Falls das Stichwort Iran die Gedanken ausnahmsweise einmal nicht auf Ahmadineschad, Atomprogramme oder die »Achse des Bösen« lenkt, sondern auf die Literatur, dann ist auch das kein leichtes Thema. Die Bedingungen der iranischen Literaturproduktion sind schwierig, für Verleger ebenso wie für die Schriftsteller. Viele von ihnen leben im Exil, und die Stoffe, welche der Literatur durch Geschichte und Gegenwart des Landes aufgegeben werden, sind oft ein düsterer Spiegel der politischen Verhältnisse. Dafür liefert der neue Roman des iranischen Autors Mahmud Doulatabadi ein drastisches Beispiel.

Wer den Colonel aufschlägt, muss sich auf einiges gefasst machen. Das Wetter ist vorwiegend miserabel, es regnet viel, die Temperaturen sind unwirtlich. Schatten liegen über den Szenen, Staub lastet auf den Dingen, die Kleider sind feucht, von »tödlichem Regen« ist die Rede, »tödlicher Staub« bedeckt das, was einstmals Schönheit ins Leben brachte, die Musikinstrumente zum Beispiel. Mit der Hoffnung auf Sonne verbinden sich unvermeidlich die Befürchtungen darüber, was sie wohl ans Licht bringen mag. Die Orte, an denen die Figuren sich aufhalten, sind beengend, es sind Rückzugsorte, Verstecke, Gefängnisse, Folterzellen, Krankenhäuser, Leichenhallen. Die Menschen belauern sich oder fürchten umeinander. Zu Trauer besteht immer Anlass. Jede Sorge bleibt hilflos. Bedrohung, mehr oder weniger latent, liegt über allem. Jeder ist seiner Einsamkeit und schlimmen Erinnerungen ausgeliefert, hin und her geworfen zwischen Panik und Resignation. Leere Straßen des Nachts oder aufgeregte Menschenmassen am Tag charakterisieren den öffentlichen Raum. Sowohl die Leere als auch die Massen setzen dem Einzelnen zu, bedrängen ihn und machen jedes intakte soziale Leben zunichte.

Allein die unerbittliche Entschiedenheit, mit der Doulatabadi diese hoch verdichtete Gesamtatmosphäre herstellt, macht seinen jüngsten Roman zu einem außerordentlichen Werk. Der Erzählraum, der damit aufgezogen wird, steht für nichts anderes als für die iranische Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg: für den Streit ums Öl mit den Großmächten, die Regierung Mossadeghs und deren Sturz mithilfe der USA, für das Regime von Schah Reza Pahlevi, die inneren Kämpfe und äußeren Interventionen, für den damit verbundenen Terror der Geheimpolizei, die blutige Gründung der Islamischen Republik, den Krieg mit dem Irak, kurz: für ein ungeheures Übermaß an Tod, Unterdrückung, Rückschritten und Traumatisierungen.

»Ihm kam es vor, als hätten sich sämtliche Tage zu einem Tag und alle Jahreszeiten zu einer Jahreszeit zusammengezogen, zu einer kalten, bleiernen Jahreszeit.« So räsoniert und hadert der Colonel, der Titelheld des Romans. Er tritt gleich zu Anfang in einer jener Schlüsselszenen auf, die allen Regimen, die ihre Macht auf Repression stützen, gemein sind. Kurz vor Morgengrauen klopfen zwei Männer an die Tür und fordern ihn auf, mit zur Staatsanwaltschaft zu kommen. Allerdings geht es nicht um seine Person. Er ist bestellt, die Leiche seiner Tochter Parwaneh, die vom Geheimdienst ermordet wurde, zu begraben, still, ohne Aufsehen, sofort, nach Entrichtung der fälligen Gebühren.

Der Colonel, seine Familie, seine Kinder – das ist eine einzige Geschichte staatlich ausgeübter Grausamkeit, gleich ob die Macht nun gerade in den Händen eines imperialistischen Statthalters wie des Schahs oder in denen islamistischer Revolutionäre lag. Es ist eine Familienzerstörungsgeschichte als Spiegelbild einer allgemeinen Landeszerstörungsgeschichte.

Während der Colonel durch die Nacht irrt, um die notwendigen Vorkehrungen für die Bestattung zu treffen, vollziehen seine Gedanken und die Gespräche mit den Familienmitgliedern, von denen er Beistand erbittet, den nicht enden wollenden Kreislauf der Ereignisse nach, durch den sein Leben und das seiner Kinder zermalmt wurde. Sein Sohn Amir versteckt sich, verrückt vor Angst, in einem Kellerraum des familiären Anwesens. Er wurde als Anhänger der kommunistischen Tudeh-Partei unter dem Schah schwer gefoltert, doch als die Ajatollahs die Macht übernehmen, kann er sich nicht dagegen wehren, dass ausgerechnet sein Folterer, der Geheimdienstmann Khazar Djavid, bei ihm Zuflucht sucht. Auf dessen Konto geht der Mord an Parwaneh, einer Anhängerin der Volks-Mudschahedin. Der älteste Bruder Mohammad Taghi dagegen ist als kommunistischer Volks-Fedajin während eines Aufstands gefallen. Der jüngste Sohn Masud ging als Kanonenfutter für Chomeini in den iranisch-irakischen Krieg, womit er sich unter die unzähligen Märtyrer einreihte. Farzaneh, die ältere Tochter, ist mit einem opportunistischen Funktionär verheiratet und auf die Rolle der unmündigen Ehefrau verpflichtet. Sie alle und noch einige andere erheben neben dem Colonel ihre Stimme. Darunter auch Khazar Djavid, der ewige Büttel. Seine Überlebensmaxime lautet: »Die politische Polizei ist wie die Religion. Hast du jemals erlebt, dass die Religion ausgerottet wurde?«

Khazar Djavid, der die Zwangsmittel der Diktaturen mit giftigem Zynismus repräsentiert, ist die übelste Figur des Romans. Trotzdem umgibt Doulatabadi auch die geplagte Familie des Colonels nicht mit dem Schein edler Unschuld. Vielmehr vertritt jeder von ihnen eine andere Strömung der ideologisch-politischen Verblendung, eine andere Fehlentwicklung oder Borniertheit. Sogar der Colonel hat zwei Gesichter: Heldenmütig hatte er sich dem Befehl verweigert, mit den Streitkräften des Schahs für die USA und Großbritannien einen Stellvertreterkrieg zu führen. Gleichzeitig erwies er sich jedoch als Sklave seiner traditionellen Männerrolle, als er seine Frau wegen eines Treuebruchs geradezu abschlachtete. Emanzipation und Tradition, Moral und Gemeinheit, Menschlichkeit und Brutalität – nichts von alldem erscheint hier säuberlich geschieden, alles ist katastrophal miteinander verquickt. Und eine Entwirrung ist vom Verlauf der jüngeren iranischen Geschichte nie begünstigt worden.