Ist es Ironie der Geschichte oder Wink des Schicksals, wenn ein weltberühmter Schriftsteller verkündet, keine erzählenden Bücher mehr zu schreiben und einen Monat später den Nobelpreis erhält? So ist es dem Japaner Kenzaburō Ōe 1994 widerfahren. Pech für den Autor, Glück für den Leser? Tatsächlich ist Folgendes passiert: Kenzaburō Ōes geistig behinderter Sohn Hikari, dem er sein Leben und Schreiben gänzlich zugeordnet hatte und dessen mühsames Haltfinden auf der Welt wir in dem drastisch-grandiosen Roman Eine persönliche Geschichte durch die väterliche Haltlosigkeit beobachten konnten, dieser weitgehend sprachlose Hikari hatte im Erwachsenenalter das Komponieren gelernt. Erst liebte er Vogelstimmen, dann Mozart, dann liebte das Publikum dessen eigene Stücke. Hikari hatte eine Sprache gefunden, eine künstlerische. Und der Vater konnte die Sprache, in der er seinen Sohn geborgen und auf seine Weise geboren hatte, endlich abstreifen. Keine Romane mehr! Eine antik dimensionierte großartige Geschichte.

Doch neben der Familiengeschichte wirkte längst schon eine nationale Geschichte im Werk und am Bild des Autors Ōe mit. Der leise auftretende, ironische, menschenfreundliche Schriftsteller verfolgte mit großer Hartnäckigkeit die Ziele eines entmilitarisierten demokratischen Nachkriegsjapans. Er wurde zum Symbol für eine in Japan niemals unbezweifelt existierende Staatsverfassung und Gesellschaftsform und war entsprechend heftigen nationalistischen Anfeindungen ausgesetzt.

Schon jetzt kann man im Rückblick auf das japanische späte 20. Jahrhundert, nicht nur das der Literatur, erkennen, dass Kenzaburō Ōe einen von zwei gegensätzlichen Polen verkörpert. Den anderen Pol markiert Yukio Mishima, der Autor, der 1970 eine Art symbolischen Militärputsch durchgeführt hatte, sich im Augenblick des vorausgesehenen Scheiterns in Samurai-Manier den Bauch aufschlitzte (Seppuku) und sich dann enthaupten ließ.

Mishima war glühender kaisertreuer Nationalist. Ōe hingegen ist die Zivilität in Person und in Schriftgestalt. Zivilität im umfassenden Sinn einer gesteigerten Infragestellung des Eigenen, eines komplexen Systems der kulturellen Selbstbegründung. In diesem Sinn sind Ōes jüngste Bücher Versuche zur Logik ziviler geistiger Kultur. Sie sind voraussetzungsvoll, schwer zu lesen, und sie wollen das sein. Sie sind Literatur gewordene Rücknahmen der Ankündigung, nicht mehr Literatur schreiben zu wollen. Und so stellen sie permanent die Frage nach dem Sinn der Literatur.

»Ich mache es meinen Lesern nicht leicht«, hat der so bescheiden wirkende Ōe selbstbewusst gesagt. Und er hat weiter geschrieben nach dem Nobelpreis, er hat allein drei Romane verfasst, die intensiv um seine Familie und seine Person kreisen und eine erneute Trilogie bilden (nach der Trilogie Grüner Baum in Flammen aus den neunziger Jahren). Der erste Band dieser Dreiheit erschien vor drei Jahren auf Deutsch unter dem Titel Tagame. Berlin–Tokyo; der zweite, mit dem Titel Ein Kind mit einem melancholischen Gesichtsausdruck, ist hierzulande noch nicht zu haben, der dritte liegt jetzt vor und heißt Sayonara, meine Bücher.

Ein zweifelhafter Titel. Der japanische Ausdruck »Sayonara, watashi no hon, yo!« kann genauso gut den Singular meinen und träfe damit den Kern des Buches weit besser: Der Autor verabschiedet sich, und das Buch beginnt zu leben. Im Plural vermeinen wir das Echo eines alten Mannes zu hören, der einstmals verkündete, keine Bücher mehr schreiben zu wollen. Doch es geht eher um das Gegenteil: um die Auferstehung, das Weiterleben der Fiktion; in den Worten des gleich zu Beginn zitierten Vladimir Nabokov, die in dessen Roman Die Gabe am Ende stehen: »Leb wohl, Buch! Wie die Augen des Sterbenden / müssen sich auch die imaginierten Augen eines Tages schließen. / Der Mann, dem die Liebe verweigert wurde, wird sich erheben. /– Doch sein Schöpfer geht fort.«

Die Frage nach dem Weiterleben der Zeichen, des symbolischen Aktes dehnt Ōe auch auf das politische Feld aus. Sie lautet konkret: Was bewirkt eine spektakuläre politische Aktion in der Mit- und vor allem in der Nachwelt? Auf Mishimas Tat bezogen: Hätte sich der erotische und militärische Held der chauvinistischen Männerbündler nicht besser verhaften lassen sollen nach dem missglückten Überfall auf eine Zentrale der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte? Hätte er nicht seine zehn Jahre im Gefängnis absitzen sollen und dann, entlassen im Augenblick des Zusammenbruchs der japanische Bubble-Ökonomie, viel wirkungsvoller agieren können? Dass noch dreißig Jahre später so lebhaft darüber diskutiert wird, zeugt eben von der Kraft der weitgehend im Symbolischen verharrenden Tat.