ZEITmagazin: Frau El Masrar, welche Ethnien treffen sich in Ihnen?

Sineb El Masrar: Meine Eltern sind Marokkaner, ich bin in Hannover geboren. Mein Vater kam mit einem Wanderzirkus nach Deutschland und blieb. Er hat hier gleich alle Kontakte zu Migranten abgebrochen. Ich sollte deutsch aufwachsen.

ZEITmagazin: Und Ihre Mutter?

El Masrar: Meine Mutter ist eine einfache Frau, die nie die Schule besuchte. Sie bläute mir von Kindesbeinen an ein, dass ich eine unabhängige Frau werden sollte. Sie hielt sich an die Tradition, doch sie dachte: Ich kriege den Wandel in meinem Leben nicht mehr hin, aber meine Tochter soll ihn hinkriegen.

ZEITmagazin: In einer Gemeinschaft von Migranten?

El Masrar: Die Ersten von ihnen lernte ich erst mit 21 kennen, zwei Perserinnen und eine Ukrainerin. Dauernd stellte sich uns die Frage der Identität, wir lebten mit verwandten Brüchen. Da war ich so erleichtert und dachte: Wo wart ihr alle?

ZEITmagazin: Ist für Sie der »Migrationshintergrund« vor allem Hintergrund?

El Masrar: Ja, man wacht nicht morgens auf und fühlt sich als Afghanin, nur weil die Eltern da geboren sind. Setzen Sie eine Ukrainerin, eine Marokkanerin, eine Deutsche hinter eine Wand, fragen Sie sie, was sie vom Leben wollen. Sie werden sie nicht unterscheiden können.

ZEITmagazin: Viele Migranten werden nicht gern auf ihre Identität angesprochen.

El Masrar: Wenn ich Kinder hätte, und diese Generation würde noch immer auf ihre Herkunft angesprochen, würde ich mir auch Sorgen machen. Immer die Fragen: Wurdest du zwangsverheiratet, möchtest du zurück? Ich lebe selbstbestimmt, wie viele von uns.

ZEITmagazin: Sie leiden unter Stereotypen und antworten mit der »Gazelle«, der einzigen Frauenzeitschrift für Deutsche und Migrantinnen?

El Masrar: Ich kann die allgemeinen Vorstellungen annehmen und mich an ihnen reiben, oder ich kann meine dagegensetzen. Ich habe mich für Letzteres entschieden.

ZEITmagazin: Um nicht bloß Objekt und Opfer solcher Bilder zu sein?

El Masrar: So ist es. Ich wollte eine Zeitschrift machen für biodeutsche Frauen und solche mit Migrationshintergrund, sie erscheint auf Deutsch, damit alle sie verstehen. 20 Prozent aller Menschen hier kommen aus dem migrantischen Milieu. Dazu kommen Deutsche mit binationalen Partnerschaften. Die Lebensrealitäten haben sich einfach verändert, und die Gazelleist eine Antwort darauf.

ZEITmagazin: Aber Ihr Schwerpunkt ist muslimisch?