War der Genfer Scharfrichter nur ein Pfuscher oder ein besonderer Sadist im Auftrag seiner Gerichtsherren, die sich vielleicht erinnerten, dass der Delinquent zuvor schon von der französischen Inquisition zum Tode durch ein »langsames Feuer« verurteilt worden war? Jedenfalls steckte er am 27. Oktober 1553 seine Brandfackel vor den Toren der Stadt in einen Stapel feuchten Holzes. Drei grauenhafte Stunden dauerte es deshalb, bis Michel Servet qualvoll den Tod dort fand, wo sich heute in Genf die Avenue de la Roseraie und die Avenue de Beau Séjour schneiden; ein Denkmal für den scheußlich Hingerichteten markiert die Stelle beim »Rosengarten« und »Schönen Aufenthalt«. An die Ohren Johannes Calvins, der diesen Tod am heftigsten gewünscht hatte, drang nichts von den grässlichen Schreien des Gemarterten; er saß derweil einen guten Kilometer entfernt bei geschlossenen Fenstern in seiner Studierstube.

Die Flammen der Reformation fraßen ihr erstes prominentes Todesopfer. Was hatte sich der Delinquent zuschulden kommen lassen? Er hatte bestritten, dass die Dreifaltigkeit Gottes in der Bibel niedergeschrieben sei – eine Behauptung, die bei wörtlicher Lektüre (sola scriptura!) keineswegs ketzerisch, sondern geradezu geboten ist; die Trinitätsdoktrin wurde schließlich erst auf den frühchristlichen Konzilien entfaltet.

Johannes Calvin, dessen 500. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird – am 10. Juli 1509 kam er zu Noyon in der französischen Picardie zur Welt –, ist zweifellos ein großer Reformator: (etwas) »moderner« als Luther, geistlich (nicht nur etwas) tiefgründiger als Zwingli. Doch wie kann man ihn noch feiern angesichts und trotz des Mordes an Servet aus dogmatischen Motiven? Jedenfalls nicht so wie die meisten Biografen, welche die Untat allzu einfach »historisieren« oder »kontextualisieren«, als habe Jesu ultimatives Gebot der Nächsten- und Feindesliebe nicht auch schon damals gegolten – und immer dann, wenn die Kirchen in ihrer Geschichte Gewalt übten.

Binnen dreier Monate werden in Genf 34 Hexen verbrannt

Gewiss, wir dürfen unsere Maßstäbe nicht einfach ins 16. Jahrhundert übertragen. Damals hat man an vielen Orten Ketzer grausam umgebracht; nicht Calvin, sondern der Stadtrat von Genf hat jenes zweite Todesurteil über Servet gefällt; die Leugnung der Trinität Gottes war im ganzen altkirchlichen Heiligen Römischen Reich als Gotteslästerung mit dem Tod bedroht (die Carolina von 1532 formuliert dies freilich nicht so spezifisch) usw. usf. Doch sollte nicht gerade in Genf einiges gründlich reformiert werden? Es kommen im Fall Calvin vs. Servet leider einige Dimensionen des persönlichen Furors hinzu, die über die ohnedies bedrückende Wahrheit hinausgreifen, dass – wie der Calvin-Biograf Alister E. McGrath schreibt – »jede christliche Gemeinschaft, die ihre Geschichte bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgt, ihre Empfehlungsschreiben ausgiebig mit Blut befleckt hat«. Von den gerade in Calvins Zeiten in Genf florierenden »Hexen«-Verbrennungen gar nicht erst zu reden. Allein im Jahr 1545 wurden hier binnen dreier Monate 34 Frauen verbrannt, weil sie angeblich durch bösen Zauber die Pest verbreitet hätten. Calvin wollte Zweifler an dieser Praxis unter Berufung auf die Bibel (2. Mose 22,17) als Verächter des Wortes Gottes aus der Gemeinschaft ausschließen. Wie doch glühender Glaube und brennender Aberglaube Hand in Hand gehen können!

Im Falle Servet jedoch, so sagt man, habe Calvin den angeblichen Ketzer nicht selber angeklagt. Nun, in Genf musste ein Ankläger während der Dauer des Verfahrens selber im Gefängnis sitzen, damit der Bezichtiger im Falle der Unschuld des Beschuldigten schon für seine üble Nachrede gebüßt hatte. Also beauftragte Calvin einen seiner Schüler mit der Anklage gegen Servet; er selber trat stattdessen schlau als theologischer Gutachter auf. Calvin habe des Weiteren die grausame Form der Hinrichtung durch Verbrennen verhindern wollen und stattdessen für das schonlichere Enthaupten plädiert, sich aber beim Stadtrat nicht durchsetzen können. Erstens hatte er diese marginale Minderungsinitiative davon abhängig gemacht, dass der durchaus fromme Servet vorher seine als häretisch eingestuften Auffassungen widerruft, was man von ihm nicht gut erwarten konnte – zumal da der Tod ihm auch dann gewiss war. Und zum Zweiten kann man schwerlich behaupten, der in Genf alles andere als ohnmächtige Calvin habe sich beim Stadtrat nicht durchsetzen können – wenn er es gar nicht erst versuchte. Man hält sich also besser an einen Brief, den Calvin in Sachen Servet schon früher an Guillaume Farel gerichtet hatte, jenen Mann, der ihn nach Genf geholt und mit ihm lange und eng zusammengearbeitet hat: »Kommt er hierher, so lasse ich ihn, wenn ich irgend etwas vermag, nicht mehr lebendig wieder fort.«

Nein, wer den eminenten Reformator Johannes Calvin würdigen will, muss anerkennen, dass seine erbitterte Rücksichtslosigkeit weniger eine Abirrung von als vielmehr eine Konsequenz aus seiner überaus konsequenten Theologie war – ja dass wohl jeder Theologe, der den Gottesgedanken mit den perfekten Instrumenten der Logik und den imperfekten Mitteln des menschlichen Denkens auf den letzten Punkt treibt, Gefahr läuft, schließlich unmenschlich zu denken und zu handeln. (Wir kennen dieses Problem heute unter der Überschrift »Fundamentalismus«.) Wie also verlief der Weg, auf dem Calvin zum Reformator Genfs wurde sowie (aber das ist dann eigentlich schon wieder eine andere Geschichte, auch eine etwas andere als die, die Max Weber erzählt) zum Stammvater des Calvinismus?

Im Alter von zwölf Jahren erhält Calvin in seinem Heimatort Noyon eine Pfründe, also eine nominelle Pfarrstelle, deren Einkünfte seine Ausbildung finanzieren sollten. Sein Vater ist ein enger Mitarbeiter des örtlichen Bischofs und hat seinen Sohn für die Priesterlaufbahn vorgesehen. Als jedoch Vater Cauvin (so lautete der Familienname ursprünglich) aus nicht ganz klaren Gründen kaltgestellt, ja regelrecht exkommuniziert wird, heißt er den Sohn, Jura zu studieren.