Arthur Schopenhauer war wettbewerbsuntauglich. Zu seinen Vorlesungen an der Berliner Universität kam nur eine Handvoll Studenten, sein Hauptwerk verkaufte sich nicht, und seine Ideen über Die Welt als Wille und Vorstellung zündeten erst nach seinem Tod. Negation der Willensfreiheit, Zweifel an der Erkenntnisfähigkeit, letztlich der Aufklärbarkeit des Menschen: Von den großen deutschen Idealisten des 19. Jahrhunderts ist der düstere Schopenhauer vielleicht am besten geeignet, uns das 20. Jahrhundert verständlich zu machen. Doch der Wegbereiter der Moderne würde bei den Modernisierern der Gegenwart durch sämtliche Prüfungen fallen. Nach den unternehmerischen Maßstäben heutiger Uni-Reformer wäre einer der einflussreichsten Denker Europas bloß ein Negativfaktor in der Bilanz.

Denn die Reformer, die das europäische Hochschulwesen vereinheitlichen wollen, fördern nicht Genie, sondern propagieren Effizienz. Ihr Mantra heißt Wettbewerb, ihr Motto Mobilität und ihr Ziel Marktgängigkeit. Seit sie aber am Ruder sind, ist das Studieren in Deutschland ineffizienter denn je. Die Seminare sind überfüllt, und die Professoren verschwenden immer mehr Zeit auf die Verwaltung des Mangels. Restriktive Studienpläne lassen es nicht mehr geraten erscheinen, ein Pflichtpraktikum zugunsten einer prominenten Gastvorlesung zu schwänzen oder gar ein Auslandssemester einzuschieben. Schon jetzt gehen weniger deutsche Studenten ins Ausland als noch vor zehn Jahren.

Kein Wunder, dass an den Universitäten Unmut gärt. Dass er sich nun in bundesweiten Protesten Tausender Studenten Luft gemacht hat, beeindruckt die Euphoriker des sogenannten Bologna-Prozesses aber keineswegs. Sie diffamieren die Protestierenden nicht nur als Verteidiger des Schlendrians, sondern erklären sie für zukunftsunfähig.

Aber was heißt Zukunft an der jahrhundertealten Institution Universität? »Viele leben zu sehr in der Gegenwart: die Leichtsinnigen; andere zu sehr in der Zukunft: die Ängstlichen«, lehrte Schopenhauer. Für den Philosophen, anders als für unsere Hochschulmanager, war Zukunft nichts Besorgniserregendes, dem man mit kurzfristigen Maßnahmen begegnen musste, sondern das schlechterdings Unbekannte – man wappnete sich dafür mit einer breiten Bildung, einem vorurteilsfreien Geist, einer fundierten Kritikfähigkeit. Doch von dieser europäischen Tradition gedenkt das neue Europa nicht mehr zu profitieren. Stattdessen wenden schnell besohlte Uni-Berater die kurzfristige Kategorie der Effizienz auf eine ferne Zukunft an.

Tatsächlich haben europäische Hochschulpolitiker in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder als Prognostiker versagt. Sie sahen nicht, wie wichtig die Sinologie werden würde. Sie hielten Arabistik für abseitig und Theologie für ein Orchideenfach. Nun, da sich die Unverzichtbarkeit alten Kulturwissens erweist und das Zukunftspotenzial namentlich der Geisteswissenschaften zutage tritt, predigen die Bologna-Apostel schnelles, anwendungsorientiertes Studieren.

Das ist selbst in den praxisnahen Ingenieurwissenschaften kurzsichtig. Technische Universitäten beklagen, dass im Bachelor-Curriculum zu wenig Zeit für Grundlagenvermittlung bleibt. Interdisziplinäres Denken, das man angesichts immer komplexerer Anwendungsbereiche braucht, setzt nämlich Theorie voraus. Um etwa Kläranlagen zu bauen, die wenig Energie verbrauchen, muss man in Fächern wie Mathematik mehr als nur flüchtige Kenntnisse besitzen. Weil die Wirtschaft nur raten kann, was übermorgen kommt, ist derzeit in Stellenausschreibungen weniger der spezialisierte Biotechnologe gefragt als der flexibel einsetzbare Physiker.

Es sind ja beileibe nicht nur Germanisten, die die Verkümmerung der akademischen Bildung zur Ausbildung monieren. Es sind nicht nur Schwätzer, die die Beseitigung universitärer Mitspracherechte anprangern. Es sind nicht nur Arme, die sich darüber empören, dass sie für ihre Studiengebühren nichts geboten bekommen, und sich fragen, wie das Unternehmen Uni, wenn es denn partout eines sein will, eigentlich seine Kunden behandelt.