Am Anfang der Islamkonferenz wollten die einen Muslime die anderen nicht einmal reden lassen. Die Liberalen nicht die Verbandsoffiziellen – sie würden nur eine Minderheit der Gläubigen vertreten. Die Islamvertreter nicht ihre Kritiker – sie könnten nur für sich selbst sprechen. Nach einem Jahr des Streitens hatte man sich auf nicht mehr als ein paar Formelkompromisse geeinigt. Und in diesem März wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft München unter anderem gegen einen der Teilnehmer eines Unterausschusses der Konferenz ermittelt – wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung.

Es gab viele Momente, an denen die Deutsche Islamkonferenz zu scheitern drohte. Doch wenn nun das Plenum vorerst zum letzten Mal zusammenkommt, dann darf man das vielleicht interessanteste gesellschaftspolitische Projekt dieser Regierung als Erfolg bezeichnen.

Als Harmonieveranstaltung war die Islamkonferenz in jedem Fall nicht angelegt. Es galt, wie es der Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) anfangs formulierte, »die Zeit der Höflichkeit zu beenden«. Was müssen die Muslime und was soll der Staat tun, was ist der Islam heute, und wie hat er in Zukunft zu sein?

Die Fronten zeigten sich schon bald flexibler als gedacht, als die Grundlagen dafür gelegt wurden, dass aus Muslimen in Deutschland einmal deutsche Muslime werden. Mal standen die Frommen an der Seite des deutschen Staates, wenn festzuhalten war, dass auch der Islam einen konfessionsgebundenen Religionsunterricht braucht. Mal schlossen sich die Säkularen mit den deutschen Offiziellen kurz, um klarzustellen, dass es für ein gedeihliches Zusammenleben zu wenig ist, wenn alle bloß die Gesetze einhalten und sonst jeder auf sein Recht pocht. Und wenn ein übereifriger Beamter wieder einmal die deutsche Leitkultur als Geschäftsgrundlage der Diskussion vorschlug, konnte man sicher sein, dass ein anderer Staatsvertreter dazwischengrätschte. Denn was gehört zu dieser Leitkultur: die Fußballbundesliga, die Sonntagsruhe oder auch die Schwulenehe?

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So diskutierte man mehr als zweieinhalb Jahre – ergänzt durch unzählige Experten – in verschiedenen Arbeitsgruppen über Sicherheitsfragen und Werte, das religiöse Leben der Muslime und ihr Erscheinungsbild in den Medien. Hat sich die Mühe gelohnt? Unbedingt, sagen alle Teilnehmer, mit denen man spricht. Selbst Skeptiker wie die säkulare Frankfurter Muslimin Ezhar Cezairli, die sich zu der schweigenden Mehrheit zählt, sagt: »Wir haben uns viel besser kennengelernt.« Die Muslime den Staat, aber noch viel mehr einander und ihre Religion.

Weiterbildungsseminar, Kontaktbörse, selbst ernanntes Muslimparlament: Die Deutsche Islamkonferenz war von jedem etwas. Für den Beginn ist das nicht wenig. Mehr als ein Anfang konnte es nicht sein, wenn man in Jahrzehnten Versäumtes nachholen will. Lange hatte der Staat behauptet, der Islam habe dieselben Rechte wie die christlichen Kirchen in Schulen, Universitäten und beim Bau von Gotteshäusern – ohne die Wahrnehmung dieser Rechte auch zu ermöglichen. Die Muslime wiederum hatten sich eingerichtet in ihrer Gebetsnische und schmollend ihre Benachteiligung beklagt.

»Auf der Islamkonferenz haben wir erstmals ohne Dolmetscher miteinander gesprochen«, sagte Ali Kizilkaya vom Islamrat. »In Zukunft kann man uns Muslime nicht mehr übergehen«, ergänzt Bekir Alboga von der türkisch-staatlichen Ditib. Gerade für die islamischen Verbände ist das ein großer Fortschritt. Die Konferenz adelt sie zu Gesprächspartnern, an denen der Staat in Zukunft nur noch schwer vorbeikommt.