Talkshows Tri-tra-trallala, die SPD ist wieder daSeite 2/2

Wer sich einmal alte Gespräche ansieht, die Günter Gaus mit Herbert Wehner, Richard von Weizsäcker oder Rudi Dutschke führte, kann sehen: Es stand etwas auf dem Spiel – Politik. Dramatisch, bewegend, authentisch, ohne Terror der Intimität. Nur embedded sei Politik dem Publikum noch zuzumuten, heißt es. Eine ganze »Opel-Familie«, Vater, Mutter und Sohn, wird dann aufgefahren, um Angela Merkel herauszufordern – »vielleicht haben Sie jetzt mal in diesem Stuhl gemerkt, wie es uns geht«, seufzt der Sohn. Aber das Argument, nur so sei Politik zu vermitteln, ist reine Camouflage. Nicht die Politik soll gerettet werden, sondern die Quote.

Man könnte das alles so stehen lassen, wäre die Politik in besserer Verfassung. An großen Krisen herrscht wahrlich kein Mangel. Merkwürdig apolitisch, diffus, lustlos wirkt im Kontrast dazu der Zeitgeist. Diese Tendenz aber wird vom »Talk« noch bestärkt. Welche politischen Wirkungen solche Sendungen haben können, hat man bereits bei Sabine Christiansen gelernt: Jahrelang machte sie in ihren Gesprächsrunden die blockierte Republik zum Monothema – bis Politik und Republik es geglaubt haben. Angewöhnt haben sich die Sender, gern mithilfe der »Talks«, »hart« auf der Oberfläche herumzusurfen, womit sie natürlich auch Politik machen. Inzwischen fragt man sich aber doch häufig, wo dann der Platz für den politischen Journalismus im ursprünglichen Sinne geblieben ist.

Zum Auftakt des Wahlmarathons gehen dem Fernsehen die Fragen aus. Wieso? Fragen hat man ja nur, wenn man die mühsame und prozesshafte Politik ernst nimmt. Hingegen schlüpfen alle in fremde Rollen. Die »Betroffenen« sollen die Realität widerspiegeln, befragte Passanten »Volkes Stimme« ausdrücken, Politiker sich nicht mehr als Repräsentanten und Mandatsträger, sondern als Wunderheiler verstehen – und Journalisten stellen unter ihrem Niveau naive, fundamentalistische Scheinfragen. Wollen Sie ewig »Teflon-Kanzlerin« bleiben, Frau Merkel? Selbst der härteste Kritiker ihrer Politik kommt damit an einen Punkt, an dem er sie in Schutz zu nehmen beginnt. Kritik muss Politik aushalten. Aber was, wenn die Kritik selbst nicht mehr diskursfähig ist, wenn ihr die Argumente abhanden kommen? Man kennt das vom Boulevard: Fundamentalistisch setzt man sich an die Spitze der Unmutsbewegung, es wird schon Quote bringen! Politik-Bashing kostet nichts und ist immer einen Versuch wert.

»Herr Mittelstädt, Sie waren 40 Jahre bei Opel, wenn die Frau Bundeskanzler zu Ihnen kommt, was soll sie Ihnen sagen?« »Aber höchstens mit einem kurzen Satz antworten«, Frau Merkel!

Sicher zu hart und unfair gesagt: Interessiert an der Politik ist solcher Art TV-»Talk« nicht, er macht sie sich nur nutzbar. Er ist auch nicht interessiert an der »Wirklichkeit«. Und nicht an den »Opfern«. Er ist sonderbar teilnahmslos. Was hilft dagegen? Boykott? Ja! Jedenfalls sollten sich die Politiker das Recht herausnehmen, nicht bedingungslos aufzutreten in jedem »Format«. Sie sind Politiker, Journalisten sind Journalisten, und gute Entertainer sind gute Entertainer. Die Politik ist beschädigt genug, viel hat sie selbst dazu beigetragen, Zeit wäre es dennoch, zu ihrer Rettung anzutreten.

Das muss ja Reinhold Beckmann keineswegs daran hindern, im nächsten »Talk« Königin Silvia vor prächtiger Schlosspark-Silhouette 90 Minuten lang Stichworte hinzuhauchen.

 
Leser-Kommentare
    • hardob
    • 21.06.2009 um 10:45 Uhr

    "Quasselfalle für die Politik" oder das "Tri-tra-trallala, die SPD ist wieder da"?

    Ich glaube ja auch, aber da kann mich meine Erinnerung trügen, dass es früher besser war und auch im Massenmedium Fernsehen ein ernsthafter politischer Diskurs stattgefunden hätte. Gegenwärtig findet man den nur noch bei einigen wenigen Radiostationen vor wahrscheinlich wenigen Zuhörern. Beim Fernsehen passt sich das Niveau den Bildschirmen an, diese werden auch immer flacher. Diese substanzlose Gebrabbel erträgt man selbst dann nur schwer, wenn am folgenden Tag in den Printmedien darüber berichtet wird. Aber Amüsement am Rande des geistig-gesellschaftlichen Bankrotts und auch darüber hinaus muss wohl sein. Nur nichts mehr wirklich ernst nehmen, da sonst schnell die Grenze zur Ratlosigkeit erreicht wäre. Und diese darf man vor einem Massenpublikum bei Gott nicht zugeben. Dabei wäre sie, die eingestandene Ratlosigkeit, ja möglicherweise der Platz, mal wieder in Ruhe nachzudenken über das was ist und das das was werden könnte. Aber finden Sie dafür mal einen Sendeplatz.

    • tommo
    • 21.06.2009 um 11:22 Uhr

    Fast alle Talkshows laden mittlerweile Betroffene ein, die dann ihre Situation darlegen. Das ist an sich ja eine gute Idee, aber die Darstellungen der Betroffenen sind naturgemäß immer sehr einseitig. Dass es immer auch eine andere Seite gibt, scheint nicht von Bedeutung zu sein.
    Es ist ja einfacher eine Opel-Familie zu finden, die um Milliarden bittet, als einen Vertreter der nächsten Generation, der diese Milliarden dann bezahlen darf.
    Und ein Politiker, der den (persönlich anwesenden) Opelanern vor laufender Kamera ins Gesicht sagt, das ihm die (anonyme) nächste Generation wichtig(er) ist, wird gleich zum herzlosen Bu-Mann abgestempelt.

  1. Sind sie nicht selbst Schuld wenn sie sich dem Talk aussetzen? Der Beliebtheit schadet Fernbleiben bestimmt nicht. Weshalb sind denn immer die Aussenminister die beliebtesten? Weil man nichts von Ihnen mitbekommt, ausser ein paar Bildern von wichtigen Terminen. (siehe Fischer, Steinmeier)

    Die Politiker sollten selbstbewusst genug sein, um sich auf dämliche Fragen nicht zu rechtfertigen. Es gibt einige die souverän genug sind (z.B. Angela)

    Die Ansprüche/Erwartungen an Politik sind viel zu hoch. Seitens des Volkes (Papa(!) Staat muss uns retten), aber auch von Politikern selbst, die die Rolle annehmen. Weniger MACHT und mehr stupide Verwaltungsarbeit wäre wünschenswert. Das Volk ist emanzipiert genug und brauch keine Mama und keinen Papa mehr...!

  2. Es gab vor einigen Jahren den Begriff "Stimmvieh". Wähler, die rekrutiert wurden um, ohne Ahnung von Politik, Mehrheiten zu schaffen. Heute ist der Bürger Konsumvieh. Die Kuh, der alles zu Heu erklärt und zum Fraß vorgeworfen wird, um sie dann nach Belieben melken zu können. Politik wird immer beliebiger konsumiert, Philosophie wird konsumiert, spätestens seit dem Buch Sophies Welt. "Schreckensmeldungen" werden konsumiert - gerade werden wieder Hitlisten des Todes, Scores der Toten aus dem Iran im Minutentakt aktualisiert. Die Entwürdigung von Menschen wird konsumiert - Big Brother, DSDS. Die vorsätzliche Misshandlung der Schwächsten- Erwachsen auf Probe. Warum nicht auch die Politiker. Alles was konsumiert wird, hat einen messbaren Wert. Wenn es konsumiert wurde, ist es nur noch Abfall. Eine Gesellschaft hat nur dann eine Chance, wenn sie gemeinsame absolute, unmessbare Werte hat. Der Glaube an Konsum und Gewinn macht sie alle messbar.
    Dieses Spiel wird so lange weiter getrieben, so lange es den Meinungsmachern unserer Gesellschaft gelingt, ein Recht auf Konsum und ein Recht auf Information unwidersprochen zur Grundlage zu erklären. Solange diese "Rechte" gelten, muss ein Programmgestalter oder ein "Talkmaster" nur heucheln, das Entwürdigen der Politiker oder das Quälen von Kleinkindern diene der Information und Aufklärung der Zuschauer. Solange die Gleichung bestand hat: Ich, der Medienverantwortliche helfe dir als Medienkonsument, indem ich deinem Recht auf Information durch mein Konsumangebot nachkomme, solange werden die absoluten Werte unserer Gesellschaft zerfressen und fast alle erleiden einen nicht wiedergutmachbaren Schaden. Bis auf wenige: Die Medienkonzerne, die daran verdienen.

    Unsere Gesellschaft hat nur dann eine Zukunft, wenn der Konsum sich wieder auf Verbrauchsmittel beschränkt. Ideen, Identitäten, Informationen und Politik zu konsumieren bedeutet sie zu vernichten und ihre Reste zu Abfall zu deklarieren.

  3. den ich als noch junger Mensch (23) nie (bewusst) anders erfahren habe. In allen Medienformen geht es um Sensation und Unterhaltung. In der Politik äussert sich dies vor allem durch die Fixiertheit auf Personen, Ihnen werde bestimmte Charakterzüge angedichtet auf denen immer wieder herumgeritten wird, es wird bewusst Antipathie oder Sympathie erzeugt, und das alles nicht auf Basis der Inhalte die der/die Betreffende vertritt. Es ist fast wie eine schlechte Soap-Opera.

  4. dass 90% der Sendungen (außer Dokumentar- und Kinofilme) der 42 Fernsehsender (Kabel) Schrott sind? Bei den Talkshows liegt der %-Satz noch höher.

    Um auf den sehr guten Artikel zurückzukommen.....

    > Nicht die Politik soll gerettet werden, sondern die Quote. <

    Genauso ist es. Es gibt Testseher und -hörer, die ausgesucht werden um zu testen welche Programme gesehen/gehört werden um Werbeverträge zu bekommen. Diese Messlatten sind die Basis für die Qualität der Sendungen. Mehr braucht dazu eigentlich nicht gesagt zu werden.

    Mein Fernseh-"Konsum" beschränkt sich auf 10 bis 12 Stunden im Monat.

    Gruß, Bernd
    *** Money helps the body to survive, but friends are needed to make the soul survive ***

  5. Ich denke Will, Illner und Plasberg kann man als Zuschauer grundsätzlich boykottieren, sofern man sich ernsthaft mit Politik auseinandersetzen will (Kerner und Beckmann sowieso). Nur der Presseclub, die phoenix-Runde und Frau Maischberger lohnen sich manchmal, aber auch wirklich nur manchmal. Erfahrungsgemäß werden allerdings auch diese Sendungen um so besser je weniger Politiker dabei sind. Allerdings: Wenn Wiefelspütz oder Pofalla mit dabei sind, steigt der Unterhaltungswert.

  6. Nun, solange der Mediendompteur im eigenen Käfig sitzt, wird sich daran nichts ändern wollen. So wenig oder viel emotionale Intelligenz die TalkQueens & Kings auch besitzen mögen, letztlich müssen sie sich doch dem eigenen Drehbuch fügen und Menschen vor-führen.

    Eine Theorie oder gar Praxis des geselligen Austausches (D.F.Schleiermacher) gibt es schon lange nicht mehr und man muss sich bewußt sein, dass man als Gast selber an der Herstellung des Produktes = Quote beteiligt ist. Ein Mann wie Biolek war noch einer, der das beherrschte. Auch ein Gehard Schröder wusste noch mit dem Medien zu spielen - wie auch immer man das beurteilen mag. Im Zeitalter der Epigonen allerdings wird ein Kerner und Steinmeier eben nicht darüber hinaus kommen was Mutti vorausgibt: Quoten und Zustimmungshörig verzichten sie bereitwillig auf Ecken und Kanten.

    Weichgespült kann es weiter gehen, gerade dann, wenn angebliche Ecken und Kanten samt Konfrontationen gezeigt werden sollen. Ein Plasberg erschöpft sich ins sich selber, weil er das Intendierte zugleich karrikieren muss.

    Die Freak Show im Fernsehn wird so der letzte Kampf eines überkommenen Mediums gegen das Internet und seinen vielfältigen Möglichkeiten der Inszenierung. Das immerhin schaft, was man sich selber nur erwünscht.

    Obama hat es vorgemacht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wer so alles Schleiermacher in den Mund nimmt....

    Den Berliner Salon hier und heute haben wir genügend zur Kenntnis genommen.

    Ich bitte ich zu entschuldigen, dass ich keine elaborierteren Ausführungen dazu machen kann. Für einen Landwirt ist derzeit ständig das "Ernte einfahren" dran;-)

    Wer so alles Schleiermacher in den Mund nimmt....

    Den Berliner Salon hier und heute haben wir genügend zur Kenntnis genommen.

    Ich bitte ich zu entschuldigen, dass ich keine elaborierteren Ausführungen dazu machen kann. Für einen Landwirt ist derzeit ständig das "Ernte einfahren" dran;-)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service