Russland

Aufgeklärte Autokraten, vorzeitliche Diktatoren

Ein aufstrebendes asiatisches Bündnis - die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit - vereint die Rivalen des Westens. Doch Russland und China haben ganz verschiedene Interessen

Unterschiedliche Gestik - unterschiedliche Ziele: Russlands Premier Putin und Chinas Parteichef Hu (August 2008)

Unterschiedliche Gestik - unterschiedliche Ziele: Russlands Premier Putin und Chinas Parteichef Hu (August 2008)

Gipfeltreffen – einmal ganz anders. Wenn sich westliche Staats- und Regierungschefs untereinander oder mit Kollegen aus anderen Weltgegenden treffen, wenn große internationale Konferenzen stattfinden, dann kann man sich als Journalist vor Betreuung, Informationsangebot und mehr oder weniger subtiler Aufmerksamkeitssteuerung kaum retten. Was stattfindet, ist nicht nur Politik, sondern auch Theater, und die Medien vertreten das Publikum.

Nicht so in der Welt der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ). Als sich die Präsidenten der Mitgliedsstaaten jetzt im russischen Jekaterinburg zum Gipfeltreffen versammelten, boten sie den Journalisten kaum mehr als ein paar Pressekonferenzen und folgenlose Verlautbarungen. Nicht einmal magere Informationshappen im hastigen Korridorgespräch mit einem Delegationssprecher fallen ab. Die Präsidenten der zentralasiatischen Mitgliedsländer Kasachstan, Tadschikistan, Kirgistan und Usbekistan zogen sich mit ihrer Beraterschar nach den Verhandlungsrunden in die abgesperrten Hotels zurück. Dass die Delegation aus Peking überhaupt eine Pressekonferenz abhielt, erschien als so überraschende Offenheit, dass eine chinesische Korrespondentin ihre Außenpolitiker sogleich verwundert fragte, was denn bei solcher Pressepolitik in Zukunft noch alles zu erwarten sei. Was ist das für eine Organisation, die sich so wenig um die Regeln der Mediengesellschaft schert – obwohl manche Beobachter in ihr ein kommendes Machtzentrum des 21. Jahrhunderts sehen?

Obama hat die Starre der Konfrontation gelockert

Es ist eine seltsame Herrscherschar, die sich als Gast des russischen Präsidenten Dmitrij Medwedjew versammelte: aufgeklärte Autokraten und vorzeitliche Diktatoren mit einem Hang zur lebenslangen Herrschaft und politischen Dynastienbildung. Dazu stieß als Beobachter der iranische Präsident Mahmud Ahmadineschad, dessen zweifelhafter Wahlerfolg mit anschließenden Demonstrationen in Teheran in der Nacht zuvor Menschenleben gefordert hatte. Als sich die Teilnehmer zum Abschlussfoto auf der Bühne versammelten, schien eine antiwestliche Phalanx in Stellung zu gehen, geprägt von Feindseligkeit gegen die Vereinigten Staaten oder zumindest der Ablehnung eines allzu starken Amerika. Es gibt strategische Analysen, in denen die SOZ wie eine Anti-Nato erscheint, eine Gegenmacht östlicher Potentaten. Welche Ziele halten ihre Mitgliedsländer wirklich zusammen?

Die Shanghaier Organisation deckt eine Weltregion ab, in der sich tatsächlich die Interessen Chinas und Russlands mit denen der USA, Europas und regionaler Mächte überschneiden. Zentralasien, umgeben von Atommächten und bei den Rohstoffen Energie und Baumwolle ein globaler Wirtschaftsfaktor, ist Schauplatz eines neuen »Great Game«, wie im 19. Jahrhundert die Rivalität der Großmächte Russland und Großbritannien genannt wurde – derzeit in Light-Version. Denn Präsident Barack Obama hat vorerst die Starre der geopolitischen Konfrontation in Asien gelöst. Die Großmächte wissen, dass keine von ihnen hier dominieren kann.

Der SOZ geht es vor allem um eine Ausbalancierung der Einflussmächte. Interessen, nicht Werte stehen für ihre Mitgliedsländer und namentlich deren Führer im Mittelpunkt. »Bei der SOZ spielen die regionale Nachbarschaft und gemeinsame Probleme die wichtige Rolle«, sagt der Chefredakteur der Zeitschrift Russland in der globalen Politik, Fjodor Lukjanow. »Wenn es überhaupt einen gemeinsamen Wert gibt, dann ist es die Nichteinmischung in die Angelegenheiten der anderen.« Die Achtung der Souveränität und territorialen Einheit zählt zu den Grundvokabeln jeder SOZ-Rede, als ob sich die Mitglieder noch ein wenig voreinander fürchteten. Die propagierte Multipolarität gilt nicht nur den USA. Sie soll zugleich andere Mitgliedsstaaten in Schach halten.

Denn die SOZ ist ein Bündnis der nur schwer Vereinbaren, allen voran von China und Russland. Beide Großmächte teilen aus der globalen Perspektive viele Interessen: Sie wollen Zentralasien stabilisieren, den amerikanischen Einfluss begrenzen und militante Islamisten und abtrünnige Völker wie die Uiguren in China unter Kontrolle halten. Aber in den Mikrozielen und bei den eigenen Fähigkeiten stehen China und Russland einander trotz aller Annäherung denkbar fern. »Die Politik, die Interessen und die Entwicklung Russlands und Chinas sind geradezu entgegengesetzt«, erklärt Lukjanow. »Höchstens die Abwesenheit des klassischen westlichen Demokratiemodells vereint sie. In China ist das Wirtschaftswachstum Resultat der harten, autoritären Führung. In Russland sind die autoritären Tendenzen dagegen eine Folge des Wachstums und der Notwendigkeit, die Öleinkünfte gezielt zu verteilen.«

China sucht stabile Energielieferungen, während Russland noch der Hegemonie in Zentralasien nachhängt und im alten Stil ein Gegengewicht zum Westen schmiedet. Nachdem Moskau in den Anfangsjahren der SOZ noch zur führenden Macht aufsteigen wollte, hat sich die Balance mittlerweile zu Pekings Gunsten verschoben. Mit Chinas Wirtschaftskraft und Kapitalvermögen, aus dem es auf dem Gipfeltreffen zehn Milliarden Dollar als Hilfe für die zentralasiatischen Länder versprach, kann Russland nicht mithalten. Moskau büßte seine letzten Hoffnungen auf einen steuerbaren eurasischen Machtblock auf dem SOZ-Gipfel vor knapp einem Jahr ein, als sich China weigerte, die Unabhängigkeit der abtrünnigen georgischen Republiken Südossetien und Abchasien anzuerkennen. China sieht sich als Zweckpartner Russlands, nicht als sein Alliierter. Für Moskau wird die SOZ so immer mehr zum Regelwerk, das der Eindämmung Chinas in Zentralasien dient.

Für Pekings Außenpolitiker ist die Shanghaier Organisation nur eine von vielen Bühnen für ihren globalen Auftritt in Samtschuhen. Im 600-seitigen Wälzer zu Chinas Außenpolitik 2008 , den die chinesische Delegation an Journalisten verteilte, füllt die SOZ weit hinter der Europäischen Union und der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation kaum mehr als eine Seite aus. So viel Platz nimmt auch der Text zu den bilateralen Beziehungen mit Montenegro ein. Während sich das russische Fernsehen in Jekaterinburg an der Feststellung erfreute, dass die Welt zuhören müsse, wenn Russland und China etwas sagten, bevorzugten die Chinesen fernöstliches Understatement. Sie verschmolzen die aufeinanderfolgenden Gipfel der Shanghaier Organisation und der BRIC-Staaten, zu denen neben China und Russland noch Indien und Brasilien zählen, zu einem Überthema: der Wirtschaftskrise. Die Reform des internationalen Finanzsystems, neue Handelskorridore in Asien und der freie Warenverkehr zählten die chinesischen Diplomaten nicht in herausgepressten Kampfparolen, sondern in sanftem Ton auf, um die USA nicht zu sehr aufzuschrecken. Für die Überwindung der Wirtschaftskrise wird der Westen gebraucht.

Das politisch-militärische Gewicht, das Russland so wichtig ist, spielt für China eine untergeordnete Rolle. Russland hat mehrfach versucht, die SOZ zu einem Militärpakt auszubauen. Aber auf seine militärischen Konzeptentwürfe haben die meisten Mitgliedsländer erst gar nicht geantwortet. China erklärte sich höchstens zu harmlosen Antiterrorübungen bereit, die Russland als Trostpflaster wie eine Verkaufsausstellung seiner Waffenindustrie nutzen konnte. Russische Zeitungen riefen nach dem gemeinsamen Manöver im Gebiet von Tscheljabinsk im August 2007 zwar eine »Anti-Nato« aus. Aber russische und chinesische Offiziere betrachten einander weiterhin mit Misstrauen und fürchten, zum Juniorpartner des je anderen degradiert zu werden.

Auch die zentralasiatischen Staaten verfolgen widersprüchliche Ziele mit ihrer SOZ-Mitgliedschaft. Ihnen fehlt eine gemeinsame Identität. Sie haben keine historischen Vorläufer in ihren Grenzen, die die Sowjetmacht willkürlich zog. Deshalb verteidigen sie sich empfindsam gegen jede Einschränkung ihrer Souveränität, was der SOZ auch kleine Vollmachten verwehrt. Untereinander pflegen sie Rivalitäten wie Kasachstan und Usbekistan, die sich den Rang der Regionalmacht streitig machen, und verfolgen ihre Lieblingsthemen: Kasachstan sieht in den USA und der Nato mögliche Partner und sichert seine Energiemärkte, während Usbekistan zwischen West und Ost pendelt und sich um die Wasserversorgung durch die Nachbarländer sorgt.

Ihre unterschiedlichen Interessen schwächen die Länder, die doch längst die globale Agenda mitbestimmen. Ein neues, östliches Weltmodell konnten sie auch in Jekaterinburg nicht präsentieren. Noch eint sie vor allem der Wunsch, mithilfe von Organisationen wie der SOZ die innere Macht ihrer Regime zu sichern. Dass der Kampf gegen Extremisten und Terroristen oft als Alibi für die Unterdrückung der Opposition herhält, regt im Klub der autoritären Herrscher niemanden auf. Die Charta der SOZ enthält keinen Bezug auf Menschenrechte. Sie gelten als relative Werte, die in jedem Land abhängig von der Geschichte und kulturellen Entwicklung zu definieren seien. Das verbindet unstrittig alle Mitglieder der Shanghaier Organisation.

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Leser-Kommentare

  1. Genau deswegen braucht es eine starke Europäische Union, um als Gemeinschaft mit den Herausforderungen des neuen Jahrtausends fertig zu werden.

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    möchten Sie dazu nicht ein paar Statements abgeben ?
    Allgemeinplätze machen sich zu dem Thema nicht besonders gut.
    Woran denken Sie konkret ?

    ________________

  2. Irgendwie kommen einem die hier hochgekochten Widersprüche der SOZ bekannt vor - aus der EU.

    • 21.06.2009 um 22:49 Uhr
    • knuham

    möchten Sie dazu nicht ein paar Statements abgeben ?
    Allgemeinplätze machen sich zu dem Thema nicht besonders gut.
    Woran denken Sie konkret ?

    ________________

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    Weil ein grosser Binnenmarkt automatisch die Position in der Welt verbessert und das eigene Gewicht stärkt und sich offenbar alte und mehr oder weniger neue Potentaten aufmachen die Welt untereinander aufzuteilen.
    Umso mächtiger ein Staat oder in unserem Falle ein Staatenbündnis, umso grösser die Möglcihkeit sich auch ein Stück vom Kuchen zu schnappen.
    Oder wollen wir wie zu Zeiten des Kalten Krieges mehr oder weniger die Vasallen der USA bleiben, weil wir (jeder für sich) zu schwach und unbedeutend sind um wirklich als Partner oder Konkurrent in Frage zu kommen.

  3. Weil ein grosser Binnenmarkt automatisch die Position in der Welt verbessert und das eigene Gewicht stärkt und sich offenbar alte und mehr oder weniger neue Potentaten aufmachen die Welt untereinander aufzuteilen.
    Umso mächtiger ein Staat oder in unserem Falle ein Staatenbündnis, umso grösser die Möglcihkeit sich auch ein Stück vom Kuchen zu schnappen.
    Oder wollen wir wie zu Zeiten des Kalten Krieges mehr oder weniger die Vasallen der USA bleiben, weil wir (jeder für sich) zu schwach und unbedeutend sind um wirklich als Partner oder Konkurrent in Frage zu kommen.

    Antwort auf "klingt mir zu banal"
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    Nun da bin   Dr. Staehler

    ich doch lieber Vasalle von den USA als von Russland und China, die sich einen Dreck scheren ob Rechtstaatlichkeit oder Demokratieverstaendnis in unserem Staate herrschen.

  4. ich doch lieber Vasalle von den USA als von Russland und China, die sich einen Dreck scheren ob Rechtstaatlichkeit oder Demokratieverstaendnis in unserem Staate herrschen.

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    Irgendwie hat man hier offenbar falsch verstanden was ich sagen wollte, mien Ziel wäre es die EU als weiteres Machtzentrum auf diesem Planeten zu etablieren, so das die EU von KEINEM der Vasall ist weder von den USA noch von Russland oder China.
    Aber ich bin der Meinung das es zu eben diesem Ziel eine starke Eu braucht, da sonst alle europäischen Länder zu klein sind um wirklich eine Rolle zu spielen, oder um tatsächlich genug Einfluss zu erlangen.
    Mein Ziel ist also mitnichten sich Russland und China anzuschliessen , sondern mein Ziel ist uns selbst so stark zu machen, das wir von allen dreien Unabhängig sind.

    • 22.06.2009 um 10:18 Uhr
    • PhilN

    Altbewaehrtes Prinzip. Gegenseitiges Respektieren der staatlichen Souveraenitaet gilt auch hier nur fuer grosse Staaten von geo-politischer Relevanz. Staaten à la Georgien sind da Akteure zweiter Klasse im Spiel der Internationalen Beziehungen und deren Souveraenitaet ueber ihr Staatsgebiet interessiert zumindest im Kreml nicht wirklich. Auf der anderen Seite, was will man in einer Region voller Despoten, Pseudo-Volkstribunen à la Sarkaschwilli und willkuerlich gezogener Grenzen erwarten?

  5. ach "acaloth", wie müssen sie unter der knechtschaft der usa glitten haben, während sich zur selben zeit der neue typ eines von allem - auch seinen rechten - freien menschen in der sowjetunion oder china der gesellschaftlichen großexperimente - mit den bekannten kollateralschäden - erfreuen durfte. während die glücklichen einwohner dieser messianisch (verkündeten) "klassenlosen" gesellschaften u.a. wegen freier meinungsäusserung die gulags und umerziehungslager kennenlernen durften, wurden sie wegen des gleichen deliktes wahrscheinlich einfach ignoriert.
    ja, freiheit - auch relative - erträgt eben nicht jeder. privat könnte man dies therapieren. da sie jedoch in einem öffentlichen forum diesen schwachsinn von sich geben, erinnere ich sie kurz an die fakten, die zur entstehung des "kalten krieges" geführt haben. historisch unumstritten liegen dessen gründe in den von der sowjetunion inszinierten krisen unmittelbar nach dem zweiten weltkrieg. der bürgerkrieg in griechenland, die subversiven umsturzpläne in italien und die beseitigung der demokratisch legitimierten ersten regierung der tchechoslowakei mögen als stichpunkte genügen.

    ihre äusserungen lassen den schluß zu, dass sie argumenten wahrscheinlich nicht zugänglich sind. also hängen sie sich ruhig an die zwei nur mit unterschiedlicher heisser luft gefüllten ballone namens china und rußland. man wird sie auch aus deren fallhöhe bestenfalls als nützlichen idioten betrachten, wahrscheinlich eher aber wieder nur ignorieren.

    sollten sie jedoch wirklich um informationen bemüht sein, dann lesen sie:

    orlando figes, stephane courtois, nicolas werth, jean-louis panné, andrzej paczkowski, karel bartosek und jean-loius margolin.

    viel spaß bei der lekture

  6. Irgendwie hat man hier offenbar falsch verstanden was ich sagen wollte, mien Ziel wäre es die EU als weiteres Machtzentrum auf diesem Planeten zu etablieren, so das die EU von KEINEM der Vasall ist weder von den USA noch von Russland oder China.
    Aber ich bin der Meinung das es zu eben diesem Ziel eine starke Eu braucht, da sonst alle europäischen Länder zu klein sind um wirklich eine Rolle zu spielen, oder um tatsächlich genug Einfluss zu erlangen.
    Mein Ziel ist also mitnichten sich Russland und China anzuschliessen , sondern mein Ziel ist uns selbst so stark zu machen, das wir von allen dreien Unabhängig sind.

    Antwort auf "Nun da bin"
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  • Von Johannes Voswinkel
  • Datum 23.6.2009 - 12:59 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 18.06.2009 Nr. 26
  • Kommentare 8
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  • Schlagworte Russland | Bündnis | China | Internationale Beziehungen
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