unterhaltungschef Auszüge aus dem bevorstehenden Programm: Männer mit Fliegen und Kellnerwesten, Frauen mit Leggins und Glitzergürteln, die hopsend, haarewerfend, sich an Geländern rekelnd Liedgut zwischen Mustang Sally und Footloose vortragen. Unsere Bekannte hat eine ausreichende Vorstellung von den Bordshows bekommen und macht sich auf die Suche nach den versprochenen Rückzugsräumen.

Die »Himmel & Meer«-Lounge auf Deck 11 macht einen kuscheligen Eindruck. Riesige Sitzkissen liegen auf Plattformen unter schrägen Fensterfronten aus. Kellner bringen die Cocktails bis an den schokoladenbraunen Kissenrand. Die Entspannung im weichen Nirwana zwischen Polsterkugeln und schwarzer Nacht geht so weit, dass unsere Bekannte die Schuhe ausziehen würde, wäre sie sich der Unversehrtheit ihrer Socken sicher. Es nicht getan zu haben erweist sich allerdings bald als Vorteil, als nebenan in der »Abtanz-Bar« die Musik einsetzt. Vor den Klängen von Modern Talking bietet die Lounge kein Entrinnen, auch nicht in den Plexiglaskugelsesseln, die von der Decke hängen. Dafür treibt eine Etage tiefer die Kabine so still auf dem Wasser der Ostsee, als habe sie mit dem übrigen Schiff rein gar nichts zu tun. Unsere Bekannte geht schlafen.

Am nächsten Morgen ist das Land vom Horizont verschwunden. Quecksilbrig glänzt das Meer unter einem weißgrauen Himmel. Unsere Bekannte dankt der Reederei auf Knien dafür, dass sie die Kabinen mit Kaffeeautomaten ausgestattet hat. So kann sie ganz für sich allein auf der Veranda mit dem neuen Tag anstoßen. Brächte jetzt noch jemand den Rest des Frühstücks aufs Zimmer, wäre das Glück perfekt. Bedauerlicherweise ist an Bord bisher kein Zimmerservice vorgesehen. Aber nach scheuen Testläufen mit einem frisch gepressten Gemüsesaft und einer Scheibe Brot vom Buffet wird es unserer Bekannten bis zum Ende der Jungfernfahrt gelingen, eine vollständige Mahlzeit auf ihre Kabine zu schmuggeln, ohne vom Personal behelligt zu werden. Eine geduldete Extravaganz, die sich nach ihrem Empfinden verdammt reiseerfahren und kosmopolitisch anfühlt.