Christoph Schlingensief lehnt an einer Lehmhütte mitten in Burkina Faso, Westafrika, und schließt die Augen. Eben hat ein heftiger Schauer die Luft abgekühlt, aber die Lehmwand der Hütte hat die Hitze des Tages noch gespeichert. »Wunderschön«, sagt Schlingensief, »diese Wärme.« Er hat sein Hemd durchgeschwitzt, um ihn herum toben Kinder, Ziegen laufen durch den Sand. Es gibt keine Straße, die in dieses winzige Dorf führt, und es kommt nicht oft vor, dass sich ein Weißer hierher verirrt. Aber er ist jetzt da.

Vier Stunden lang ist Schlingensief in einem chinesischen Minibus von Ouagadougou, der Hauptstadt, in dieses Niemandsland gefahren, zwischendurch hatte er einen Schwächeanfall. Aber jetzt, am Abend, sitzt er mit seinen Begleitern im Hof des Häuptlings und verspeist in der Finsternis, die nur von einer Taschenlampe erhellt wird, ein frisch geschlachtetes Huhn. Als der Häuptling aus der Lehmhütte tritt und ihn begrüßt, hält er Schlingensiefs Hand lange fest. Dann fragt er auf Morée, der Landessprache, in die Runde: »Was ist mit eurem Freund los? Geht es ihm nicht gut?«

Er solle auf Flugreisen verzichten, hatte Schlingensiefs Arzt gesagt, Menschenaufläufe meiden, keine Hände schütteln. Die Infektionsgefahr. Eine einzige Lungenentzündung könne ihn töten.

Christoph Schlingensief, vor 48 Jahren in Oberhausen geboren, Theater- und Opernregisseur, Filmemacher und Aktionskünstler, krebskrank, sitzt in diesem Dorf namens Gando zwischen Hütten mit Dächern aus Stroh. Acht Kilogramm hat er abgenommen in den vergangenen Monaten. Dies ist eine Reise gegen den Rat seiner Ärzte, scheinbar wider alle Vernunft, wie so oft.

Im Januar vergangenen Jahres hatten die Ärzte bei ihm ein Karzinom in der Lunge diagnostiziert, bösartigen Krebs. Der linke Lungenflügel und Teile des Zwerchfells mussten sofort entfernt werden, danach kam die Chemotherapie. Aber in den nächsten acht Tagen wird er bei 42 Grad im Schatten durch Burkina Faso hetzen, wird mit Kindern und Ministern sprechen. Christoph Schlingensief, der Todkranke, will der Welt ein Festspielhaus hinterlassen, ein Opernhaus bauen. Hier in Gando könnte es stehen, wo es keinen Strom gibt und kein Licht und wo die Frauen mit der Kraft ihrer Arme Hirse stampfen. Vielleicht ist das hier seine letzte große Inszenierung, seine letzte große Suche. Aber was sucht er?

Es ist der zweite Tag seiner Reise, als Christoph Schlingensief in einem Büro des Goethe-Instituts in Ouagadougou in einer Runde bunt gekleideter Afrikaner sitzt. Surrend kreist ein Ventilator, Schlingensief ist nervös. Er kann kein Wort Französisch, aber er muss ihnen erklären, warum er ausgerechnet in ihrem kargen Land ein Opernhaus bauen will.

Schlingensief sitzt am Kopfende eines langen Tisches, neben ihm ein junger Dolmetscher, vor ihm eine Frau aus dem Informationsministerium, eine Choreografin, Theaterdirektoren, Kinobetreiber. »Christoph Schlingensief ist einer der berühmtesten deutschen Künstler, der die Bourgeoisie in Deutschland immer wieder provoziert hat«, sagt Peter Stepan, der Leiter des Goethe-Büros. Die Afrikaner klatschen und setzen erwartungsvoll ihre Brillen auf. Dann spielt Schlingensief ihnen auf seinem Laptop Szenen aus seinem letzten Theaterstück vor. Eine Kleinwüchsige wackelt im Papstkostüm über den Bildschirm. »Und da sehen wir jetzt einen Hasen, der von Würmern zerfressen wird«, sagt Schlingensief. »Aus dem Tod entsteht neues Leben.«

Klingt das alles nicht nach Kinski und nach Fitzcarraldo?

Die Afrikaner schweigen konzentriert. 80 Prozent ihrer Landsleute sind Analphabeten, von Oper haben die noch nie gehört, und dieser Mann hier hat eine eigenartige Frisur. In die Stille hinein erwähnt Schlingensief, dass das Stück in Berlin ausverkauft gewesen sei, dass er damit seine Krebserkrankung reflektiert habe und dass er nun gekommen sei, um von den Afrikanern zu lernen.

Man kann nicht sagen, dass sie hier auf ihn gewartet haben. Schon in Deutschland klang sein Plan irgendwie nach Wahnsinn und Weltflucht, nach Kinski und Fitzcarraldo. Da kämpft sich einer durch Afrika und zimmert ein Opernhaus.

»Ich meine das ernst«, sagt Schlingensief. In seinem Opernhaus sollen Künstler aus Afrika und Europa zusammenkommen. Er hat sich die Unterstützung von Außenminister Steinmeier geholt, vom Goethe-Institut, und er hofft auf private Spender – etwas mehr als eine Million Euro wird Schlingensief wohl brauchen. Und nun ist er hier in Burkina Faso mit einem fünfköpfigen Team, um nach einem geeigneten Ort zu suchen: Peter Anders vom Goethe-Institut in Johannesburg, Francis Kéré, ein Architekt aus Gando, der in Berlin lebt, Thomas Goerge, Schlingensiefs langjähriger Bühnenbildner, seine Projektleiterin Celina Nicolay und die Kostümbildnerin Aino Laberenz, die seit fünf Jahren seine Freundin ist.

Schlingensiefs Weg nach Afrika führte über Oberhausen. In den Tagen nach der Diagnose ging er zum Grab seines Vaters. »Dort«, sagt er, »habe ich mir geschworen, dieses Opernhaus zu bauen. Ein Opernhaus, eine Krankenstation, eine Schule.« Etwas Konkretes, Nützliches. In den Tagen vor der Operation schrieb Schlingensief sein Testament. Sein letzter Wille ist, dass dieses Opernhaus gebaut wird. Sein Vermächtnis.

Gleich nach der Chemotherapie flog er nach Kamerun, aber dort brach er zusammen, er konnte kaum das Hotel verlassen. Demnächst will er sich in Mosambik und Tansania umsehen. Am Vormittag hat er mit einer Delegation des Kulturministers von Burkina Faso einige Baubrachen besichtigt.

Nach seinem Vortrag im Goethe-Institut blickt Schlingensief in ratlose Gesichter. »Sie sind ein großer Mann, der daran glaubt, was er macht«, hebt schließlich ein Theaterbesitzer an, »aber was genau ist Ihr Plan?«