Ostseefjord Schlei: Die Tour de Torte
Am Ostseefjord Schlei backen die Landfrauen für ihre Gäste. Eine Radwanderung gegen den Wind und mit zunehmender Schwerkraft
Die Schleswiger Tortenschlacht wogt seit einem knappen viertel Jahrhundert im deutschen Norden. Jeden Sonntagnachmittag und gerne auch unter der Woche greift man zwischen Ostsee und Schlei zu den Kuchengabeln und macht sie alle nieder: Herrentorte und Bienenstich, Kirschstreusel, Käsesahne und Rhabarber-Baiser, Trümmertorte, Mohn-Eierlikör, süß bestäubte Maulwurfshaufen, Buttercreme und Buttermandel. Austragungsort sind die ländlichen Cafés, die rund um den Ostseefjord Schlei in ungewöhnlich hoher Dichte vorkommen, wie das regionale Magazin Mohltied – auf hochdeutsch Mahlzeit – ermittelt hat: Cafés unter Reetdächern, in Dielen, ehemaligen Kuhställen und Armenhäusern; Gartentische und Stühle unter Apfelbäumen und Rosenbögen, Butterkuchenduft aus blauen Fenstern. Hinter jeder Rührschüssel steht eine Frau, die die Ausschreitungen lächelnd befördert, und dabei selbst aussieht, als lebte sie von Rettich und Spinat. Wo kommen alle diese Cafés her? Was treibt die Schleswiger Tortenheber hinein und die Landfrauen zu ihren extravaganten Kreationen? Und vor allem: Wie schmeckt’s?
Die Pflicht der Recherche gebietet, die Zuckerbäckerinnen vor Ort zu befragen und einen repräsentativen Anteil der Erzeugnisse zu kosten; die Selbstachtung, diese Reise mit dem Rad zu unternehmen: von Schleswig das Nordufer der Schlei entlang bis zur Geltinger Bucht und auf südlicher Route wieder zurück, vier Tage, zwölf Cafés.
Vor dem Start wird jedoch noch ein wenig kulturhistorische Hintergrundinformation gesammelt; nicht im Café, sondern in Schloss Gottorf in Schleswig. Herzog Friedrich III. hatte im barocken Garten einen kunstreichen Riesen-Erdball in einem eigenen Zwiebelturmschlösschen installieren lassen. Heute steht dort ein Nachfolgemodell. Von außen zeigt der Globus die Erde, wie man sie vor 350 Jahren kannte. Steigt man durch eine Luke im Südkontinent hinein, wölbt sich im Innern der gestirnte Himmel. Ein Lakai mit Kurbel konnte das Universum samt dem mythologischen Personal in Schwung setzen. Heute tut es ein Elektromotor. Der Eindruck ist überwältigend: Kassiopeia, Andromeda und große Bärin, Schütze, Löwe und Herkules umkreisen den Betrachter, stramme Waden, feiste Oberarme, gewaltige Hinterschinken. Schon im Barock wusste man um die Wirkung von Zucker und Schmalz. Und damals wie heute gab man in diesem Teil der Welt keinen Pfifferling um die Erkenntnis. Doch nun aufs Rad und über die steinharten Kommissbrote des Bollerpflasters zur Stadt hinaus zum ersten Testfall.
Der Wind kommt von vorn; das ist so, wenn man auf die Ostsee zuradelt. Rund 30 Kilometer von Schleswig bis Kappeln zieht sich der Fjord, mal kilometerbreit, mal eng wie ein Flaschenhals, mit Schilffeldern am Ufer und Bootsstegen darüber hinaus. Flieder- und Weißdornhecken legen Duftschranken über den Weg. Auch der Raps blüht. Seine gelben Felder leuchten unter dem grauen Himmel, als scheine die Sonne von unten nach oben; Monokultur als ländliche Schönheit, wie die endlose Gerste, über die der Wind streicht und ihr grünes Haar verwuschelt; wie die Kiesfelder vor den Gutshöfen, auf die prachtvolle Lindenalleen zuführen. Im Himmel drehen sich die weißen Sterne der Windräder. Man ahnte es; hier ist alles großrahmig.
Im Café Krog in Ulsnis sind die Tische im Garten hinter dem Haus gedeckt, aber niemand sitzt unter den Bäumen. Das ZDF ist da und dreht ein weiteres Stück vom Landarzt, der im Vorabendprogramm im fiktiven Deekelsen praktiziert, eine Adresse, hinter der Ortskundige Herrenhäuser, Kirchen und Katen an der Schlei erkennen. Nun also auch das Café Krog, ein grün bewachsenes altes Backsteinhaus weit weg vom Dorfrand. Jenseits der Felder blitzt die Schlei durchs Gebüsch. Rosa, gelbe, lindgrüne und schokoladenbraune Bomben mit Sahnehaubitzchen stehen dreistöckig in der Glastheke, Lübecker Marzipantorte, Mohn-Stachelbeer-Torte mit Eierlikör, Joghurt-Schmand-Torte – genau das, was der Landarzt verschrieben hätte. Aber unter den medialen Umständen pedalen wir weiter, Richtung Westen zum Café Kranz in Koppelheck. Hier wird besonders der Blechkuchen gelobt, für den Lutz-Henning Walter zuständig ist. Frau Walter bäckt die Torten. Bitte einmal Mohn mit Mandelsplitter.
Bevor der Mann mit dem grauen Schnauzer Kuchenbäcker wurde, war er Grafikdesigner, aber als ihm und seiner Frau Gabriele angeboten wurde, das Haus zu übernehmen, das früher als Kaufladen und Kneipe mit Tanzboden diente, empfanden beide es als »schieren Wahnsinn, dass man das machen darf«. In ihrem Café sieht es aus wie früher am Sonntag auf dem Dorf: Die würdigen alten Möbel glänzen, das gute Porzellan ist aufgetragen, die weißen Gardinen wehen im Frühlingswind. Sonntagnachmittag machen sich die Koppelhecker auch noch richtig fein, ehe sie in die Tortenschlacht ziehen. Die Walters sind gerüstet: »Zwei Kilo Obst auf den Tortenboden« und zehn statt zwölf Stücke aus jeder Springform schneiden. Das ist interessant. Bitte einmal Himbeersahne in ortsüblicher Größe. Der Wind hat aufgefrischt. Er kommt noch immer von vorn.
Dass an der Schlei die Zeit stehen geblieben sei, ist natürlich eine Fabrikation, die Erfindung des Städters, der sich hier vor Krach und Feinstaub in Sicherheit gebracht hat. In den niedlichen Katen, die sich das igelgraue Dach über die Ohren gezogen haben, scheint sich der Traum vom Leben ohne die üblichen Zumutungen zu erfüllen. Wo früher Mensch und Vieh in Mief und Kälte zusammen hausten, ist heute die Heimat der Häkelgardine und des handgetöpferten Namensschilds, und in den Puppenstuben hinter den kleinen Fenstern möchte man wieder Kind sein bei Tand und Kuchen.
Der 150 Jahre alte Reetdachhof in Falshöft bei Nieby war lange das Ferienhaus der Familie Schulke aus Bremen, bis sie sich entschloss, ganz in das Dörfchen zu ziehen, in dem es Hausnummern, aber keine Straßennamen gibt. Rosa Clematis umbuscht den Backstein, ein gepflasterter Weg führt zwischen Blumenrabatten zum Eingang des Cafés Lichthof. Sphärenmusik weht durch die Zimmerchen, Feldblumensträuße stehen auf den Tischen. Die Hausherrin ist sehr groß, sehr schmal, ganz in Schwarz mit etwas Rot. Neben dem Café leitet sie eine Praxis für Schmerz-Selbsthilfe, arbeitet als Rückenschullehrerin, Gehirntrainerin, Ernährungsberaterin und »Flüsterin für Lebens- und Trauerbegleitung«. Wie sich ihre Aktivitäten unter einen Hut bringen lassen? Sehr leicht. Im Lichthof verbinde sich das Erdische mit dem Kosmischen. Gebacken wird mit heimischen Erzeugnissen, Buchweizen, Hafer und Dinkel, auch glutenfrei oder vegan. Jeder Gast spüre das Besondere dieses Ortes, seine guten Schwingungen. Besonders gut ist, dass man drei verschiedene kleine Stücke auf einem Teller zum Probieren bestellen kann, Eierlikörkuchen mit roter Grütze, Buchweizentorte mit Stachelbeeren und Quark-Mohn-Kuchen. Alles schmeckt köstlich, wenn auch nicht ausgesprochen kosmisch, aber nun müssen wir weiter zu Janbecks nach Gelting.






Gut dass, mal über diese schöne, aber etwas abgelegene Gegend berichtet wird, und wenn es auch nur um Kaffee und Kuchen geht!
Die Landschaften nördlich und südlich der Schlei, welche als "Fjord" zu bezeichnen etwas übertrieben ist - schon "Förde" wäre eine Nummer zu groß - heißen "Angeln" und "Schwansen"; die angelner Tortenschlacht war schon zu meiner Kinderzeit in den 50er Jahren sprichwörtlich - wahrscheinlich ist diese Tradition sehr viel älter.
Allerdings wird sie möglicherweise noch von der jütischen Kaffeetafel im angrenzenden Dänemark übertroffen ... (Volkskundler fragen, oder Siegfried Lenz!).
Statt "erdisch" würde ich in Zukunft "irdisch" vorschlagen.
Der Wind weht bekanntlich beim Radfahren immer von vorne - trotzdem herrschen in dieser Gegend Westwinde vor.
Ansonsten gibt es von Flensburg über Schleswig bis Rendsburg und ostwärts nach Kappeln und Eckernförde viel interessantes zu entdecken: so z.B. das Wikingermuseum von Haithabu, und das Nydamboot im Museum Schloss Gottorf.
[Entfernt, bitte verzichten Sie in diesem Rahmen auf kommerzielle Werbung. Danke. /Die Redaktion pt.]
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