Iran Irans Robespierre
Ahmadineschad putscht mit seinem Sicherheitsapparat gegen das Volk - und gegen die Erben Chomeinis

© BEHROUZ MEHRI/AFP/Getty Images
Gegen das Volk und gegen die alten Kleriker: Irans Staatspräsident Mahmud Achmadineschad
Nichts ist törichter, als den Verlauf einer Revolution mitten im Strom zu deuten, erst recht, wenn es sich wie in Iran gleich um deren zwei handelt. Die eine ballt sich auf den Straßen und Plätzen von Teheran zusammen, mit Hunderttausenden, die »marg bar dictator« skandieren, so wie sie einst »Jisrael« und »Amerika« den Tod (marg) gewünscht hatten. Die andere zeigt gerade ihre Fratze. Es ist ein Putsch des Ahmadineschad-Regimes und seines Sicherheitsapparates, der sich auf die Pasdaran (Revolutionsgarden) und die Basidschi (freiwillige Milizen) nebst dem dazugehörenden »militärisch-industriellen Komplex« stützt.
Dass dieser Machtapparat die Wahlen gefälscht hat, steht außer Zweifel. Wie sonst hätte die staatliche Nachrichtenagentur eine Zweidrittelmehrheit für Ahmadineschad hinausposaunen können, bevor das Innenministerium die Stimmen ausgezählt hatte? Dieser Putsch zielt vorweg nicht auf das Volk, sondern auf das Ancien Régime. Das ist die klerikal-autoritäre Herrschaft, an deren Spitze der »Höchste Führer« Chamenei steht, zu der aber auch vertraute Figuren wie Rafsandschani und Chatami (Ex-Präsidenten) und der Verlierer Mussawi gehören – keine »Reformer«, sondern allenfalls Pragmatiker im Dienste des Machterhalts.
Chamenei hat den Putsch sehr wohl erkannt, das zeigt die Order vom Dienstag, die Stimmen »begrenzt« nachzuzählen. Verblasst ist dessen erste Einlassung, wonach der Wahlausgang »Gottesspruch« war. Zu Recht, hat doch der Triumphator Ahmadineschad schon am Samstag verkündet, er werde die »Paten der Korruption« zur Rechenschaft ziehen.
Wer die sind? Eben Rafsandschani und Chatami, dazu der Ex-Parlamentschef Nateq Nuri – Säulen der Mullahkratie, alles Leute, die viel zu verlieren haben: Vermögen, Status und Privilegien. Ahmadineschads Drohung klingt wie jene der Jakobiner, den Girondisten und dem Klerus den Garaus zu machen – was auch so geschah.
Wut des Volkes, Widerstand des Klerikalregimes: Wie soll Ahmadineschad diesen Zweifrontenkrieg bestehen? Vorweg: Der Mann ist nicht nur durch schiere Manipulation bestätigt worden. Eine unabhängige Umfrage kurz vor der Wahl meldete einen Zwei-zu-eins-Vorteil für den Präsidenten. Populismus und Chauvinismus haben also als scharfe Waffen im Machtkampf fungiert. Pasdaran, Basidschi und Hisbollahi (eine iranische Schlägertruppe) sind treu und hoch motiviert. Die ersten Todesopfer sind gezählt, 132 Ahmadineschad-Gegner sind bereits verhaftet.
Das Volk allein wird den Robespierre von Teheran nicht stürzen können; im Bürgerkrieg, der zwischen 1980 und 1988 mit dem Krieg gegen den Irak einherging, hat das Chomeini-Regime ganze Arbeit geleistet und alle unabhängigen Machtzentren platt gewalzt. Aber noch kontrollieren die Klerikal-Konservativen den Staatsapparat: Wächterrat, Expertenrat, vielleicht auch die Armee. Auf jeden Fall ist Chamenei kein Ludwig XVI.; er verkörpert die Legitimität des alt-revolutionären Regimes.
- Datum 20.06.2009 - 11:01 Uhr
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- Serie opi
- Quelle DIE ZEIT, 18.06.2009 Nr. 26
- Kommentare 23
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"Wie sonst hätte die staatliche Nachrichtenagentur eine Zweidrittelmehrheit für Ahmadineschad hinausposaunen können, bevor das Innenministerium die Stimmen ausgezählt hatte?"
Bei solch einer großen Mehrheit, mit der Ahmadinedschad ja gewonnen haben soll, ist es durchaus möglich, dass der Vorsprung von ihm schon vor der fertigen Wahlauszählung so groß war, dass er nicht mehr einzuholen war.
Bei uns ist es ja sogar so, dass Prognosen nach Schließung der Wahllokale und somit weit vor der Stimmenauszählung wie das fertige Wahlergebnis gehandhabt werden.
Eben, PROGNOSEN! Die kann jeder abgeben.
Eben, PROGNOSEN! Die kann jeder abgeben.
Eben, PROGNOSEN! Die kann jeder abgeben.
Wenn das Innenministerium nun 2/3 der Stimmen ausgezählt hatte und Ahmadinedschad eine 2/3 Mehrheit hatte, ist es doch anzunehmen, dass sich keine Mehrheit mehr für einen anderen Kandidaten gibt - zumindest ist es höchst unwahrscheinlich. Von daher ist es logisch, einen Wahlsieg Ahmadinedschads an Hand dieser Daten zu prognostizieren (und an die staatl. Nachrichtenagentur weiterzugeben).
Wenn das Innenministerium nun 2/3 der Stimmen ausgezählt hatte und Ahmadinedschad eine 2/3 Mehrheit hatte, ist es doch anzunehmen, dass sich keine Mehrheit mehr für einen anderen Kandidaten gibt - zumindest ist es höchst unwahrscheinlich. Von daher ist es logisch, einen Wahlsieg Ahmadinedschads an Hand dieser Daten zu prognostizieren (und an die staatl. Nachrichtenagentur weiterzugeben).
Wenn das Innenministerium nun 2/3 der Stimmen ausgezählt hatte und Ahmadinedschad eine 2/3 Mehrheit hatte, ist es doch anzunehmen, dass sich keine Mehrheit mehr für einen anderen Kandidaten gibt - zumindest ist es höchst unwahrscheinlich. Von daher ist es logisch, einen Wahlsieg Ahmadinedschads an Hand dieser Daten zu prognostizieren (und an die staatl. Nachrichtenagentur weiterzugeben).
Ich gebe zu, dass ich mir wünsche, dass die Geschichte sich hier wiederholt. Aber nach der Hinrichtung Robespierre folgte das Direktorium und dann die Militärdiktatur!
Das einzig Gute ist, dass endlich jeder kapiert, wessen Geistes Kind die so genannte LINKE ist.
Selbst "Reformer" Andre Brie spricht sich für den Islamismus aus und kritisiert nur das böse Israel!
Quelle?
Quelle?
Quelle?
Da stürzt Herr Joffe aber einige der Leser in einen Interessenkonflikt. Zwischen Islamophobie und Ahmadinedschadhass. Bisher passte doch so gut das Zweiaufeinenstreichwunschbild vom Liebling des Klerus, das den zusätzlichen Benefit hatte die Gegnerschaft Ahmadinedschads zu Israel einer simplen, im Islam begründeten Motivation zuzuschustern. Reale Fakten wie Einflußverlust des Klerus auf iranische Politik unter Ahmadinedschad oder trotz Ahmadinedschad weiterhin bestehender jüdischer Gemeinden im Iran störten das Bild nicht solange nicht thematisiert.
Den letzten Satz Joffes: "Nach 30 Jahren Verelendung verdient dieses mutige Volk eine lichtere Zukunft." könnte man sicher auf "Nach 30 Jahren Verelendung, nicht maßgeblich aufgrund der Sanktions- und Embargopolitik, ..." präzisieren.
was der islamischen Revolution und den '30 Jahren Verelendung' voranging.
Als Amerikafreund sollte ihm eigentlich die Operation Ajax bekannt sein.
Aber die USA tun sich ja häufig schwer, ihre Interventionen und sich selbst in historischem Kontext zu sehen.
TV-Tip - heute um 14h auf arte Iran, der Wille zur Großmacht
was der islamischen Revolution und den '30 Jahren Verelendung' voranging.
Als Amerikafreund sollte ihm eigentlich die Operation Ajax bekannt sein.
Aber die USA tun sich ja häufig schwer, ihre Interventionen und sich selbst in historischem Kontext zu sehen.
TV-Tip - heute um 14h auf arte Iran, der Wille zur Großmacht
"Nach 30 Jahren Verelendung, maßgeblich aufgrund der Sanktions- und Embargopolitik, ..." heissen
Nur ein Beispiel: Zitat Joffe: "im Bürgerkrieg, der zwischen 1980 und 1988 mit dem Krieg gegen den Irak einherging, hat das Chomeini-Regime ganze Arbeit geleistet und alle unabhängigen Machtzentren platt gewalzt."
Wer hatte damals die Exekutivgewalt?
Mussawi, die aktuelle westliche Ikone des Freiheitskampfes des iranischen Volkes, "war von 1981 bis 1989 der letzte Premierminister der Islamischen Republik" (Wiki).
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Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]
...zB. Rafsandschani, geben mir Zweifel über die in den Medien einhellig verbreitete "Wahrheit" zur Wahl im Iran - so gern ich sie glauben würde. Dazu kommen diese Bilder mit englischen Protestsprüchen alá "where is my vote?" und die allgegenwärtigen grünen Bändchen - das hatten wir doch nun schon mehr als einmal und das ist mir zu gestylt um authentisch zu sein. Nach nunmehr einer Woche Wahlbetrugsvorwürfen und ewig gleicher - recht schwacher - Argumentationen die das untermauern sollen, hinterlässt diese "Revolution" einen synthetisch-angehauchten Beigeschmack.
PS:
Mir ist es schleierhaft warum kaum eine größere Zeitung den Zusammenhang Mussawi / Rafsandschani und deren Vergangenheit beleuchtet. Eine Recherche von 15sec in Wikipedia sagt da mehr über Hintergründe aus als eine Woche deutsche Presselandschaft. Was soll man davon halten?
...zB. Rafsandschani, geben mir Zweifel über die in den Medien einhellig verbreitete "Wahrheit" zur Wahl im Iran - so gern ich sie glauben würde. Dazu kommen diese Bilder mit englischen Protestsprüchen alá "where is my vote?" und die allgegenwärtigen grünen Bändchen - das hatten wir doch nun schon mehr als einmal und das ist mir zu gestylt um authentisch zu sein. Nach nunmehr einer Woche Wahlbetrugsvorwürfen und ewig gleicher - recht schwacher - Argumentationen die das untermauern sollen, hinterlässt diese "Revolution" einen synthetisch-angehauchten Beigeschmack.
PS:
Mir ist es schleierhaft warum kaum eine größere Zeitung den Zusammenhang Mussawi / Rafsandschani und deren Vergangenheit beleuchtet. Eine Recherche von 15sec in Wikipedia sagt da mehr über Hintergründe aus als eine Woche deutsche Presselandschaft. Was soll man davon halten?
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