Belletristik Liebe nach dem TodSeite 2/2
Wie der Zufall es will, erscheint ein paar Wochen nach Wodins Nachtgeschwistern ein schmales Prosawerk, das als Paradebeispiel des Vergleichs dienen kann: Sturz durch alle Spiegel (Ammann Verlag, Zürich 2009; 168 S., 18,95 €) von Ursula Priess, der 1943 geborenen Tochter des Schriftstellers Max Frisch aus seiner ersten Ehe, die hier ebendies, den Fluch, ewig Kind eines weltberühmten Vaters zu sein, abarbeitet.
Zumindest auf den ersten Blick folgt der aus erinnernden Kindheits-, Jugend- und Erwachse-nenszenen passagenhaft locker gefügte, sprachlich suchende Text dieser Intention: aus dem überragenden Schatten des Schweizer Schriftstellers zu treten und sich eine gelöste Identität zu verschaffen. Auf den zweiten Blick sieht es anders aus. Ursula Priess macht sich auf eine peinigende, bisweilen nicht unpeinlich zu lesende Weise den Schatten zu eigen. Ihr Buch ist ein beklemmendes Beispiel ödipaler Mimikry. Dies aber liegt an der Mischung aus empirischer Direktheit – Max Frisch heißt hier Max Frisch, Ingeborg Bachmann heißt Ingeborg Bachmann – und verhüllender Fabulierung. Um die Gedächtnisstücke, die die heikle Beziehung der Tochter zum Vater betreffen und in der ersten Person Singular erzählt sind, liegt eine Rahmenhandlung, die sich aus der dritten Person Singular ergibt: Eine schon etwas ältere Frau, wohl mit dem »Ich« der Frisch-Tochter identisch, lernt einen ebenfalls älteren Mann kennen, telefoniert fast ein Jahr lang mit ihm, bis es schließlich zu einem romantischen Treffen in Venedig kommt. Die zart aufkeimende Affäre wird jäh erstickt, als sich der Verdacht einer verwandtschaftlich-amourösen Verwicklung immer mehr verstärkt. Denn bei dem Mann, der über venezianische Brücken spaziert, handelt es sich mit einiger Wahrscheinlichkeit um jenes Phantom, dessen unbeweisbare Existenz als heimlicher Ingeborg-Bachmann-Liebhaber Max Frisch vor Jahren in den Wahn der Eifersucht trieb.
Anders gesagt: Auf der symbolischen Ebene der Figurenanordnung rückt die Tochter an die Stelle Bachmanns. So erfüllt sich der Tochtertraum, dem Vater als Frau zu begegnen. Ein diffus rivalisierender Ehrgeiz, sich dem Schriftstellervater anzuverwandeln, prägt den gesamten literarischen Gestus des Buches. So bleibt bei diesem Sturz durch alle Spiegel der ungute Eindruck, hier würde reales, eine prominente Person betreffendes Material in ein Projekt undeutlicher Wahrheitserfindung eingespannt, die sich gleichzeitig als unbedingte Wahrheitsfindung ausgibt. Er, Frisch, lässt die Erzählerin uns zwischen den Zeilen wissen, hat das ja auch getan, in all seinen Büchern, er hat sich als Erster der Instrumentalisierung schuldig gemacht. Nur tragen Racheakte die Literatur nicht allzu weit.
Man kann zu Natascha Wodins Nachtgeschwistern auch eine andere, näherliegende Gegenprobe aufmachen. Im Jahr 2000 erschien Wolfgang Hilbigs Roman Das Provisorium, eine radikale, schaurig-komische Selbstdarstellung als komplett desorientierte Verwahrlosungsgestalt, als die der Dichter nach seiner Ausreise 1986 zwischen Ost und West herumtaumelte. In diese Lebensepoche fallen auch die ersten Jahre mit Natascha Wodin, die im Provisorium Hedda Rast heißt. Wer will, kann nun beide Bücher nebeneinanderlegen und vergleichen, wie das Paar Stumm/Rast, oder eben Hilbig/Wodin, die erste gemeinsame Liebesnacht aus zweierlei Sicht, in zweierlei Sprache beschreibt. Es könnte ein Hochamt des voyeuristischen Effekts sein. Und ist es nicht. Um es mal einfach zu sagen: Die beiden Autoren schreiben einfach zu gut. Aus dem Rang ihrer Beschreibungskunst ergibt sich die Mitteilung an den Leser, dass hier, in der literarischen Form, die Sensation zu finden ist. Und die Erkenntnis, dass auch Dichter Sex haben, allein beileibe keine ist.
- Datum 20.06.2009 - 00:34 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.06.2009 Nr. 26
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