Arcandor Big T in Not

Es hätte die Karriere des Jahrzehnts werden können. Stattdessen steht Thomas Middelhoff vor den Trümmern seines Wirkens

Thomas Middelhoff auf einem Fototermin im Berliner KaDeWe, im April 2008

Thomas Middelhoff spricht nicht. Denn jedes Wort, meint er, wäre zu viel. Den Ruf, als ehemaliger Chef des Handelskonzerns Arcandor für eine der größten Pleiten in der deutschen Wirtschaftsgeschichte verantwortlich zu sein, würde er so nicht los, davon ist er überzeugt. Der Mann steht vor den Trümmern einer Karriere, die eine der größten des Jahrzehnts hätte werden können.

Kurz nach seinem Aufstieg an die Spitze des Medienkonzerns Bertelsmann besaß er in den USA eine Strahlkraft wie kein zweiter deutscher Manager. Ihn nahmen sie in New York ernst – und um die Jahrtausendwende in die Wirtschaftselite auf. Alte Verleger und junge Internetunternehmer luden ihn zu sich nach Hause ein und machten Geschäfte mit ihm. Middelhoff ist zu verdanken, dass Bertelsmann 1998 den größten US-Buchverlag, Random House, übernehmen durfte. Ihm verdankte der Konzern wenige Jahre später einen außerordentlichen Gewinn von nahezu zehn Milliarden Euro, weil sich Middelhoff zur richtigen Zeit am Internetkonzern AOL beteiligt und gute Ausstiegsklauseln vereinbart hatte.

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Das Medienvolk lag ihm zu Füßen. Verstehen kann das nur, wer Middelhoffs Wirkung auf Menschen erlebt, wer gesehen hat, wie er Zuhörer öffnen und bannen kann. Genau das ist ihm dann mit dem alten Bertelsmann-Patriarchen Reinhard Mohn, seiner Frau Liz Mohn und einige Jahre später auch mit der Mehrheitseignerin von Arcandor, Madeleine Schickedanz, gelungen. Seinem Charisma verdankt er seinen Aufstieg und seine größten Erfolge.

Aber Middelhoff hat auch den Hang zu übertreiben, wenn ihm der Aufsichtsrat keine Grenzen setzt. Diese Kontrollschwäche war sowohl bei Arcandor wie früher bei Bertelsmann am Ende eklatant. Sie trug dazu bei, einen Personenkult entstehen zu lassen, der sich in fast lächerlichen Spitznamen ausdrückt. Seine Mitarbeiter nannten ihn »Big T« in jener Zeit, als er mehrere Tage die Woche in New York arbeitete, so als gehöre er in eine Reihe mit Ikonen des amerikanischen Lebens: Big Apple, Big Mac, Big T. Nicht anders war es bei Karstadt. Da sprachen sie in seiner Entourage halb spöttisch, halb ehrfürchtig von »Majestät«, wenn sie Middelhoff meinten.

Man darf dabei nicht übersehen: Bei Bertelsmann wie auch bei Arcandor hatte Middelhoff exzellente strategische Einfälle. Als er den Handelskonzern übernahm, war der Konzern schon fast pleite. Middelhoff ist es gelungen, das Unternehmen weitgehend zu entschulden, und danach hat der von ihm betriebene Ausbau des Touristikgeschäfts die Verluste aus dem traditionellen Handelsgeschäft lange Zeit aufgefangen.

Leser-Kommentare
    • Slink
    • 17.06.2009 um 17:49 Uhr

    "Passt nicht in's Bild" schließt der Autor...
    Genau das ist das Problem: welches Bild hatten/haben wir von diesen Kapitänen wie Schrempp/Zumwinkel/Middelhoff/Ackermann/Piech/... >> das Bild das uns einerseits die Medien und PR-Abteilungen suggeriert haben, von den mächtigen und genialen Ikonen der Zeit und andererseits, das wir uns im stillen vielleicht selbst gewünscht haben, von omnipotenten Führern, die uns sicher durch unsichere und komplizierte Zeiten geleiten. Jetzt zeigt sich allzudeutlich: der Personenkult ging nach hinten los, weil zuviel Macht auf eine Person konzentriert wurde und die Aufsicht in den Konzernen in Wirklichkeit nicht funktioniert, lediglich eine Alibifunktion hat.
    Ich finde es geht nicht um schuldhafte Untreue oder Unschuld, auch wenn das das einzig juristisch relevante Regress-Mittel sei. Es geht um Verantwortung. Und Verantwortung will von diesen Überfliegern hinterher komischerweise keiner übernehmen, obwohl sie genau dafür ungehörig viel Geld eingestrichen haben, während die Arbeiter jahrelang zur Löhnmäßigung ermahnt wurden. Und auch die Aufsichtsräte, einschließlich Gewerkschaften, sind stets unschuldig wie Lämmer. Echt schwach!

  1. Die wesentliche Frage bei Arcandor richtet sich nicht darauf warum der Konzern in der Insolvenz gelandet ist sodern "Warum SO LANGE IN DIE FALSCHE RICHTUNG gesteuert werden konnte.

    Nun dürfen sich alle Wirtschaftjournalisten und "Experten" an der Personalie Middelhoff abarbeiten.

    Vergessen sind die Kleinanleger, die Mitarbeiter, die Lieferanten, die vielen Gläubiger, die Leidtragenden des Schmierenstücks um die Traditionsmarken Quelle und Karstadt.

    Es ist sicher kein Zufall, daß sich die Medienspezialisten von Bertelsmann sich von dem Medienstar Middelhoff getrennt haben. Wer weiß, ob es Bertelsmann noch gäbe. Mit der allgemeinen Wirtschaftskrise dürfte das Schicksal von Arcandor wenig zu tun haben.

    Es ist keine Entschuldigung, daß Arcandor schon in Schwierigkeiten war als Middelhof die Führung übernahm.

    Die Veräußerungs- und Rückmietungsgeschäfte sind merkwürdig. Die Begründung ist betriebswirtschaftlich nicht vermittelbar. Die Veräußerung betriebsnotwendigen Vermögens, das zurück gemietet wird, gibt zu eindeutigen Vermutungen Anlaß.

    Angesichts des angerichteten Schadens wirken Ehrenerklärungen lächerlich.

    Den Gläubigern und Mitarbeitern, die in ihrer Existenz bedroht sind, mögen diese Erklärungen wie Hohn vorkommen.

    Das deutsche Aktienrecht muß im Hinblick auf die Verantwortung von Vorständen und Aufsichtsräten dringend überarbeitet werden. Die hohen Gehälter der Vorstände sind nur mit ihrer Verantwortung erklärbar.

    Wer übernimmt jetzt die Verantwortung für den angerichteten Scherbenhaufen???

  2. Das Grundvertrauen in Top-Manager ist defintiv aufgebraucht.
    Und ob der Herr Middelhoff seine Beteiligungen an den Immobilienfonds von vornherein offen legt oder nicht, ist doch vollkommen egal. Er ist in seiner Position dazu verpflichtet die besten Konditionen für Arcandor/Karstadt heraus zu schlagen.
    Bei den Miet-Verhandlungen wäre ich gerne dabei gewesen. Muss spannend sein wenn Middelhoff mit Middelhoff verhandelt.

    Dass die ganze Angelegenheit für Tausende Euro durch Unternehmens-Berater geprüft wurde und die da einen Haken drunter gesetzt haben, ist doch auch Wurscht mit Anlauf.

    Das ist doch wieder das alte Spiel: da wird ein Haufen Kohle in die Prüfung eines Sachverhalts investiert, um bloß kein Misstrauen aufkommen zu lassen.

  3. ..." vor den Trümmern seines Wirkens."

    Dem ist wahrlich nichts mehr hinzuzufügen.

    Halt, doch noch etwas:

    M. engagiert sich sehr für CG (Corporate Governance) in D.land mit dem Ziel einer "deutlichen Professionalisierung"
    .
    Dabei geht es vor allem um verantwortungsvolle und zielgerichtete Führung und Überwachung von Unternehmen.

    Passt schon.

    • Mocaer
    • 17.06.2009 um 19:31 Uhr

    Es ist in Deutschland 17 mal schwerer von "unten" nach "oben" zu gelangen. Einfach ist es, wenn man schon immer oben war und das old boys network einen kräftig beim "vorwärtskommen" hilft. TM gehörte schon immer zum Establishment auch das hilft bei der Beurteilung seiner ach so kongenialen Karriere.

    Kluge Manager, die ihn erlebt haben, waren schon vor Jahren über den ganzen Hype um seine Person überrascht. Sie haben ihn als unfähig beschrieben und als solcher hat er sich zum Schaden - mal wieder "der anderen" - auch herausgestellt.

    Wer stoppt diese Form von Ungerechtigkeit gepaart mit unverschämter Beharrung am alten und an einer derart verwahrlosten Auffassung von Verantwortung, dass dem anständigen Bürger speiübel wird?

    Und wer zieht diese Herren endlich auf eine Art zur Verantwortung, dass es ihnen weh tut, also Beteiligung am Verlust und nicht immer nur am Gewinn selbst wenn gar keiner erwirtschaftet wird oder wurde?

    Zustände wie im alten Rom!

  4. Zu Ihrer Frage wer die Verantwortung übernimmt: Leider keiner, so traurig es auch für alle Beteiligten ist... Nach dem Motto: Die Großen lässt man laufen, bzw. mit hohen Abfindungen gehen, die Kleinen dürfen nach Hartz IV, traurig aber wahr...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • HBogon
    • 18.06.2009 um 5:28 Uhr

    Sagt die Niete in Nadelstreifen zum (Noch-)Lohnarbeiter:

    Wir tragen die Verantwortung, ihr die Konsequenzen ...

    Der Begriff Verantwortung ist von dieser Kaste von Parasiten dermaßen missbraucht und sinnentleert worden, dass einem wirklich nur noch speiübel werden kann. Es sind ganz schlicht wieder feudale Zustände, in denen sich die oberen 10.000 in völlig rechtsfreien Räumen schrankenlos bedienen können.

    Wenn mein Eindruck nicht ganz täuscht, wacht Deutschland gerade etwas auf. Kindergärtnerinnen, Studenten, Gewerkschaften ....

    Merkel, das kann hoffentlich noch eng werden. Die Mauer in den Köpfen fällt gerade.

    • HBogon
    • 18.06.2009 um 5:28 Uhr

    Sagt die Niete in Nadelstreifen zum (Noch-)Lohnarbeiter:

    Wir tragen die Verantwortung, ihr die Konsequenzen ...

    Der Begriff Verantwortung ist von dieser Kaste von Parasiten dermaßen missbraucht und sinnentleert worden, dass einem wirklich nur noch speiübel werden kann. Es sind ganz schlicht wieder feudale Zustände, in denen sich die oberen 10.000 in völlig rechtsfreien Räumen schrankenlos bedienen können.

    Wenn mein Eindruck nicht ganz täuscht, wacht Deutschland gerade etwas auf. Kindergärtnerinnen, Studenten, Gewerkschaften ....

    Merkel, das kann hoffentlich noch eng werden. Die Mauer in den Köpfen fällt gerade.

  5. Mit Herrn Midelhoff steht schon der Richtige in der Schusslinie. Dabei geht aber
    völlig die Rolle der Sal. Oppenheim Bank unter. Als Vermögensberater von Frau Schickedanz, Teilhaber und Finanzier dieses Firmenkonglomerats Arcandor kann man davon ausgehen, daß für Oppenheim immer der eigene Vorteil Vorrang hatte - zuerst die Verschmelzung von Karstadt und Quelle, dann die Besicherung der Finanzierung, das Herausschneiden der Filetstücke mit Verteilung an die Platinkunden, die Plazierung von Herrn Middelhoff als Manager, und jetzt muß der Kadaver noch verteilt werden. Mit Thomas Cook als Perle ist man auf der sicheren Seite. Verlierer bei dem ganzen Spiel ist Frau Schickedanz - weil sie gutgläubig und unfähig war. Den diesen Leuten ging es nicht ein tragfähiges Konzept für Karstadt zu entwickeln, sondern wie bereichere ich mich an dem Vermögen unbedarfter Personen. Die Mitarbeiter waren darin nur Manövriermasse. Das Geld ist jetzt woanders.

  6. in meinen Augen alles Unsinn was darüber geschrieben wird. Es war in meinen Augen ein lange vorbereitetes und damit auch abgekartertes Spiel, was sich heute als Trümmer eines Lebenswerks entpuppt.

    Die Eigner haben zu einem gegebenen Zeitpunkt die Sachwerte = Immobilien und Grundstücke in einen Fond untergebracht, der ihnen selber gehört und hernach Mieten an diesen durchgedrückt, an dem derjenige - nämlich Middelhoff - selber beteiligt ist. Verloren ist damit gar nichts. Die Immobilien bleiben im Besitz der ursprünglichen Eigentümer, die Grundstücke ebenfalls. Was in Konkurs geht, ist die ausgehöhlte Repräsentanz einer Tradition, die im Angesicht geld- und profitgeiler Assozialer sich schon vor Zeiten überlebt hatte. Nur gemerkt hat es keiner.

    Das Lamento der Beschäftigten ist aus deren Sicht berechtigt. Die Abwälzung der Sozialkosten auf eine ohnehin durch Steuern und Abgaben gebeutelten Allgemeinheit und die Rettung der Aktiva ins englische Ausland kann jedoch nur eine Antwort haben: Enteignung der Eigner als pädagogische Maßnahme hinsichtlich des Umgangs mit Menschen. Aber diesbezüglich tummelt sich unsere politische Kaste ja ohnehin lieber im Licht des Geldes, das sie zwar nicht wählt, aber schönen Glanz abwirft.

    Die Entlarvung dieser Großkotze kommt leider zu spät. wie las ich einmal ...

    Politik ist die Kunst von den Reichen das Geld und von den Armen die Stimmen zu bekommen, unter dem Vorwand, die Einen vor den Anderen schützen zu wollen.

    Dem ist nichts hinzuzufügen meint ...

    Kuni

    Besser semiintellektuel als grenzdebil

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