Belletristik Liebe nach dem Tod
Natascha Wodin schreibt über ihren Mann Wolfgang Hilbig. Ursula Priess über ihren Vater Max Frisch. Darf man das?
Natascha Wodins Roman Nachtgeschwister, das neue Buch der 1945 in Nürnberg als Tochter ukrainischer Zwangsarbeiter geborenen deutschsprachigen Schriftstellerin, öffnet sich wie eine angelehnte Tür, die schon dem Druck einer Fingerspitze nachgibt. Wer sich im deutschen Literaturbetrieb auch nur ein bisschen auskennt, weiß, über wen und über was Natascha Wodin hier schreibt: über ihre Liebes- und Ehegeschichte mit dem Büchner-Preisträger Wolfgang Hilbig. Eine privat gedachte Geschichte. Sie wird hier öffentlich. Nicht durch einen Boulevardschnüffler, sondern durch eine anerkannte Autorin. Nur: Was begründet den Unterschied? Was leitet sich für Moral und Poetik autobiografischer Literatur daraus ab?
Wer dieses Buch besitzt, kann vom Lesesessel aus in Erfahrung bringen, dass die männliche Hauptfigur – unstrittig ein Abbild Wolfgang Hilbigs – eines Tages das Nachthemd seiner Gefährtin überzog, sich zu seinem eigenen Erstaunen darin pudelwohl fühlte und es tagelang anbehielt. Dass der im Leben wie im Buch aus der DDR stammende Dichter die Impotenz so lange herbeiredete, bis sie eintrat. Dass er nicht nur Literatur verfasste, sondern heimlich auch erotische Korrespondenzen mit allen möglichen Frauen. Wollen, sollen wir das wissen? Natascha Wodin ist eine scheue Schriftstellerin, vom Impuls, sich wichtig zu machen, eher zu viele als zu wenige Meilen entfernt. Was sie hier preisgibt, steht durchaus in sinnhaftem Bezug zum Gehalt des Romans: dem Psychopathologramm eines zeitgenössischen Schriftstellerpaares. Aber rechtfertigt dies die Preisgabe?
Ziemlich brenzlige Fragen also, von denen spätestens seit dem Jahr 2003, als die deutsche Literaturgeschichte einen Ausflug in die Justizgeschichte erlebte, Esra von Maxim Biller, Meere von Alban Nicolai Herbst verboten wurden, für die Literatur doch einiges abhängt. Nachtgeschwister von Natascha Wodin (Kunstmann Verlag, München 2009; 240 S., 18,90 €) ist nachgerade ein exemplarischer Fall der ästhetisch-moralischen Konfliktlage.
Die Geschichte, die der Roman erzählt, beginnt 1986. Kurz nachdem der Schriftsteller, im Roman Jakob Stumm, mit einem Jahresvisum aus der DDR in die Bundesrepublik kommt, lernt er eine Kollegin kennen, die ihn im Geist schon länger kennt. Eines Tages findet sie den Gedichtband eines ihr unbekannten Lyrikers. Sie liest und ist vom Blitz der Amour fou getroffen. Diese Zeilen ergreifen und meinen sie wie magische Zeichen und nichts zuvor. Die Anziehung, die sie erfasst, reicht über die Dichtung schlagartig hinaus und betrifft den Mann dahinter. Sie schreibt ihm, trifft ihn schließlich am Nürnberger Hauptbahnhof, sie verlässt ihren bisherigen Lebensgefährten. Die Geschichte währte in der Realität bis zur Scheidung des Paares Hilbig/Wodin im Jahr 2002. Sie war schicksalhaft und fatal, wechselvoll und beschädigend, beglückend und scheußlich, dazwischen auch ganz durchschnittlich. Aber das Dazwischen war wohl eher die Ausnahme, Dramatik die Regel – in dieser Liebe zweier höchst Schwieriger. Zweier, die sich als Außenseiter sahen. Zweier Autoren, denen auch in der Hölle, die sich zu bereiten sie imstande waren, immer ein Himmelszipfel blieb: die gegenseitige Achtung vor der Kunst des anderen.
Von alldem erzählt Natascha Wodin aus der Rückschau, so geradlinig wie schonungslos. Und es ist schwer vorstellbar, wie sie es anders, wie sie es mit den klassischen Manövern der Fiktionalisierung (Stumm wäre ein maler aus Marseille oder ein Internist aus Kopenhagen...) vermöchte, ohne dem Roman sein Zentrum, die heillos zwischen Faszination und Verachtung schwankende gegenseitige Ost-West-Projektion, die Gemeinsamkeit durch die Literatur und sein Streben zum literarisch Radikalen zu nehmen. Was Nachtgeschwister verdeutlicht, ist die Tatsache, dass der literarische Rang, der die erkennbare Verwendung von Realien und Realpersonen legitimiert (wie der Jurist Peter Raue in einem Kursbuch- Aufsatz vor ein paar Jahren ausführlich darlegte), nicht an notdürftigen, von jedem Kind durchschaubaren Kostümierungen hängt, sondern an literarischer Komplexität.
Der Roman tritt in der Tat als unverstelltes Porträt eines modernen Dichtermonstrums männlichen Geschlechts auf. Leben mit Jakob Stumm, alias Wolfgang Hilbig, hieß für die Romanerzählerin, alias Natascha Wodin, den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tag zu machen. Hieß, am Spätnachmittag einen komatös schlafenden, meist restalkoholisierten Mann wachzurütteln, der in jeder Hinsicht Chaos, ja Verwahrlosung um sich häufte und in der Hauptsache immer nur eines wollte: sich am frühen Abend an irgendeinen Küchentisch in der Wohnung irgendeiner Frau zu setzen, bis in die Morgenstunden dort zu hocken, zu schreiben, zu rauchen und sich ins Bett zu legen, wenn der Betrieb der Welt erwachte. Dem leicht anachronistischen Pathos dieser Künstlerexistenz, dieser verzehrenden Künstlerwildheit räumt der Roman durchaus Platz ein. Aber er erliegt ihm nicht, so wenig wie dem Selbstrausch der Erinnerung. Er besitzt eine, fast möchte man sagen: gesunde Nüchternheit. Gestützt auf literarische Intelligenz, auf eine souveräne vorwärtsdrängende und bohrende Schreibweise. Vor allem aber setzt Natascha Wodin das Innenszenario der Eifersuchtsorgien, Saufereien, Beschimpfungen und Liebesschwüre durchweg in Beziehung zum Außenraum ihrer Geschichte: zur politischen Kulisse einerseits, zur Kehrseite des Pathos, der Komik andererseits. Abgrund und Albernheit liegen hier eng beieinander.
Beispielhaft dafür ist jenes Kapitel, in dem Wodin eine psychosomatische Erkrankung ihrer Erzählerin schildert, ein lähmendes Rückenleiden. Je steiler es mit dem Erfolg des Schriftstellers Stumm/Hilbig in den neunziger Jahren bergauf geht, je stärker sie sich in die Rolle der Verwalterin dieses Erfolgs gedrängt sieht, desto tiefer geht es mit ihr buchstäblich bergab. Dann entdeckt sie für ihren steifen Leib eine praktikable, wenn auch skurrile Fortbewegungsart: Sie rutscht auf allen vieren durch die Wohnung, mit Handtüchern als Gleitern unter den Händen und Knien. Eine ergreifende und im besten Sinn lächerliche Allegorie der geschundenen Kreatur. Solche Ambivalenzen überlassen es dem Leser, in Nachtgeschwister wahlweise eine todernste Tragödie zu erkennen oder den psychischen Affenzirkus eines ungelüfteten Schriftstellerpärchens. Anders gesagt: Wodins Buch übt keinen suggestiven Zwang aus. Denn dieses Buch dient, in jeder Zeile spürbar, der Intention, sich von einem Zwang zu befreien. Es berichtet von der Entledigung einer Obsession und ist auch deshalb, als Beitrag zur modernen Kulturgeschichte des Obsessionellen, ein bedeutsames Buch.
Wie der Zufall es will, erscheint ein paar Wochen nach Wodins Nachtgeschwistern ein schmales Prosawerk, das als Paradebeispiel des Vergleichs dienen kann: Sturz durch alle Spiegel (Ammann Verlag, Zürich 2009; 168 S., 18,95 €) von Ursula Priess, der 1943 geborenen Tochter des Schriftstellers Max Frisch aus seiner ersten Ehe, die hier ebendies, den Fluch, ewig Kind eines weltberühmten Vaters zu sein, abarbeitet.
Zumindest auf den ersten Blick folgt der aus erinnernden Kindheits-, Jugend- und Erwachse-nenszenen passagenhaft locker gefügte, sprachlich suchende Text dieser Intention: aus dem überragenden Schatten des Schweizer Schriftstellers zu treten und sich eine gelöste Identität zu verschaffen. Auf den zweiten Blick sieht es anders aus. Ursula Priess macht sich auf eine peinigende, bisweilen nicht unpeinlich zu lesende Weise den Schatten zu eigen. Ihr Buch ist ein beklemmendes Beispiel ödipaler Mimikry. Dies aber liegt an der Mischung aus empirischer Direktheit – Max Frisch heißt hier Max Frisch, Ingeborg Bachmann heißt Ingeborg Bachmann – und verhüllender Fabulierung. Um die Gedächtnisstücke, die die heikle Beziehung der Tochter zum Vater betreffen und in der ersten Person Singular erzählt sind, liegt eine Rahmenhandlung, die sich aus der dritten Person Singular ergibt: Eine schon etwas ältere Frau, wohl mit dem »Ich« der Frisch-Tochter identisch, lernt einen ebenfalls älteren Mann kennen, telefoniert fast ein Jahr lang mit ihm, bis es schließlich zu einem romantischen Treffen in Venedig kommt. Die zart aufkeimende Affäre wird jäh erstickt, als sich der Verdacht einer verwandtschaftlich-amourösen Verwicklung immer mehr verstärkt. Denn bei dem Mann, der über venezianische Brücken spaziert, handelt es sich mit einiger Wahrscheinlichkeit um jenes Phantom, dessen unbeweisbare Existenz als heimlicher Ingeborg-Bachmann-Liebhaber Max Frisch vor Jahren in den Wahn der Eifersucht trieb.
Anders gesagt: Auf der symbolischen Ebene der Figurenanordnung rückt die Tochter an die Stelle Bachmanns. So erfüllt sich der Tochtertraum, dem Vater als Frau zu begegnen. Ein diffus rivalisierender Ehrgeiz, sich dem Schriftstellervater anzuverwandeln, prägt den gesamten literarischen Gestus des Buches. So bleibt bei diesem Sturz durch alle Spiegel der ungute Eindruck, hier würde reales, eine prominente Person betreffendes Material in ein Projekt undeutlicher Wahrheitserfindung eingespannt, die sich gleichzeitig als unbedingte Wahrheitsfindung ausgibt. Er, Frisch, lässt die Erzählerin uns zwischen den Zeilen wissen, hat das ja auch getan, in all seinen Büchern, er hat sich als Erster der Instrumentalisierung schuldig gemacht. Nur tragen Racheakte die Literatur nicht allzu weit.
Man kann zu Natascha Wodins Nachtgeschwistern auch eine andere, näherliegende Gegenprobe aufmachen. Im Jahr 2000 erschien Wolfgang Hilbigs Roman Das Provisorium, eine radikale, schaurig-komische Selbstdarstellung als komplett desorientierte Verwahrlosungsgestalt, als die der Dichter nach seiner Ausreise 1986 zwischen Ost und West herumtaumelte. In diese Lebensepoche fallen auch die ersten Jahre mit Natascha Wodin, die im Provisorium Hedda Rast heißt. Wer will, kann nun beide Bücher nebeneinanderlegen und vergleichen, wie das Paar Stumm/Rast, oder eben Hilbig/Wodin, die erste gemeinsame Liebesnacht aus zweierlei Sicht, in zweierlei Sprache beschreibt. Es könnte ein Hochamt des voyeuristischen Effekts sein. Und ist es nicht. Um es mal einfach zu sagen: Die beiden Autoren schreiben einfach zu gut. Aus dem Rang ihrer Beschreibungskunst ergibt sich die Mitteilung an den Leser, dass hier, in der literarischen Form, die Sensation zu finden ist. Und die Erkenntnis, dass auch Dichter Sex haben, allein beileibe keine ist.
- Datum 20.06.2009 - 00:34 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.06.2009 Nr. 26
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