Wer den Eingangsbereich der Höhle durchschreitet, kommt an einen gewaltigen Ort. Wo derzeit Tübinger Archäologen in Bodenschichten aus der Steinzeit graben, dort tut sich plötzlich über dem Kopf des Besuchers ein Loch auf, 6000 Kubikmeter groß. Eine Halle mitten im Gestein: der Hohle Fels bei Schelklingen im schwäbischen Achtal. Die Dimension dieses Ortes muss die Menschen schon vor über 35.000 Jahren beeindruckt haben, jene Schöpfer kleiner Kunstwerke – darunter Pferd, Löwenmensch, Wasservogel –, die den Hohlen Fels als Fundstätte frühester Elfenbeinskulpturen weltberühmt gemacht haben.

Aber die Steinzeitler genossen nicht nur den Anblick dieses Raums im Berg, den sie mit flackernden Fettfunzeln matt erleuchteten. Offenbar ist ihnen auch die atemberaubende Akustik aufgefallen. Seit dieser Woche wissen wir, womit sie ihr Zuhause beschallten. Sie bliesen in gelochte Vogelknochen und Röhrchen aus Mammutelfenbein. Flötentöne füllten die von den Wassern der Ur-Donau ausgespülte Karstgrotte – eine frühe musikalische Performance. Unsere kreativen Vorfahren bedienten sich der bislang ältesten Musikinstrumente der Welt. Diese Preziosen präsentieren der Tübinger Grabungsleiter Nicolas J. Conard und seine Mitarbeiterinnen Maria Malina und Susanne C. Münzel in der jüngsten Onlineausgabe von Nature.

Fragmente mehrerer Elfenbeinflöten haben die Forscher im Höhlenboden entdeckt und daneben ein in zwölf Teile zerbrochenes, fast komplettes Blasinstrument, das ein Mensch vor bis zu 40.000 Jahren aus der Speiche eines Gänsegeiers geschnitzt hat. Das Tier musste eine Flügelspannweite von zweieinhalb Metern besessen und sein Skelett damit ideales Rohmaterial für die Instrumentenbauer abgegeben haben. 21,8 Zentimeter lang ist das gefundene Stück, 8 Millimeter dick. Mit einer Feuersteinklinge schnitzte der Hersteller fünf Fingerlöcher in den Knochen und am oberen Ende zwei tiefe v-förmige Kerben.

Gerade erst haben die Forscher eine Replik angefertigt. Sie entlocktem dem Instrument bereits einige der Töne, mit denen der vorzeitliche Schwabe seine Sippe erfreut haben mag (siehe Audio). Dem Nachbau eines etwas jüngeren, dreilöchrigen Exemplars aus Schwanenknochen, das 1990 in der Höhle Geißenklösterle zum Vorschein gekommen war, ließen sich vier Grundtöne und drei Obertöne entlocken. Mit fünf Löchern bietet die Hohle-Fels-Flöte »ein vergleichbares oder vielleicht sogar größeres Notenspektrum als die Geißenklösterle-Flöte«, vermutet Conard. Da der Durchmesser des Geierknochens größer ist, dürften die Töne tiefer geklungen haben.

Mit den neuesten Funden wächst die Flöten- und Flötenfragmente-Sammlung aus den drei Höhlen Hohler Fels, Geißenklösterle und Vogelherd auf acht Exemplare, vier hergestellt aus Vogelknochen, vier aus Elfenbein. Ähnlich alte Instrumente sind aus keiner anderen Region bekannt. Zuverlässig datiert sind französische und österreichische Funde vom Ende der Altsteinzeit; sie sind maximal 30.000 Jahre alt.