Peer Steinbrück denkt schon wieder ans Sparen. Zwar tatkräftig, aber doch widerwillig hat der Finanzminister den Rettungsschirm für das Kreditgewerbe aufgespannt. Staatsgeld für Banken – wem passt das schon? Jetzt sitzen Steinbrücks Beamte bereits an einem Plan, wie der Schirm möglichst bald wieder zusammengefaltet werden könnte. In globalen Zirkeln, zuletzt vor zwei Wochen beim Treffen der Finanzminister der führenden Industrienationen im italienischen Lecce, plädieren die Deutschen offen dafür, den Rückzug des Staates vorzubereiten. Steinbrück hat die Rückendeckung der Kanzlerin, die das Thema beim G-8-Gipfel am 8. Juli aufgreifen will.

Doch während die Koalition vom Ende der Staatswirtschaft träumt, baut sich die nächste Welle der Krise auf. Jetzt sind es nicht nur die berühmten Schrottpapiere auf Basis gewagter Hypotheken, die weiter an Wert verlieren. Nein, jetzt sind es auch ganz normale Kredite an Firmen und Bürger, die wegen der Rezession nicht mehr zurückbezahlt werden können. Die Krise, im Kreditgewerbe entstanden und von dort auf die Wirtschaft übergegangen, kommt mit neuem Schwung wieder in der Finanzbranche an.

Die Regierung müsste jetzt Dämme errichten, Befestigungen ausbauen. Doch sie tut es nicht. Und so wird die zweite Welle mit Gewalt über die geschwächten deutschen Banken hereinbrechen. Schon hat der Mittelstandsfinanzierer IKB Staatsgarantien beantragt, schon warnt die marode Hypo Real Estate vor weiteren Verlusten. Die Finanzwirtschaft werde "in ein paar Monaten die volle Wucht der schärfsten aller bisherigen Rezessionen in ihren Kreditportfolien spüren", sagt Jochen Sanio, der oberste Bankenaufseher des Landes. Das Tragische an der zweiten Welle ist, dass sie nicht die Zocker trifft, sondern die braven Banker. Jene, die den Mittelstand mit Krediten versorgen. Die genau das tun, was die Politik will und die Wirtschaft braucht.

Ausfälle von bis zu 200 Milliarden Euro kommen auf die Banken zu

Etwa bei der Commerzbank. Deren Chef Martin Blessing ist jung, hemdsärmelig. Ein Macher, kein Bankier, der sich mit dicken Zigarren und schwerem Rotwein hinter holzgetäfelte Türen zurückzieht. An einem Freitag im Mai steht er im Frankfurter Hauptquartier der Bank vor Analysten. Es gibt viel zu besprechen. Die Zahlen sind schlecht, der Aktienkurs sinkt, die Bank musste mit Staatsgeld gestützt werden. Der Plan, den Blessing in vielen Schaubildern vorstellt, ist radikal und konsequent. Die Commerzbank soll noch mehr als heute die Bank für die Realwirtschaft werden: stark im Mittelstand, attraktiv für Privat- und Geschäftskunden, abstinent, was die Spekulation der Bank auf eigene Rechnung angeht.

Klang gut. Doch genau diese Ausrichtung wird jetzt zum Problem.

Dass Bankkunden im Abschwung so manche Schuld nicht begleichen können – es gehört zur Normalität. Diese Krise ist aber so schwer, dass reihenweise Pleiten drohen. Dagegen sind die wenigsten Institute gewappnet. Die Commerzbank hat Kredite in Höhe von 392 Milliarden Euro in ihrer Bilanz. Davon würden in den kommenden 30 Monaten 14 bis 18 Milliarden Euro ausfallen, sagt Stefan Best von der Rating-Agentur Standard & Poor’s. Das kann die Bank allein kaum stemmen. Nach Schätzung der New Yorker Bank JP Morgan wird sie etwa 13 Milliarden Euro zusätzliches Kapital brauchen.

Das Problem der Commerzbanker: Sie können solche Verluste im Kreditgeschäft nicht halb so gut ausgleichen wie die Kollegen von der Deutschen Bank. Josef Ackermanns Investmentspezialisten erwirtschaften längst wieder Traumrenditen. Das Schicksal der Commerzbank aber ist untrennbar mit dem der deutschen Wirtschaft verknüpft. Und nicht nur ihres.