Ein Volk besteht aus der Summe vieler Unterschiede, wie Urs Widmer in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen so schön sagte. Das zusammengebackene Wir, von dem manche träumen, gibt es nicht. Es sei denn, das Volk erleidet einen febrilen mordlustigen Anfall. Ein Volk blickt auf eine gemeinsame Geschichte zurück, die seine Mitglieder höchst verschieden erlitten und geprägt haben. Ein Volk kann aber für ein anderes Volk zum Ideal werden, umgekehrt kann ein Nachbarvolk dem Zweck dienen, dass ein sich klüger wähnendes Volk bequem auf es herabsieht.

Die Schweizer bilden das Idealvolk der Deutschen. Unmöglich für uns, die Schweiz nicht zu lieben. Nach dem Krieg liebten fast alle Deutschen die Schweiz, obwohl sie bekanntlich keineswegs von den Schweizern zurückgeliebt wurden – und es bis heute nicht werden. In meiner Familie war das nicht anders. Unser bulgarischer Vater fuhr am liebsten in die Schweiz, obwohl ihm da jedes Mal ein harscher Empfang bereitet wurde. Als »heimatloser Ausländer« war er mit einem zweifelhaften Pass unterwegs, was zur Folge hatte, dass ihn die Schweizer Grenzbeamten gründlicher als gründlich filzten. Ein schwerer Schlag für den Vater! Ausgerechnet ihm taten sie das an, der in einer stolzen Citroën-Limousine vorfuhr, tadellos gekleidet, Arzt von Beruf, bereit, hübsche Summen in der Schweiz auszugeben, ein Mann, der nicht im Mindesten daran dachte, sich als Schmuggler zu betätigen. Er brauchte jedes Mal zwei Tage, um sich von der Schmach zu erholen. Die österreichischen Grenzbeamten waren lässiger, das lockte unseren Vater aber noch lange nicht in deren Land. Nein, er wollte unbedingt in die Schweiz.

Mutter litt keinerlei Kritik an ihrem Haus. Ein Schweizer hatte es gebaut

Der Schweiz-Tick unserer Mutter war womöglich noch hartnäckiger. Ihre Freundinnen schwärmten ständig von der Schweiz. Alles war da besser, im Grunde konnte man in einem Nest wie Stuttgart überhaupt nicht leben. Als sie Witwe geworden war, erwies sie sich in wirtschaftlicher Not als ungeahnt tüchtig und wollte bald tun, was die Schwaben besonders gerne tun: ein Haus bauen. Ihre beste Freundin schwatzte ihr einen Schweizer Architekten auf. Er baute das hässlichste Haus von ganz Degerloch. Ein einziger Murks. Mit einer absurden Wendeltreppe im oberen Stock, wo man den Kopf einziehen musste, um sich zwischen Dachschräge und Treppengeländer durchzuwinden. Obwohl unsere Mutter insgeheim sehr wohl wusste, dass es ein abscheuliches Haus war (sie war in ästhetischen Dingen nicht untalentiert, aber leider unfähig, sich unter Bauplänen und architektonischen Skizzen etwas vorzustellen), litt sie keinerlei Kritik an diesem klobigen Monstrum. Ein Schweizer hatte es gebaut. Somit war es über jeden Tadel erhaben. Und der Mutter war dadurch vergönnt, mitten in Stuttgart in einer Art Schweizer Enklave zu leben.

Eine nicht minder feurige Art, die Schweiz zu lieben, lernte ich in den achtziger und neunziger Jahren kennen, als ich hin und wieder Kontakt zu Wirtschaftsleuten hatte. Von den damals noch jungen Herren waren einige gerade dabei, hohe Positionen in bedeutenden Firmen zu erklimmen. Sobald Alkohol floss, brüsteten sie sich damit, wie geschickt sie darin waren, Geld am deutschen Fiskus vorbeizuschleusen. Untereinander war ein Sport ausgebrochen, wer darin der Findigste war; zwei von ihnen trieb diese Manie zu immer riskanteren Geschäften, die schließlich im Konkurs endigten. Oh, sie liebten die Schweiz! Dahin trugen sie ihr Geld am liebsten, weil sie eh so gerne dahin fuhren und ein bisschen vom schwarzen Geld auch gerne in der Schweiz ausgaben.

Ich liebe die Schweiz aus weniger riskanten Gründen. Wahrscheinlich habe ich den Schweiz-Tick von der Familie geerbt. Unangenehme Schweizer wischt mein Gedächtnis sofort von der Bühne, sympathische Schweizer hingegen führen ein leuchtendes Leben in meinem Kopf. Was Wunder, dass der einzige Hund, den ich mir im erwachsenen Leben selbst besorgt habe, ein Berner Sennenhund war. Ein Musterexemplar von einem Hund, bedächtig, aber nicht fad, zuverlässig, aber eigen.

Genährt haben meine Schweizer Sympathien natürlich auch Autoren wie Gottfried Keller (dessen Sehnen kurioserweise dahin ging, ein deutscher Dichter zu sein, ein deutscher Dichter für das Schweizer Volk), Robert Walser, Hermann Burger oder Paul Nizon. Immer habe ich die Schweizer darum beneidet, dass sie das ganze letzte Jahrhundert hindurch in aller Ruhe ihre Sprache fortentwickeln durften, nie den Verlust der poetischen Sprache erlitten haben, der bei uns so drastisch ausfiel, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg fast zwei Generationen brauchte, um die Sprache wieder freizuräumen von der kurz gehackten Formelsprache des Nationalsozialismus. Es dauerte, bis die Literatur wieder munter ihre Ärmchen regen und sprachlich wildern durfte, wo und wie immer es ihr beliebte.

Die Schweiz ist und bleibt das knapp nur sein Ideal verfehlende Wunderland im Herzen Europas. Bewährt haben sie sich, die Schweizer, in ihrer seit weit über hundert Jahren eingeübten und verfeinerten Demokratie. Entkommen sind sie den febrilen Heilsversprechen des Totalitarismus, entkommen der Zerstörung der letzten Kriege. Mehr von dem, was bewahrenswert ist, haben sie in ihrem mit natürlicher Schönheit gesegneten Land bewahren können.

Kommt das Wetter ihr glückhaft entgegen, ist die Schweiz mühelos in der Lage, das Traumbild ihrer selbst in die Luft zu schwindeln. Die klaren Gebirgsseen, Berge und Auen, die schmucken Städte, sie wetteifern darin, die Traumschweiz vor den Augen des Betrachters entstehen zu lassen.

Wie gerne möchte ich der Schweiz, wenn ich sie in ihrem schönsten Kleid sehe, einen sittigenden Einfluss auf ihre Bewohner zubilligen, der weit über das hinausgeht, was bei uns üblich ist. Das realistische Auge merkt allerdings wohl, dass die hiesigen Verhältnisse den unseren manchmal zum Verwechseln ähneln. Auch in der Schweiz gibt es monströse Fettleiber, in den Zügen legen manche Leute ungeniert ihre Füße auf die Polster, Erwachsene führen sich wie Säuglinge auf, sie werfen ihren Trinkmüll und Essmüll herum, auf den Gehwegen glänzen die Spuckbatzen, überall kleben die widerlichen Kaugummis, ganz wie bei uns wird oft lauthals telefoniert, aus Kopfhörern dringt das nervtötend dünne Gekreisch. Selbst in einer so sehr zum Wohlleben entschlossenen Kleinstadt wie Lenzburg sieht man am Wochenende sturzbetrunkene Kinder und Halbwüchsige im zubetonierten Areal des Migros herumtorkeln. Sie werfen Mülltonnen in den Fluss, grölen herum, kotzen; und kein Streifenwagen, der sie daran hinderte.