Klimapolitik in den USA Strom aus der Wüste

Der Umweltschützer Robert F. Kennedy jr. über Windenergie aus Texas, Kingsize-Kühlschränke und die neue amerikanische Klimaschutzpolitik

Die geriffelten Dünen zeigen: In der Wüste von Texas ist es windig. Deshalb lässt sich hier nicht nur Sonnenenergie sondern auch Windenergie nutzen

Die geriffelten Dünen zeigen: In der Wüste von Texas ist es windig. Deshalb lässt sich hier nicht nur Sonnenenergie sondern auch Windenergie nutzen

DIE ZEIT: Mr. Kennedy, auch in der Klimapolitik erhoffen sich Umweltschützer vom neuen Präsidenten Kennedyschen Reformeifer…

Robert Kennedy: Da erzähle ich Ihnen erst mal von einer faszinierenden Verbindung zwischen unseren Familien: Als mein Vater 1968 ermordet worden war, sandte meine Mutter uns ältere Kinder eine Zeit lang ins Ausland. Ich kam nach Kenia zu Tom Mboya, einem befreundeten Unabhängigkeitskämpfer und Gewerkschafter; er hatte mit meinem Onkel John F. Kennedy ein Stipendienprogramm für junge Kenianer aufgebaut. Als ich Barack Obama zum ersten Mal traf, fragte ich ihn, ob er Mboya vielleicht kenne. Seine Antwort: Klar, mein Vater war einer der ersten Stipendiaten; auch wegen dieses Ausbildungsprogramms bin ich Amerikaner geworden.

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ZEIT: Sind Sie trotz Obama-Begeisterung enttäuscht darüber, dass die neue US-amerikanische Regierung bei der jüngsten Etappe der globalen Klimaschutzverhandlungen in Bonn keine Führung zeigte?

Kennedy: Bei diesem internationalen Prozess bin ich ohnehin skeptisch. Nach meinem Eindruck nutzen wir ihn alle dazu, den dringend geforderten Wandel hinauszuzögern. Das Klimaschutzabkommen ist wichtig, aber egal, welcher Kompromiss am Ende beschlossen wird: Wenn wir die Erderwärmung wirklich aufhalten wollen, müssen wir die Energiewende in unseren Ländern um ein Vielfaches schneller hinkriegen.

ZEIT: Den Eindruck, dass diese Kraftanstrengung in den USA angemessen in Angriff genommen wird, hat man aber noch nicht. Im Land mit dem größten Pro-Kopf-Energieverbrauch der Welt leugnen Politiker zwar nicht mehr, dass es einen Klimawandel gibt. Aber jetzt feilschen sie um jeden konkreten Vorschlag.

Kennedy: Die Obama-Regierung hat sich den Abschied der amerikanischen Wirtschaft vom CO₂ ernsthaft auf die Fahnen geschrieben. Vor ein paar Wochen wurde ihr Energie- und Klimaschutzprogramm 600 Meinungsführern in Washington vorgestellt. Danach kam Carl Pope auf mich zu, der 25 Jahre lang Präsident des ältesten Naturschutzverbands Sierra Club war, und sagte: »Derart radikale Aussagen habe ich zuletzt bei den Anti-Bush-Demonstrationen gehört, kurz bevor uns die Polizei festnahm!« Die Dialektik der Entwicklung hat diese Revolution ermöglicht. Jetzt geht es darum: Wie kriegen wir das Projekt wirklich auf den Weg?

ZEIT: Das ist es ja. Im Kongress, der vielleicht schon nächste Woche über das Paket abstimmen wird, läuft die Kohlelobby dagegen Sturm.

Kennedy: Klar, die Hindernisse für Obama sind immens. Zum Beispiel: fast eine Billion Dollar pro Jahr, mit der die etablierten Energiequellen Kohle, Öl und Atom subventioniert werden.

ZEIT: Eine Billion? Kommen Sie da vielleicht mit den Nullen durcheinander?

Kennedy: Nicht, wenn man ehrlich rechnet. Wir vergessen immer die Kosten, die die Gesellschaft bezahlt: mindestens 100 Milliarden Dollar pro Jahr allein für den Schutz der Öltransporte durch den Golf. Die Mondlandschaften, welche die Kohleindustrie im amerikanischen Appalachengebirge mit seiner immensen Artenvielfalt hinterlässt. Ich zahle jährlich 30 Dollar für meinen Angelschein, aber in 19 Bundesstaaten sind die meisten Fische nicht mehr ruhigen Gewissens genießbar. Durch die Verbrennung fossiler Rohstoffe sterben etwa 60000 Amerikaner pro Jahr an den Folgen der Luftverschmutzung, dazu kommen Therapiekosten und ausgefallene Arbeitsstunden. Das soll unsere billigste Form der Energiegewinnung sein?

ZEIT: Immerhin profitiert die Gesellschaft von der fossil gewonnenen Energie. Vor allem: Was ist die Alternative?

Kennedy: Ich bin in den Aufsichtsräten mehrerer Green-Tech-Unternehmen, eines plant gerade ein 2,3-Gigawatt-Solarthermiekraftwerk in Südkalifornien. Es kostet etwa drei Fünftel des Aufwands für ein Atomkraftwerk und genauso viel wie ein Kohlekraftwerk. Aber während die alten Energien nach dem Bau weiterhin Kosten produzieren, auch um laufend neuen Brennstoff über Tausende von Kilometern herzuschaffen, haben wir die Elektronen für alle Zeit umsonst. Gut, dass Obama mit einem Emissionshandelssystem den Preis der Kohle verteuern und ehrlicher machen will!

ZEIT: Die Regeln für diesen Emissionshandel werden aber im Kongress gerade verwässert. Wie anfangs in Europa sollen die größten Verschmutzer womöglich 90 Prozent ihrer Zertifikate auf viele Jahre geschenkt bekommen. 17 der geplanten 20 Prozent Emissionsminderungen bis 2020 konnten die beiden Verhandlungsführer zwar retten, aber umstritten sind auch Vorschriften für die Energieeffizienz oder den Anteil Erneuerbarer Energien an der Versorgung.

Kennedy: Der Gegenwind im Kongress ist tatsächlich heftig; auch bei den Demokraten aus der Mitte des Landes, wo es viele Kohlekraftwerke gibt und der Umstieg auf Sonne, Wind und Geothermie als Gefahr für den eigenen Wohlstand erscheint. Womöglich wird das Paket in den Ausschüssen noch weiter ausgehöhlt.

ZEIT: Politisch noch weniger berechenbar ist dann der Senat…

Kennedy: Aber das ist kein Grund, den Kampf aufzugeben. Als mein Onkel John F. Kennedy im Jahr 1963 den Stopp der Atomtests durch den Senat bringen musste, wollten nur 18 von 82 Senatoren dafür stimmen. Dann ist der Präsident durchs Land gereist und hat mit der öffentlichen Meinung auch die Entscheidung gedreht.

ZEIT: Gibt es sie denn, die Klimaschutzdebatte? Zu George W. Bushs Zeiten haben Sie die USA eine »Desinformationsgesellschaft« genannt…

Kennedy: Viele Journalisten sind jetzt wieder kritischer. Ausgerechnet bei Obama machen sie wieder ihren Job, nachdem sie vorher wie eine Karaokegruppe Bushs Lieder nachgesungen haben. Aber das Problem geht ja tiefer: Die ganze Zeitungsindustrie droht gerade den Bach hinunterzugehen, und keiner weiß, wer etwa einen Schiedsrichter der Wahrheit wie die New York Times zukünftig ersetzen soll. Das Internet? Die Informationen sind oft zweifelhaft, und viele Leute lassen sich nur ihre Vorurteile bestätigen. Die elektronischen Medien zielen bloß auf den Reptilienanteil unseres Gehirns, der auf Sex und Klatsch anspringt. Amerika ist dauerunterhalten, aber katastrophal informiert. Eine erschreckende Entwicklung für unsere Demokratie.

ZEIT: In der Finanz- und Wirtschaftskrise haben viele Amerikaner aber ganz andere Probleme. Bedrückt es Sie, dass das Thema Klimaschutz, zwei Jahre nachdem es ganz oben auf der Agenda stand, mittlerweile in Umfragen weit hinten rangiert?

Kennedy: Ich glaube nicht, dass das die Realität spiegelt. Die Leute verstehen das immer besser: Wir brauchen eine neue Industrie, die uns aus der Flaute wieder herausholt; wir müssen Wirtschaft und Klimaschutz zusammenbringen, um neue Jobs zu schaffen.

ZEIT: Wie aber kann sich ein derart verschuldetes Land das Umsteuern leisten?

Kennedy: Wir müssen uns erst mal die Relationen bewusst machen: Jedes Jahr leihen wir uns Hunderte Milliarden Dollar bei Staaten aus, die unsere Werte nicht teilen, um Hunderte Milliarden für den Import von Erdöl auszugeben. Etwa 700 Milliarden Dollar pro Jahr stünden uns zur Verfügung, wenn wir uns vom Öl befreien würden. Diese Zahl ist den Amerikanern gerade sehr vertraut, denn genauso viel haben wir den Gaunern in der Wall Street in die Hand gedrückt.

ZEIT: Geht das so locker: Kingsize-Kühlschränke und Klimaanlagen ohne Erdöl und Kohle?

Kennedy: Allein in unseren abgelegenen Wüsten könnte man die gesamte elektrische Energie produzieren, die wir brauchen, oder mit Windstrom aus Norddakota, Texas und Montana. Die Bauern dort würden auch gerne riesige Windfarmen errichten. Aber derzeit kriegen sie ihren Strom nicht auf den Markt. Das ist Obamas zweites großes Hindernis: unser veraltetes, über 50 Bundesstaaten und zig Energieversorger verteiltes Stromnetz mit seinen byzantinischen Zugangsregeln. Der Staat muss 150 Milliarden Dollar in ein intelligentes nationales Netz investieren, das jeden Amerikaner erreicht, sodass er sich Strom herausholen oder welchen einspeisen kann, von seiner Fotovoltaikanlage oder aus seinem Elektroauto. Aber etwas Ähnliches haben wir schließlich schon mal hingekriegt.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Kennedy: 1979 haben wir begonnen, Datenübertragungsleitungen bis zu jedem Haus zu legen. Damals erschien das utopisch, bei IBM winkten sie ab: Der Personal Computer ist eine Sackgasse. Heute hat jeder Amerikaner PC und Internet, es ist laufend billiger geworden, sich zu informieren und zu telefonieren. Das Gleiche wird mit Elektronen passieren.

ZEIT: Sie informieren sich in Deutschland über das Erneuerbare Energien-Gesetz. Planen die USA Ähnliches?

Kennedy: Wir Umweltverbände machen Druck dafür, denn in Deutschland hat das Einspeisungsgesetz für Klimaschutz und Technologieentwicklung bisher offenbar am meisten gebracht. In den Bundesstaaten könnte es schneller gehen als im Kongress; einige Gouverneure sind da schon vorgeprescht. Nur sind die Fördersysteme in den USA kaum durchschaubar. Mein eigenes Haus in Mount Kisco zum Beispiel ist eigentlich eine Art Kraftwerk, wir haben Geothermie, Fotovoltaik, eine Windkraftanlage und im Keller einen Akku zum Speichern. Für alles gäbe es auch Rabatte oder Steueranreize, aber um die zu kapieren, müsste man ein Genie sein! Vielleicht können wir von Deutschland lernen, wie man es besser macht.

ZEIT: Sie kämpfen vor allem für den Gewässerschutz. Was genau tut die Waterkeeper Alliance, die Sie gegründet haben?

Kennedy: Das ist ein Zusammenschluss vieler kleiner Gruppen, deren Patrouillenboote auf den Flüssen Amerikas und in aller Welt unterwegs sind. Wenn wir Verschmutzer erwischen, dann führen wir Prozesse und setzen damit manchmal neues Recht.

ZEIT: Ihr Lieblingsgegner scheint die Schweinefleischindustrie zu sein, seit Jahren liegen Sie mit einem der amerikanischen Marktführer im Clinch. Warum gerade die Speckbarone?

Kennedy: Deren Fleischmengen kann man nur so billig produzieren, wenn die Ausscheidungen gigantischer Tierfabriken im Wasser landen. Oft ist dann Korruption lokaler Politiker und Behörden im Spiel. Wo die Umwelt zerstört wird, da wird meist auch die Demokratie untergraben.

Das Gespräch führte Christiane Grefe

 
Leser-Kommentare
    • PhilN
    • 22.06.2009 um 10:31 Uhr

    Wieso kauft man sich eigentlich noch die Zeit um die gleichen Artikel vier Tage spaeter bereits im Internet zu finden. Der derzeitigen Ausgabe liegt doch ein Dossier ueber die Probleme der NYT bei. Vielleicht sollte man daraus lernen und nicht ebenfalls alles unmittelbar kostenlos zur Verfuegung stellen.

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    Warum bringt man nicht ein kostenpflichtiges aber dafür vollständiges Onlineabo heraus?
    Ich wär der erst der dafür zahlt.

    Warum bringt man nicht ein kostenpflichtiges aber dafür vollständiges Onlineabo heraus?
    Ich wär der erst der dafür zahlt.

  1. 2. Oder:

    Warum bringt man nicht ein kostenpflichtiges aber dafür vollständiges Onlineabo heraus?
    Ich wär der erst der dafür zahlt.

    Antwort auf "Wieso kauft man sich"

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