H1N1-Virus Grippe zum Üben
Noch ist das neue Virus relativ harmlos. Doch das kann sich schnell ändern. Was dann?

© STRDEL/AFP/Getty Images
Das Virus in unserer Mitte: Ein indischer Arzt hält Blutproben in der Hand. Sie stammen von Schulkindern und werden auf den Amerikagrippe-Erreger getestet
Die sogenannte Schweinegrippe zu verfolgen ist wie Achterbahn fahren. Am vergangenen Freitag rief die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Margaret Chan die höchste Warnstufe aus und erklärte damit den aktuellen Grippeausbruch offiziell zur Pandemie, zu einem weltweiten Seuchenzug des Erregers H1N1. 30.000 Infizierte in 74 Ländern und 150 Tote auf zwei Kontinenten machten diesen Schritt notwendig. Gleichzeitig versicherte Chan aber, dass es sich um eine milde Pandemie handle und man keine Reise- oder Handelsbeschränkungen wünsche. Drei Tage nach diesem WHO-Looping folgte dann die Meldung vom ersten Todesfall in Europa.
Noch nie kreisten zwei neue tödliche Grippevarianten um die Welt
Das schwindelerregende Auf und Ab wird die Welt noch eine Weile ertragen müssen. Denn die Verbreitung des Grippevirus H1N1 ist ein Präzedenzfall. Noch nie wurde eine Pandemie so minutiös verfolgt, noch nie gab es bessere Möglichkeiten, eine Ausbreitung einzudämmen, und noch nie kreisten gleichzeitig zwei neue für den Menschen potenziell tödliche Grippevarianten um die Welt.
Auf den ersten Blick mag die WHO-Eskalation wie ein reiner Verwaltungsakt erscheinen. Bis auf die stetige Zunahme der Zahl der Fälle hat sich nicht viel geändert. Das Verhalten des Virus hat sich stabilisiert. Die meisten Infizierten erleiden eine kurzfristige Unpässlichkeit. Fieber, Hustenreiz, vielleicht Durchfall. Nach fünf Tagen ist die Sache durchgestanden. Und so scheint es, die Pandemie werde nicht schlimmer als die jährliche Heimsuchung durch die Wintergrippe.
Doch der Kampf Virus gegen Mensch, Mensch gegen Virus ist offen; man tut besser daran, mit den Abwehrmaßnahmen nicht nachzulassen. Jetzt ist die Zeit, in der sich das Virus H1N1 in die kühler werdenden Gebiete der südlichen Hemisphäre bewegt: dorthin, wo bereits sein Cousin, H5N1, wartet. Es ist das Vogelgrippevirus, das 2006 auch in Deutschland für Aufregung sorgte und in vielen Entwicklungsländern weiterhin wütet. H5N1 tötet bis zu 80 Prozent aller Infizierten, aber es springt nur sehr schwer von Mensch zu Mensch. Die Amerikagrippe hingegen tötet wenige, verbreitet sich dafür rasant.
Im Süden könnten die beiden Viren aufeinandertreffen und ihre Fähigkeiten austauschen. »Noch wissen wir nicht, was daraus entstehen kann«, sagt der Virologe Christian Drosten vom Universitätsklinikum Bonn. Bislang habe sich das Vogelgrippevirus H5N1 nicht als sonderlich kontaktfreudig zu jenen Grippeviren erwiesen, die gern unter Menschen weilen. Im Fall von H1N1 könnte das anders sein, schließlich trägt es Gene von Schweine-, Vogel- und Menschengrippe in sich.
Es ist also ungewiss, was aus den südlichen Gefilden im Herbst wieder zu uns in den Norden gelangt. Der wichtigste Schutz gegen den Ankömmling ist die Entwicklung eines Impfstoffs. Am 27. Mai verteilte die WHO die Saatviren für die Produktion an die Hersteller, die sofort die Arbeit aufnahmen. Die Produktion des Impfstoffs für die regelmäßige Wintergrippe wird gerade abgeschlossen – die Produktionskapazitäten sind frei. Allerdings werden Hersteller wie GlaxoSmithKline Biologicals in Dresden ihre ersten Chargen frühestens in vier bis sechs Monaten ausliefern. Und weil nicht klar ist, welche Metamorphose das Amerikagrippevirus bis dahin durchgemacht hat, ist ungewiss, ob der aktuelle Impfstoff dann den Menschen überhaupt noch schützen wird.
Da trifft es sich gut, dass Novartis zeitgleich mit dem Pandemie-Alarm den Einsatz eines neuen, schnelleren Produktionsverfahrens bekannt gab. Das Pharmaunternehmen nutzt nicht mehr Eier als Nährmedium, sondern Zellkulturen. Und das funktioniert gut. Bereits im Mai hatte Novartis einen Vorläufer des Saatvirus, ein sogenanntes Wildtypvirus, von der WHO erhalten und in weniger als sechs Wochen zehn Liter Versuchsimpfstoff produziert. Wie viele Menschen sich mit der Menge schützen lassen, ist indes noch unklar. Außerdem meldete das arznei-telegramm schon 2007 Bedenken gegen das neue Verfahren an: Bei den in den Kulturen verwendeten Zellen »handelt es sich um eine tumorigene Zelllinie, das heißt, die Zellen können in einem Wirtsorganismus Tumoren ausbilden«.
- Datum 17.06.2009 - 17:42 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.06.2009 Nr. 26
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"...doch das könnte sich ändern, wenn der neue Erreger sich mit der Vogelgrippe mischt"
Und wenn dann noch ein 25 km Durchmesser Meteorit im Zentrum Europas einschlägt werden wir alle tot sein.
Wieso wird eigentlich jede an sich gute Nachricht sofort mit einem neuen Horror Szenario totgeredet? Brauchen wir immer eine Grippe Epidemie als Damokles Schwert über unserem Kopf?!? Wie neurotisch sind wir eigentlich alle geworden? Oder hat die Pharma Industrie zu geringen Umsatz und pusht so ihre Impfstoffe gegen Grippe (deren positive Wirkung ich durchaus geringer einschätze als immer behauptet wird)?!?
"Bislang verläuft die Amerikagrippe recht harmlos – doch das könnte sich ändern..." Leider gibt die Mexikogrippe keine Schlagzeilen mehr her. Aber man kann es ja versuchen.
Dämliche Medienhysterie.
Warum nur klappen mir inzwischen immer die Fussnägel hoch, wenn ich irgendwo "Experten" am Werk sehe? (In NTV, in den Zeitungen etc pp.)
Es gab am Samstag eine Umfrage in der Rheinischen Post, ob der Japantag in Düsseldorf wegen der Mexikogrippe stattfinden sollte oder ob er besser abgesagt werden sollte.
Die genauen Zahlen weiß ich nicht mehr, aber mehr als 20% wollten den Tag lieber abgesagt sehen.
Resultat: Über 800.000 Besucher und niemand wurde vervirt.
Die Menschheit übersteht schon seit Jahrtausenden immer neue Mutationen von Grippen. Die Pressehysterie wird daran auch nichts ändern können.
Vielleicht nur mal ein kurzer Einblick in den Bio-Unterricht der 12.Klasse: Viren können sich bei ähnlichen Formen sehr wohl miteinander verbinden (Konjugation). Ja, die Möglichkeit besteht, die Möglichkeit ist gering - und nein, wenn man einen Impfstoff gegen H1N1 hat dann nützt er nichts wenn er mutiert mit H5N1. Der Virus H5N1, der Honkkong-Grippe sieht unter dem Mikroskop zudem ein wenig anders aus. Eine Konjugation oder Übertragung mittels Bakteriophagen kann natürlich immer möglich sein, aber da würde ich mir mehr Sorgen machen bei Bakterien und deren Resistenz gegen Antibiotika in der Zukunft - dank dieser Angstpolitik der Pharmafirmen haben wir da nämlich mehr worum wir uns Gedanken machen müssen. Aber selbst das überleben wir.
Die Vogelgrippe lieferte keinen Grund zur Panik(mache), die Schweinegrippe auch nicht. Der ganze Hype entstand wohl auch deshalb, weil in den ersten Wochen in der Tat sehr schnell sehr viele Menschen in Mexiko und den USA starben und Wissenschaftler noch nicht wussten, warum. Ein weiterer Grund mag sein, dass die WHO wohl noch ein wenig an ihren Pandemie- und Alarmdefinitionen arbeiten muss, dass gibt man da aber auch offen zu. Zur Zeit besteht kein Grund zur Sorge. Ein Reassortment zwischen Amerika- und Vogelgrippeviren ist aber nun mal das offensichtlichste (realistischste) Szenario, dass einem einfällt.
Überlegungen, wie die Vogelgrippe durch Punktmutation oder Reassortment leichter übertragbar werden könnte, beschäftigen die Wissenschaft schon lange, durch die Schweinegrippe wird nun halt eine solche Möglichkeit auf dem Silbertablett serviert. Klar, Es gibt weitaus tödlichere Viren (z.B. HIV, HBV, saisonale Grippe), in deren Erforschung viel Zeit und Geld gesteckt wird. Dass nun mit erhöhter Aufmerksamkeit auch an Schweinegrippe geforscht wird, sollte niemanden wundern, kann man aber jetzt auch nicht als Panikmache abstempeln.
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